Apotheker sorgen sich um Versorgung in der Vulkaneifel

Gesundheit : Wohnortnahe Apotheken sind nicht selbstverständlich

In ländlichen Gebieten wie der Vulkaneifel sind nicht nur Ärztemangel und Geburtshilfeschließung Anzeichen für Probleme in der Gesundheitsversorgung. Apotheker sorgen sich um den Erhalt des dicht geknüpften Netzes.

In jüngster Vergangenheit wurden die Menschen der Region besonders dafür sensibilisiert, dass gesundheitliches Wohlergehen nicht unabhängig ist von ihrem Wohnort. Die Schließung der Geburtshilfe in Daun, die Insolvenz des Krankenhausträgers ViaSalus mit dem Standort Zell/Mosel, fehlende Nachfolger für Arztpraxen: Es wird eng für die medizinische Versorgung, so der Eindruck. Und laut Branchenportal „apotheke-adhoc.de“ greift die Schieflage allmählich auch auf einen Berufsstand des Gesundheitssektors über, der traditionell als ein Hort der Beständigkeit gilt. Im vergangenen Jahr schlossen deutschlandweit nach den Daten der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände 422 Apotheken, nur 97 eröffneten neu. Fast jeden Tag, so eine Pressemitteilung vom 6. Februar, gab ein Apothekeninhaber auf. Bezogen auf die letzten zehn Jahre schrumpfte die selbstständige Apothekerschaft um 21 Prozent. Mancherorts bedeutete dies nicht gleich das Aus für den Standort, sondern im Rahmen einer zunehmenden Konzentration wurden manche Apotheken zur Filiale.

„Das hält das Apothekensterben zwar etwas auf, aber es ist keine nachhaltige Lösung“, sagt Bob van Bosveld Heinsius. Er übernahm 2008 die Rosen-Apotheke in Daun, 2010 die Hubertus-Apotheke in Gerolstein und 2014 die Hirsch-Apotheke in Manderscheid.

Vor kurzem gründete er gemeinsam mit Sophie Scheppe eine neue OHG als Trägergesellschaft. Die Rechtsform ist Pflicht, weil der Inhaber einer Apotheke stets persönlich haftet, und maximal vier Filialen darf er führen. „Das ist Schutz und Hemmnis zugleich. Schutz, weil so Konzerne keinen Zugriff auf die Apotheken erhalten. Hemmnis, weil so die Übernahme schwer wird, falls ein Nachfolger fehlt.“

Van Bosveld Heinsius und Scheppe sehen nicht einmal den in ihrer Branche oft gescholtenen Versandhandel mit Medikamenten als das eine große Problem. „Gerade auf dem Land macht es Sinn, selbst Online-Bestellmöglichkeiten anzubieten, was wir und andere Kollegen in der Eifel tun. Und im Gegensatz zu anonymen Großportalen haben wir Apotheker vor Ort auch digital sowie mit den Botenservices den direkten persönlichen Draht zum Patienten, zu den Ärzten oder etwa auch zu Pflegediensten“, beschreiben sie ihre Einstellung, die den Online-Handel nicht gänzlich ablehnt. Digital funktionieren auch so genannte Rezeptsammelstellen, die kürzlich in Rheinland-Pfalz eingeführt wurden und gebietsweise entstandene Versorgungslücken schließen sollen.

Die größte Gefahr sehen die beiden Apotheker vielmehr im Fachkräftemangel. „Es besteht Präsenzpflicht, das heißt, während der Öffnungszeiten und Notdienste muss immer mindestens ein Apotheker vor Ort sein. Das engt die Flexibilität der Lebensgestaltung doch ein, hinzu kommt ein strenger Numerus Clausus für das Pharmazie-Studium, ähnlich wie bei Medizin.“ Die Folge: zu wenig Studienabsolventen. „Auch die Ausbildungsbewerbungen zu Pharmazeutisch-Technischen Assistenten (PTA) werden rarer“, beobachtet van Bosveld Heinsius, der als Prüfer an der Trierer PTA-Schule tätig ist.

Für ihn und Sophie Scheppe ist darum klar: „Das Apothekennetz kann in der Vulkaneifel dicht geknüpft bleiben, wenn wir es schaffen, die medizinische Versorgung auf dem Land mit allen beteiligten Sektoren zu erhalten. Und alles zusammen geht, wenn wir es schaffen, junge Leute herzuholen.“

Sophie Scheppe selbst ist ein Beispiel dafür: Die Gillenfelderin kehrte nach einem Pharmazie- und einem Arzneimittelforschungs-Studium in Bonn, einem Praktischen Jahr unter anderem in Lissabon sowie beruflichen Stationen in Heidelberg in ihre Heimat zurück. „Es hat mich gereizt, hier meinen Beruf im Schulterschluss mit einem Kollegen ausüben zu können. Apotheker als Einzelkämpfer, das funktioniert nicht.“

Tilman Scheinert, Geschäftsführer der rheinland-pfälzischen Landesapothekerkammer, betont die Verflechtung mit der Bevölkerungsstruktur und der sonstigen medizinischen Versorgung: „Gerade in der Eifel wird oft die Gemeindegröße und die Ärztedichte ausschlaggebend sein, ob sich eine Apotheke an ihrem Standort behaupten kann. Eine öffentliche Apotheke versorgt in der Regel lokal, maximal regional. Sie ist abhängig von der Kunden- und Patientenstruktur, die wiederum von der Entwicklungsperspektive der Gemeinde abhängt. Wo es keine Arztpraxen (mehr) gibt, kann eine Apotheke wirtschaftlich nicht überleben.“

Hinzu kämen Hemmnisse, die sich betriebswirtschaftlich negativ auswirken. Die Honorarsituation bei verschreibungspflichtigen Medikamenten sei starr, treffe jedoch auf steigende Betriebs- und Personalkosten. Zudem gebe es immer mehr gesetzliche Vorgaben, die Investitionen und Mehrarbeit nach sich ziehen. Scheinert nennt das verpflichtend einzuführende Organisationssystem securPharm, „das der Apotheke selbst keine Arbeitserleichterung, sondern zusätzlichen Aufwand bringt. Es folgt ebenfalls in 2019 die verpflichtende Anbindung an die sogenannte ‚Telematik Infrastruktur‘. Eine Gegenfinanzierung beider Maßnahmen fehlt!“

Insbesondere kleinere Landapotheken werden so „nicht selten vor nicht überbrückbare organisatorische und finanzielle Hürden“ gestellt.

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