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"Das kommt einer Enteignung gleich"

"Das kommt einer Enteignung gleich"

Auf der Eisenbahnstrecke entlang der Kyll könnten bald wieder Güterzüge rollen. Um die Rheinschiene zu entlasten, wollen Bund und Land die Strecke ausbauen. Anwohner aus Birresborn (VG Gerolstein) fürchten um ihre Ruhe. Sie haben sich an den TV gewandt, um ihre Bedenken zu äußern.

Birresborn/Bitburg/Daun. "Es wäre eine Katastrophe", sagt Claudia Wirtz. Gemeinsam mit ihrem Mann Dietmar und zwei Nachbarn sitzt sie auf der Terrasse ihres Hauses in der Straße Im Lierchesseifen in Birresborn. Die Bahntrasse ist nicht weit: Sieben, vielleicht acht Meter trennen ihren kleinen Gartentisch von den Gleisen. Alle halbe Stunde rauscht ein Zug vorbei: Nahverkehrszüge, die von Trier und Köln aus durch die Eifel fahren.
Es könnte bald mehr Verkehr entlang der Kyll geben. Vergangene Woche hat der Innenausschuss des Landtags getagt. Thema unter anderem: die "Ertüchtigung" der Eifelstrecke. Das heißt: der durchgängige zweigleisige Ausbau und die Elektrifizierung der Strecke zwischen Kalscheuren bei Köln und Ehrang bei Trier.
Neben mehr Personenzügen könnten dann auch Güterzüge durch die Eifel rollen. Von bis zu 70 dieser Züge täglich spricht eine Studie des Umweltbundesamts.
Davor hat Claudia Wirtz Angst. Sie fürchtet um ihren Schlaf, ihr Haus und ihr ruhiges Leben. "Wenn das kommen sollte, kann ich mir nicht vorstellen, dass ich hier noch wohnen kann", sagt die 47-Jährige. Sie hat sich mit dem TV in Verbindung gesetzt, um ihre Bedenken zu äußern.
"Man gewöhnt sich an die Personenzüge", sagt Nachbarin Anke Wuttgen. Gerade fährt der 15.15-Uhr-Regionalexpress vorbei, drei gekoppelte Dieseltriebwagen. "Die sind in zehn Sekunden vorbei." Vor allem würden die auch nur tagsüber fahren. 51 Mal rollen die Nahverkehrszüge zwischen 5 Uhr morgens und 1 Uhr nachts durch Birresborn. Nachts aber herrscht Ruhe entlang der Strecke.
Permanente Geräuschkulisse



"Wir haben vor acht Jahren hier in meinem Heimatdorf gebaut - wenn wir das gewusst hätten, hätten wir es nicht getan", sagt Wuttgen. Rund 20 Menschen leben im Lierchessiefen. 13 Häuser stehen hier. Die Außenwände der Gebäude sind stellenweise nur wenige Meter von der Bahnstrecke entfernt.
"Es tut mir für die Menschen im Rheintal leid", sagt Anke Wuttgen. "Aber wenn von 400 Zügen 70 abgezogen werden - macht das einen großen Unterschied?"
Auch einer ihrer Nachbarn will das Rheintal-Argument nicht zählen lassen: "Ich finde es verwunderlich, dass die Politiker um die Probleme der Menschen dort wissen - und dann trotzdem so einen Verkehr in dieses enge Tal bringen wollen", sagt er aufgeregt. "Bei der Länge, die diese Züge haben - und dann noch zusätzlich die Personenzüge - da kann man fast von einer permanenten Geräuschkulisse reden." Alle Anstrengungen, die in der Vergangenheit unternommen wurden, um mehr Touristen ins Kylltal zu locken, seien umsonst gewesen, sollte der Güterverkehr kommen, meint der Mann. Und auch die Immobilien entlang der Strecke könnten enorm an Wert verlieren. "Das kommt einer Enteignung gleich!" Es ist 15.25 Uhr. Am Garten rauscht jetzt die Regionalbahn nach Trier vorbei. Claudia Witz sagt: "Ich denke mit Grausen daran, wenn die die ganze Nacht fahren. Dann können wir hier wegziehen."
Was halten Sie von den Plänen, die Eifel-Bahnstrecke auszubauen? Schreiben Sie uns eine kurze E-Mail (bitte mit Namen und Wohnort) an eifel-echo@volksfreund.de
Meinung

Der totale Bahnsinn
70 Güterzüge sollen pro Tag durch das idyllische Kylltal donnern. Dort, wo die Bahnstrecke nur wenige Meter entfernt von den Schlafzimmern der Anwohner verläuft. Dort, wo jahrelang viel Geld in den Aufbau touristischer Infrastruktur gesteckt wurde. Dort, wo sich Menschen zurückziehen, um sich vom Lärm der Städte zu erholen. Die Politiker verweisen auf die Situation der geplagten Menschen im Rheintal. Bürger, passt auf: Gerade da wurde trotz großen Protests über Jahrzehnte wenig in Sachen Lärmminderung getan. Und auch Flüsterbremsen, gut geölte Radlager und moderne Trassen können einen mehr als 1000 Tonnen schweren Zug nicht davon abhalten, einen Höllenlärm zu veranstalten. t.senzig@volksfreund.deExtra

Die Hochzeit der Güterzüge auf der Eifelstrecke war in den 1950er- und 1960er Jahren. Zehn Züge rollten damals täglich die Kyll entlang. Ende der 1970er Jahre fuhr der letzte Durchgangszug über die gesamte Strecke. Danach gab es nur noch Verbindungen, die Teilstücke der Strecke nutzten: eine von Trier-Ehrang nach Bitburg-Erdorf und eine von Trier-Ehrang nach Gerolstein. Nur bei Bedarf fahren heute noch Züge der Vulkaneifelbahn den Bahnhof Gerolstein an, vereinzelt rollen Züge mit Hackschnitzeln in Richtung Österreich durch die Eifel. sen