Kriminalität: Dann flogen am Dauner Bahnhof die Fetzen

Kriminalität : Dann flogen am Dauner Bahnhof die Fetzen

Noch ist der Angeklagte nur vorläufig in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht – doch es könnte länger werden. Mit zahlreichen Straftaten soll der 32-Jährige in Daun Bürger, Touristen und die Polizei in Atem gehalten haben.

Der erste Verhandlungstag vor der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichts Trier war der Anklage vorbehalten (wir berichteten). Die Aufzählung reicht von Körperverletzung, gefährlicher Körperverletzung, schwerer Körperverletzung, sexueller Nötigung, Beleidigung, Bedrohung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte bis zum Verstoß gegen das Waffengesetz. Weiter ging es am ersten Tag nicht, weil die psychiatrische Sachverständige Dr. Sylvia Leupold verhindert war. Doch ihre Anwesenheit ist unabdingbar, da die Psyche des Angeklagten, der vorläufig in der Psychiatrie untergebracht ist, ein zentrales Thema darstellt. Zu Beginn des zweiten Tages ist der Angeklagte bereit, sich zum Lebenslauf zu äußern: In Gelsenkirchen aufgewachsen, Abitur auf dem zweiten Bildungsweg und „während der Schulzeit total verkifft“ – daher die erste Strafanzeige mit 16 Jahren. 2009 erstmals verurteilt, habe er zwei Jahre nichts genommen, dann aber 2013 wieder angefangen, sozusagen „zur Feier des Schulabschlusses“.

Der Versuch, sich selbständig zu machen, scheitert. Während einer Haftzeit versucht er erfolglos, ein Fernstudium zu beginnen. In dieser Zeit ziehen seine Eltern nach Daun, wohin er ihnen folgt. „In den zehn Monaten dort kam eine Reihe von Anzeigen zustande“, sagt er selbst.

Zu den Tatvorwürfen will er noch nichts sagen, sondern sich erst bei oder nach den Zeugenaussagen äußern. „Einige der kommenden Aussagen werden so nicht stimmen“, sagt der stämmige 32-Jährige – Hobby Kraftsport – wobei er unablässig nervös mit seinem Stuhl wippt.

Im Mittelpunkt dieses Tages stehen die Tatkomplexe „sexuelle Nötigung“ und eine Schlägerei mit Verletzten. Es beginnt mit einer Zeugin, die den 22. Juli 2019 nicht mehr vergessen wird. Sie saß an dem Abend mit ihrer Freundin in einem Lokal, bemerkte, dass sie kein Geld hatte, und ging zur nahen Sparkasse. Dann schildert die junge Frau, wie ihr der Angeklagte in den Automatenraum folgte und verbal begann, sie sexuell zu belästigen - „hast du Lust auf Sex?“ Dann sei er handgreiflich geworden, auch im Intimbereich, sie habe ihn abgewehrt und immer wieder „nein“ gesagt. Dann habe er nach etwa zwei Minuten von ihr abgelassen und gefragt, ob sie Monika sei. Kurze Zeit später hat sie ihn zusammen mit ihrer Freundin in der Fußgängerzone gesucht und gefunden. Sie wollten ein Bild von ihm machen zwecks Anzeige. „Der hat den Vorfall gar nicht ernst genommen und uns mit ,na ihr Süßen‘ begrüßt“, sagt die Freundin. Dann darf der Angeklagte sprechen und erklärt, dass „das eine blöde Verwechslung“ gewesen sei, er habe nach seiner Bekannten namens Ramona gefragt. Außerdem habe er in der Bank kein „Nein“ gehört und sie habe ihn auch nicht abgewehrt.

Nach dem gleichen Muster geht es weiter. Ein junges Berliner Paar hatte Daun am 21. Juli als Fahrradtouristen besucht, nun sind sie in Trier als Zeugen. Nach einem Gaststättenbesuch war sein Rad verschwunden. Sie fanden es aber bald wieder in der Fußgängerzone – allerdings mit dem Angeklagten drauf sitzend. Als sie ihn ansprachen, sei die Situation gereizt gewesen, provokant fröhlich habe er zunächst sogar „Finderlohn“ verlangt, dann das Rad aber zurückgegeben. Als sie in Richtung alter Bahnhof gingen, sei er ihnen gefolgt. Dort, vor dem Pavillon der Eisenbahnfreunde, flogen Minuten später die Fetzen. Er näherte sich mit einem dicken Stein in der Hand. Zuerst bekam die Berlinerin einen Schlag mit der flachen Hand ins Gesicht, dann traf ihren Freund ein Faustschlag, dass er zwischen die Bänke des Pavillons flog. Schließlich habe der Angeklagte den Liegenden mit Tritten traktiert. Der über 70-jährige Betreuer des Pavillons wollte nun dazwischengehen und erhielt einen Faustschlag direkt auf das linke Auge, das wegen geringer Sehkraft frisch operiert war. Der Zeuge: „Ich kam noch am Abend zur Notoperation nach Homburg.“ Ob noch etwas Sehkraft zurückkehre, sei fraglich. Er müsse nun regelmäßig zu Kontrollen nach Trier und Homburg. Bei der Polizei hatte er den Angreifer als „total enthemmt und brutal“ bezeichnet. Ebenfalls versucht einzugreifen hatte seine Frau. Sie sei seitdem noch immer in zahnärztlicher Behandlung. „Alles Lügen“, ruft der Angeklagte dazwischen. Dann die Vorsitzende Richterin Petra Schmitz: „Ruhe! Sie kommen gleich in den Keller, dann kriegen Sie nichts mehr mit, was hier gesagt wird.“ Ebenfalls Zeugin ist die erwachsene Tochter der Ehefrau. Sie spricht von einer „wilden Schlägerei, das war alles ein Knäuel“. Und sie sagt: „Der Mann wirkte, als ob er nicht ganz bei Verstand sei, wie in einer anderen Welt irgendwie.“

Die Verhandlung wird am 24.Januar, 9 Uhr, fortgesetzt.