1. Region
  2. Vulkaneifel

Bauingenieur Jürgen Mathar zum Thema Stadtentwicklung Hillesheim

Interview : „Leerstände sind meist nur von kurzer Dauer“

Der Bauingenieur bei der VG und gebürtige Hillesheimer ist seit Jahren mit der Sanierung seiner Heimatstadt befasst.

Jürgen Mathar ist der Kenner der Stadtentwicklung. Der Bauingenieur hat die Anfänge als Kind miterlebt und später als Fachmann begleitet. Er könnte auch ein Buch darüber schreiben, sagt er.

Herr Mathar, vor 40 Jahren wurde Hillesheim europäische Beispielstadt. Was hat diese Auszeichnung  konkret für die Stadt gebracht?

Jürgen Mathar: Durch diese Auszeichnung wurde die Stadt deutschlandweit bekannt, was zu zahlreichen Besuchen von Räten, Fachgruppen und privaten Interessenten führte. Wir gingen als positives Beispiel einer umfassenden Stadtkernsanierung neben Beispielstädten wie Wuppertal, Hamburg, Karlsruhe Burghausen und Ettlingen mit voran.

Diese und weitere Auszeichnungen für die gelungene Sanierung sind vielen heute  nicht mehr gegenwärtig. Besteht die Gefahr, dass das bisher Erreichte gefährdet wird durch Bausünden und architektonisches Durcheinander?

Mathar: Diese Gefahr besteht und ist hier und da auch erkennbar, im Großen und Ganzen hat die damalige Stadtgestaltung jedoch ihren Bestand bewahren können. Immerhin hat seither ja mindestens ein Generationenwechsel  stattgefunden, und jede Generation hat ihre Wünsche und  Vorstellungen. Diese müssen dann im Bestand, behutsam und mit Um- und Weitsicht, umgesetzt werden. Und das gelingt fast immer.

Sind Hauseigentümer heute noch an das Sanierungskonzept gebunden?

Mathar: Es gab eine Gestaltungssatzung, die jedoch seit geraumer Zeit keine Rechtsverbindlichkeit mehr hat. Dennoch fragen Bauherr*Innen und Planungsbüros auch heute noch danach, wenn Umbauten oder Sanierungen im Stadtkern anstehen – insbesondere wird nach den Vorschlägen der Farbgestaltung der einzelnen Häuser und Häusergruppen im Ortskern nachgefragt.

Zu Beginn der Sanierungsphase ab 1975 gab es wohl bei den Bürgern zunächst eine ablehnende Haltung zu den neuen Plänen. Dann änderte sich das aber und die Hillesheimer gingen mit. Wie kam das?

Mathar: Das Team um den planenden Architekten Tassilo Sittmann aus dem Taunus hat mit jedem Hauseigentümer persönlich gesprochen und sogar bei den ersten Farbanstrichen an Häusern selbst Hand mit angelegt. Das war bemerkenswert und überzeugend. Dann machte einer nach dem Anderen mit und niemand wollte zurückstehen. Die Höhe der Bundesfördermittel war natürlich ebenso ein hoher Anreiz für Bauinvestitionen.

Gemeinschaftsbewusstsein, Bürgerbeteiligung, soziale Einrichtung, Infrastruktur, Arbeitsplätze waren das Ziel. Ist das erreicht worden?

Mathar: Ja, auf jeden Fall. Vor der Stadtsanierung war Hillesheim, der großen Kriegsbeschädigungen wegen, quasi erstarrt – eine städtebauliche Zukunft nur schwer vorstellbar.

Durch die Stadtsanierung wurden neuer Wohnraum geschaffen und Geschäftsräume zur Verfügung gestellt. Es kamen zum Beispiel ein Zahnarzt und eine Apotheke sowie  Läden und Lokale zusätzlich in den Stadtkern, der vorher eher „tot“ war. Und die Statistiken zeigen, dass die Bevölkerung merklich und stetig zugenommen hat. Es konnte der  Landflucht durch ein attraktives Wohnen und Arbeitsplätze entgegengewirkt werden. Seit zehn Jahren existiert eine Seniorengruppe, die sich um die Pflege der Stadt mit den Stadtarbeitern kümmern. Viele der Senioren waren selbst Akteure der Stadtsanierung und wissen Ihren Wert zu schätzen.

Gibt es Fehlentwicklungen wie Leerstände, Problem-Ecken oder Verkehrsprobleme?

Mathar: Der Leerstand war jahrzehnte lang gleich „null“, ist derzeit sehr gering und meist nur von kurzer Dauer. Der Durchgangsverkehr über die B  421 und L 10 / L 26, war und ist ein Problem; eine Umgehungsstraße wurde von der Stadt jedoch, auch mit Blick auf die Gefahr einer „Verödung“ des Stadtkerns, abgelehnt. Der Lückenschluss der A 1 würde helfen, den Verkehrsdruck  aus der Stadt raus-zuhalten. Zum Thema Fehlentwicklung sei anzumerken, dass die Stadt meines Ermesses nach  besser auf den Erhalt, die Weiterentwicklung und den Ersatz der seinerzeit als vorbildlich bewerteten „Stadt-Durchgrünung“ achten muss. Mancher Baum im Stadtkern wurde vielleicht zu schnell zu groß, aber unnötige Fällungen und nicht fachgerechte Rückschnitte – wie zuletzt leider geschehen –  gefährden das Stadtbild und die  Aufenthaltsqualität auch für Touristen.

Was, denken Sie, müsste als Nächstes angegangen werden? Ist Hillesheim auch weiter gut gerüstet als Klein- und Unterzentrum?

Mathar: Da sind schon „Baustellen“, die sich seither aufgetan haben. So gibt es seit Jahren keinen Schweinemarkt mehr auf dem Lindenplatz und keinen Viehmarkt mehr. Beide Plätze müssen neu gestaltet und für eine Mehrfachnutzung „Parken und Veranstalten“ ausgebaut werden. Auch suchen Firmen Flächen im Industrie- und Gewerbegebiet, die nicht mehr vorhanden sind und mit der Neuaufstellung des Flächennutzungsplanes geschaffen werden müssen. Derzeit kann die Stadt die Anfragen nicht bedienen.  Gleiches gilt für den privaten Wohnungsbau, da kann sie  zurzeit keine Grundstücke  anbieten. Aber hier ist sie seit der letzten Kommunalwahl mit aller Anstrengung dabei, allein drei Baugebiete in Hillesheim und je eines in den Stadtteilen Bolsdorf und Niederbettingen auf die Beine zu stellen. Aktuell gibt es, für Baulücken in der Stadt, vermehrt Anfragen von Investoren für den Mietwohnungsbau.

War Hillesheim auch Beispielstadt für andere Städte?

Mathar: Ich denke schon, aus der Masse an Besuchern, in den 80er/ 90er Jahren und danach bis heute, werden manche Ideen übernommen haben. Ob eine  Gemeinde den Weg jetzt 1 : 1 „nachgeahmt“ hat, weiß ich nicht. Aber es gibt  immer noch Anfragen wegen Facharbeiten zur Stadtsanierung Hillesheims bei Diplom- und Masterabschlüssen.