Bonbons fürs Beten

AUEL. Vor einem halben Jahrhundert beteten die Leute bei Krankheits- und Todesfällen vor Fußfäll-Kreuzen. Eines davon steht noch im Eifeldorf Auel.

Ein wenig schräg ragt das Kreuz aus seinem steinernen Sockel. Als ob es sich gegen die Hauswand lehnen müsste, um nicht umzufallen. Ein schlichtes Kreuz, das kaum auffallen würde, wären da nicht die kräftig weißen Linien, die Nische, Herz, Inschrift und Konturen markieren. "Das ist unsere erste Fußfällstation", erzählt Georg Bernardy aus der Eifelgemeinde Auel. Als Kind ging er noch mit anderen Jungen und Mädchen die sieben Kreuze ab, um die sieben Fußfälle zu beten, wenn jemand im Dorf krank war und im Sterben lag. "Fußfäll" ist übrigens eine Aueler Besonderheit, fast überall in der Eifel spricht man vom "Fußfall". Traditionell waren es sieben junge Mädchen, die für eine gute Sterbestunde beten gingen, doch in vielen Dörfern holte man die ganze Schule. "Die Mädchen waren immer vorneweg, Jungen beten nicht so gern, aber hinterher gab es für jeden ein Bonbon", schmunzelt die 87-jährige Maria Palms aus Oberbettingen. Manchmal gingen die Kinder später noch den "Toten gucken", aber das war nicht jedermanns Sache. Wenn ein Dorf nicht genügend Fußfallkreuze hatte, zogen die Kinder weiter in die Nachbargemeinde. In Kirchwald sollen die Kinder nur ein einziges Kreuz angegangen sein, und auf der anderen Rheinseite, in Rott im Westerwald, waren es sieben erwachsene Frauen, die den Fußfall beteten. Spätestens in den 1950er Jahren geriet der Brauch in Vergessenheit. Aber viele denken noch gern zurück. "Das war eine gute Sache" bestätigt die Auelerin Trudel May, "denn es hieß, das Gebet der Kinder geht durch die Wolken."

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