Blomen ströppen

DAUN. Vor der Fronleichnamsprozession schwärmten die Kinder aus, um im Wald den dazugehörigen Blumenschmuck zu besorgen. Der Brauch ist inzwischen in Vergessenheit geraten.

"Mir joahn Blomen ströppen": So antworteten noch vor wenigen Jahrzehnten Schulkinder, wenn man sie in der Woche vor Fronleichnam nach ihrer nachmittäglichen Tätigkeit fragte. Blumen sammeln für Fronleichnamsaltäre, das war eine so wichtige Arbeit, dass sogar Lehrer in diesen Tagen ihren Schulkindern keine Hausaufgaben erteilten. Dann sah man die Kinder nachmittags durch die Wiesen und Wälder streifen, um Tausende von weißen Margaritenköpfen oder wilden Lupinen, von dunkelrotem Honigklee oder goldgelbem Ginster abzustreifen. Andere Kolonnen durchstreiften die Wälder, zwickten Tannenspitzen von den Zweigen, schlugen kleine und große Fichtenbäume und sehr viel Birkenzweige, die später die Straßen umsäumten und Altäre schmückten. Rasch füllten sich die Blumenkörbe, die die Kinder dann den schulentlassenen Mädchen und Frauen ablieferten. Als kleines Dankeschön erhielten sie dann Süßigkeiten oder einen Stück Kuchen. Ich erinnere mich noch gut, dass ich nach dem Krieg stets meine "geströppten" Blumen in einer Dauner Metzgerei ablieferte und als Dank eine fingerdicke Scheibe Leberwurst erhielt - damals eine seltene Köstlichkeit. Das meiste davon ist heute bereits Vergangenheit. Man sieht so gut wie nirgends mehr Kinder durch die Wiesen laufen, um Blumen zu sammeln. "Bei all den Terminen und den nachmittäglichen Schulangeboten haben die kaum mehr Zeit", hört man von Erwachsenen. Es würde aber heute den Jugendlichen mehr als schwer fallen, noch genügend blühende Wiesen zu finden. Bereits Wochen vor Fronleichnam und Wochen vor der Blüte sind sie abgemäht, zu Silage und Heu verarbeitet. Dafür sind aber noch häufig Ginsterblüten zu sehen, viele zarte und edle Gartenblumen und immer mehr in allen Farben leuchtendes Sägemehl, das die verschiedensten Gestaltungsmöglichkeiten hergibt. In manchen Dörfern der Vulkaneifel ist es Brauch, von Haus zu Haus Geld zu sammeln, mit dem dann Blumenschmuck gekauft wird. Und bis heute sind es immer noch überwiegend Frauen, die sich der Gestaltung der Fronleichnamsaltäre annehmen. In manchen Dörfern bilden sich "Rotten", Frauen einer genau definierten Nachbarschaft. In anderen Orten treffen sich Frauengemeinschaften und -vereine eines ganzen Dorfes, das sich als Filialort um die Gestaltung eines Altares kümmert. Sind auch in vielen Orten nicht mehr überall vier große Stationsaltäre zu finden, sind auch die vielen kleinen privat erstellten Hausaltärchen zur Seltenheit geworden, so werden die verbleibenden Altäre aber immer noch mit großer Liebe und Sorgfalt, mit Fahnen und Kerzen, mit Tannenbäumchen und bunten Girlanden geschmückt. Blumen in Vasen und herrliche Blumenteppiche zieren die Altäre, von denen der Priester in die vier Himmelsrichtungen den Segen spendet. Wahre Kunstwerke entstehen so in stundenlanger Arbeit. Kreativität ist gefragt. Wetteifern zwischen den einzelnen Gruppen, einzelnen Ortschaften macht sich breit. Kunstsinnige entwerfen am Computer Fronleichnamsmotive und Schriften, die auf Quadratmeter große Holzplatten oder Papierbahnen vorgezeichnet werden. Geändert hat sich auch auf Grund des Priestermangels und der Zusammenlegungen von Pfarreien das Datum einer Fronleichnamsprozession. Sie gehen nicht mehr nur an jenem Donnerstag nach dem Dreifaltigkeitssonntag, sondern oft noch an mehreren Sonntagen danach. In manchen Orten, die eines Gelübdes wegen sogar zwei Prozessionen pflegten (etwa Hilgerath), ist eine bereits unwiederbringlich fortgefallen.

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