Baufirma froh, Geschäftsleute sauer
Gerolstein · Ende in Sicht: Der Ausbau der Raderstraße in Gerolstein, der vermutlich im November abgeschlossen sein wird, hat Anlieger, Verkehrsteilnehmer und Arbeiter rund 17 Monate beschäftigt. Eine Bilanz.
Gerolstein. Lothar Kowalewski bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Der Inhaber einer kleinen Baufirma aus Bodenbach, der in der Raderstraße als Subunternehmer tätig ist, setzt einen Rinnstein nach dem anderen: Die Schnur ist gespannt, der nur leicht feuchte Beton locker aufgeschüttet, die Steine bereits auf gut zehn Metern provisorisch verlegt. Zwei, drei Schläge mit dem kleinen Gummihammer, mit der Wasserwaage kontrolliert, noch ein sanfter Stoß von oben, und schon sitzt der Stein. Und nun der nächste und der nächste und …
"Bis Ende der Woche sitzen hier alle Bord- und Rinnsteine", sagt er und zeigt auf das Ende des letzten Ausbaustücks der Raderstraße - von der Einmündung der Schulen bis zur Zufahrt Jugendherberge und Hotel Calluna. Auf diesem Teilstück lässt die Stadt noch zusätzlich einen Gehweg samt Laternen errichten.
Weiter unten, an der Einfahrt zum Schwimmbadparkplatz, lässt derweil die Kolonne um Polier Reinhard Statnik die Finger rundgehen. Es gilt, die für den Straßenbau aufgefrästen Einfahrten wieder zu asphaltieren.
Nachdem die Arbeiter die Stelle bereits gereinigt und mit Bitumenkleber besprüht haben, schaufelt Heinrich Diewald mit dem Bagger den dampfenden Asphalt vom Lastwagen.
Auf dem Boden verteilen Arbeiter Siegfried Niemeyer und Azubi Matthias Weiler den schwarzen Brei, den Polier Statnik glatt zieht. Anschließend wird die Fläche gewalzt, und die Crew setzt sich zur nächsten Mini-Baustelle in Bewegung. Denn von diesen Restarbeiten gibt es noch eine ganze Reihe in der Raderstraße.
Ansonsten aber ist das Ende der Großbaustelle nah. Größtes Vorhaben ist nun noch, rund 300 Meter Fahrbahndecke von den Schulen bis zur Calluna-Einmündung abzufräsen und anschließend den gut 500 Meter langen Straßenabschnitt vom Burgring bis zum Ortsausgang mit einer neuen Asphaltschicht zu überziehen.
"Das ist für die erste Novemberwoche geplant", sagt Arno Becker, Bauleiter der Firma HTI aus Daun-Pützborn, die den Auftrag für die Erneuerung und den Ausbau der Raderstraße bekommen hat. Im November werde die Baustelle fertiggestellt, kündigt er an. Seine Bilanz nach rund 17 Monaten Bauzeit: "Alles in allem bin ich zufrieden. Wir bleiben im Kosten- und im Zeitrahmen, denn es waren ja 18 Monate angesetzt. Und mit den Anliegern war es - trotz der Sperrungen und Umleitungen - ein gutes Miteinander."
Alles andere als zufrieden ist Andrea Bogatzki, Direktorin des Hotels Calluna, das am oberen Ende der Baustelle liegt. Ihr Fazit: "Die Baustelle war eine einzige Katastrophe." Vor allem die Beschilderung der Umleitungsstrecke bringt sie in Rage: "Viele unserer Gäste waren richtig verärgert, weil sie uns nicht finden konnten. Ein Gast ist in der Baustelle im Winter steckengeblieben, andere haben aus der Stadt angerufen und uns aufgefordert, sie abzuholen. Und dann haben sie bei uns erst einmal Dampf abgelassen."
Die Beschilderung zum Hotel war nach Ansicht der Direktorin "nicht so, dass Ortsunkundige es finden konnten". Selbst etliche Telefonate mit der Baufirma oder dem LBM hätten zu keiner wesentlichen Besserung geführt. Regelrecht "eingebrochen" ist nach Auskunft von Bogatzki das Tagesgeschäft.
Sie sagt: "Wir haben mittlerweile das Restaurant zur Mittagszeit geschlossen, weil viele Firmen, die zu uns essen kamen, es einfach nicht mehr zeitlich geschafft haben. Es macht erst ab 18 Uhr auf, und unser Bistro nun erst ab 15 Uhr."
Ob die Zeiten wieder rückgängig gemacht werden, ist noch offen. "Wir müssen erst einmal versuchen, die verlorenen Gäste zurückzugewinnen", sagt Bogatzki und hofft daher inständig, "dass die Baustelle bald fertig ist".
Auch Heinz Weber, Vorsitzender des Gewerbevereins Gerolstein, fand die Beschilderung "schlecht, weil viel zu klein". Außerdem hat auch ihm die Baustelle "viel zu lange gedauert". Er sagt: "Zwei Millionen Euro müssen im Straßenbau locker in sechs bis acht Monaten verbaut sein."
Er plädiert - auch im Hinblick auf den dritten Bauabschnitt der Hauptstraße: "Anstatt eine Alibibaustelle aufzumachen, sollte man besser gut planen und eventuell später anfangen, aber dann durchziehen - und für jeden Monat Verzug hat die Baufirma 50 000 Euro Konventionalstrafe zu zahlen."
Nach dem Ausbau der Sarresdorfer Straße (2007/2008), der Hauptstraße (2010/2011) und nun auch der Raderstraße (2010/2011) sagt er aber auch: "Ich bin erstens froh, dass wir nun neue Straßen haben. Zweitens, dass die Arbeiten nun fast fertig sind. Und drittens, das wir nach dem letzten Abschnitt der Hauptstraße hoffentlich erst einmal zehn Jahre Ruhe haben."Extra
Ausbau der Raderstraße (L 29) in Gerolstein: Zeit: Baustart Juni 2010, Fertigstellung November 2011, Bauzeit: rund 17 Monate Kosten: rund 2,2 Millionen Euro, davon übernehmen 1,2 Millionen Euro das Land, 790 000 Euro die Stadt Gerolstein und 190 000 Euro die Verbandsgemeindewerke Gerolstein (für den Kanalbau). Länge: rund 1,4 Kilometer (von der Hochbrücke bis zur Einmündung Jugendherberge. Material: Knapp 25 000 Tonnen Bodenaushub (entspricht rund 1300 Ladungen eines Vier-Achser-Lastwagen); 18 600 Tonnen Lava eingebaut (knapp 1000 Lastwagen-Ladungen); 7000 Tonnen Asphalt (gut 360 Lastwagen-Ladungen); gesetzt wurden 6000 laufende Meter Bordstein und Rinnstein; verlegt wurden insgesamt 5000 Quadratmeter Pflastersteine; zudem wurden 1100 laufende Meter Kanalrohr, 450 laufende Meter Wasserleitung und 4000 laufende Meter Leerrohr verlegt. mh