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Babyboom auf Station vier

Babyboom auf Station vier

Als im Jahr 2013 die Geburtshilfeabteilung im Krankenhaus Gerolstein schloss, war für viele Schwangere im Vulkaneifelkreis guter Rat teuer. Inzwischen suchen viele Frauen das Klinikum in Daun auf. Dort kommen nun immer mehr Kinder auf die Welt - und das soll laut Pflegeleitung dauerhaft so bleiben.

Daun. Asya Bicer sitzt noch leicht geschafft auf einem Stuhl und blickt auf das strampelnde Glück, das in ihren Armen liegt. 55 Zentimeter groß, 3860 Gramm schwer ist der kleine Luuk Swart, den sie Anfang Januar auf die Welt gebracht hat. "Ist er nicht bezaubernd?", fragt sie und lächelt. Für die Frau aus Gerolstein war es keine Frage, wo ihr Sohn zum ersten Mal das Licht der Welt erblicken soll. In Daun. "Meine Mutter arbeitet in dem Krankenhaus. Neben mir sind hier schon meine drei Geschwister und mein Neffe auf die Welt gekommen", sagt Bicer.
Eine andere Wahl hätte sie aber auch ohne diesen Herzenswunsch nicht gehabt. Die Geburtshilfeabteilung in Daun ist die einzige im Vulkaneifelkreis, seit die Station in Gerolstein vor 18 Monaten ihre Tore schloss.
Wo der Storch regiert


Pflegeleiter Karl-Heinz Sicken freut sich seitdem über einen deutlich erkennbaren Babyboom im Klinikum in der Wirichstraße. Kamen 2012 noch 300 Kinder in Daun auf die Welt, waren es 2013 bereits 342 und im vergangenen Jahr gar 380. Die Mitarbeiter haben sich inzwischen an die neuen Bedingungen gewöhnt, seit auch viele Mütter aus Gerolstein nach Daun fahren. Christiane Rübenach, die als Hebamme arbeitet, sagt mit einem Lachen: "Das Einzugsgebiet ist mittlerweile so groß, dass ich oft dreimal fragen musste, woher die Menschen kamen. Weil ich die Ortsnamen noch nie gehört hatte." Die tägliche Arbeit sei mehr geworden. Der Schreibkram bleibe häufig liegen, doch der Stress nage nicht an ihr. Sie zeigt auf einen Storch, den eine Kollegin an der Station 4 an die Wand gemalt hat. "Wir haben eine Menge Spaß. Wer die Hilfe, ein Kind auf die Welt zu bringen, als Last empfindet, hat den falschen Job gewählt."
Dabei weiß Rübenach, die seit elf Jahren in der Dauner Klinik arbeitet, um die guten Bedingungen am Arbeitsplatz. Denn das Haus beschäftigt die Hebammen auf Teilzeitbasis. Das Beschäftigungsmodell ist für Mitarbeiterinnen attraktiv. Die hohen Haftpflichtversicherungskosten, die sie bei einer rein freiberuflichen Tätigkeit leisten müssten (siehe Extra), zahlen sie nicht, da sie über die Klinik versichert sind. Eine weitere Stelle schuf das Krankenhaus nun sogar noch für 2015, acht Hebammen arbeiten nun im Dauner Haus. Vorteile hat das Modell auch für Schwangere, die Hilfe brauchen. "Die Geburtshelferinnen sitzen nicht zu Hause und warten auf einen Anruf. Von ihnen sind immer welche auf der Station - 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr", so Sicken. Das gelte auch für Anästhesieärzte und Pflegekräfte. "Kommt eine Frau zu uns und liegt in den Wehen, können wir ohne Wartezeit schnell helfen."
Für Sicken ist es so gar keine Frage, dass die Station in der Stadt dauerhaft bestehen bleiben soll - anders als in Gerolstein. "Die Geburtshilfe ist für uns wichtig, weil wir den Menschen mit ihr ein positives Erlebnis in unserem Hause bereiten können. Das ist unsere Philosophie. Und diese steht bestimmt nicht zur Debatte." Der Einsicht sei auch die Landesregierung, betont Sicken. "Wenn wir mal wegbrechen sollten, hätten schwangere Frauen kilometerweite Fahrten nach Wittlich, Trier, Mayen oder Koblenz vor sich. Das kann kein Mensch wollen."Extra

Das Krankenhaus Gerolstein hat seine Geburtshilfeabteilung zum 30. Juni 2013 geschlossen, obwohl die Stadt mit einer Unterschriftenaktion dagegensteuern wollte. Als Gründe für das Aus wurden die Kündigung von drei Hebammen nach erfolglosen Lohnverhandlungen, Ärztemangel und sinkende Geburtenzahlen angeführt. Die Klinikleitung sah die Sicherheit für die Patienten so nicht mehr gewährleistet. Auch das wirtschaftliche Denken spielte eine Rolle. 2012 kamen in Gerolstein 157 Kinder auf die Welt - 400 hätten es sein müssen, um finanziell über die Runden zu kommen. florExtra

Wenn Hebammen nicht vom Krankenhaus versichert werden wie in Daun, ist der Job für sie ganz schön teuer. Für freiberufliche Hebammen, die Geburtshilfe leisten, beläuft sich der Betrag ihrer Haftpflichtversicherung in diesem Jahr ab dem 1. Juli auf 6274 Euro. Diese ist nötig, falls ein Neugeborenes wegen Behandlungsfehlern der Geburtshelferin mit gesundheitlichen Schäden auf die Welt kommt. Außerdem gibt es ab Mitte 2016 noch keine Versicherung, die Angebote für Hebammen bereitstellt. Der Beruf ist so stark bedroht. Karl-Heinz Sicken, Pflegeleiter vom Krankenhaus in Daun, sieht die Politik in der Pflicht: "Junge Menschen werden jetzt schon bei der Berufswahl abgeschreckt." flor