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"Das Unberechenbarste sind die Menschen"

"Das Unberechenbarste sind die Menschen"

GEROLSTEIN. Rüdiger Nehberg ist der bekannteste Abenteurer Deutschlands. Was für den 68-jährigen Norddeutschen aus Abenteuerlust begann, hat sich immer mehr zum Kampf für Menschenrechte und Natur entwickelt. Im TV -Interview äußert er sich unter anderem über seine neuen Vorhaben.

Herr Nehberg, Ihr aktuelles Projekt ist der Kampf gegen die Genitalverstümmelung bei Frauen. Was hat sie dazu bewogen, dagegen anzugehen? NEHBERG: Mit meiner Partnerin Annette Weber habe ich mal die Beschneidung eines kleinen Mädchens in Äthiopien miterlebt. Das war das Schlimmste, was ich je in meinem Leben gesehen habe. Der Kleinen wurde die Scheide völlig ausgeschält - ohne Betäubung. Sie fiel in Ohnmacht. Sie wird ihr Leben lang leiden. Nach Uno-Schätzungen wird alle 15 Sekunden ein Mädchen beschnitten, jedes Dritte stirbt, und weltweit leben 150 Millionen Frauen mit Genitalverstümmelungen. Durch Migranten wird das auch nach Europa getragen. Welche Chance hat ein Weißer, dagegen etwas auszurichten? NEHBERG: Dort wo so etwas getan wird, zählen nur die Stammesgesetze. Und es ist eine reine Männergesellschaft. Trotzdem haben wir es geschafft, die 120 Stammesoberhäupter des Afar-Volkes, das in der äthiopischen Danakilwüste lebt, zu einem Treffen zu bewegen. Zum Schluss waren 1500 Afars da, die zwei Tage lang diskutierten. Als Ergebnis haben sie ein generelles Beschneidungsverbot für Mädchen in ihren Stammesgesetzen festgeschrieben. Ein tolles Ergebnis. Wird es weitere Kreise ziehen? NEHBERG: Die ersten Gratulanten waren Karl-Heinz Böhm und Waris Dairie, die mit ihrem Buch "Wüstenblume" die Welt zum Thema Genitalverstümmelung aufgerüttelt hat. Ermutigt sind wir losgezogen, haben sogar mit dem Obermufti in Kairo gesprochen und die Pro Islamische Alliance gegründet, denn wir vertrauen auf die Kraft des Islams. Wir überzeugen immer mehr Entscheidungsträger, dass die Frauenverstümmelung Gottesanmaßung ist, weil es nicht im Koran steht. Weitere Erfolge stehen unmittelbar bevor. Haben Sie ein neues spektakuläres Abenteuer geplant? NEHBERG: Ja, am 1. Juli erfülle mir einen allerletzten Traum: Ich gehe eine Woche ins Trainingslager der brasilianischen Armee und zwei Wochen zu den Yanomami-Indianern, um mich fit zu machen. Dann lasse ich mich im Regenwald aussetzen. 1000 Kilometer weg von jeglicher Zivilisation. Ohne Kompass. Ohne Karte. Ohne Proviant und Messer. Nach sechs Wochen bin ich wieder da. Empfinden Sie überhaupt noch Angst oder Ekel? Man kennt ja die Bilder, auf denen sie Maden, Würmer oder Insekten essen. NEHBERG: Glück ist ein wichtiger Reisefaktor, und ohne Angst als Alarmsignal kann man nicht überleben. Aber Angst und Ekel lassen sich durch Training relativieren. Das Unberechenbarste sind die Menschen, alles andere - Tiere und Natur - ist kalkulierbar. Was soll denn im Urwald kalkulierbar sein? NEHBERG: Die Hauptgefahr ist Eile. Ich muss mir rasch Wasser besorgen, dann Hängematte, Steinaxt und Speer bauen. Der kritischste Moment ist aber, wenn ich wieder in die Halbzivilisation am Ende der Reise ankomme. Warum das? NEHBERG: In der Peripherie leben Menschen, die aus verschiedenen Gründen mit den anderen nichts zu tun haben wollen. Im Wald gilt das Faustrecht und das Motto "Feinde kommen geschlichen und Freunde laut". Deshalb fange ich, sobald ich einen ausgetretenen Weg entdecke oder andere Dinge, die auf Menschen hindeuten, laut an, Wanderlieder zu zwitschern. Und dann. Worauf werden Sie sich am meisten nach dem Trip freuen? NEHBERG: (spontan) Auf ein floh-freies Bett und Reibekuchen mit Apfelmus. Wie leben Sie? Kann sich ein Abenteurer wie Sie überhaupt in Deutschland wohl fühlen? NEHBERG: Ich lebe in einem ganz normalen Haus in Norddeutschland - bin aber jedes Jahr etliche Monate in der Welt unterwegs. Das brauchte ich auch schon als ich noch selbstständiger Konditormeister war. Welchen Rat gibt ein Mann mit ihren Erfahrungen einem jungen Menschen? NEHBERG: Junge Leute sollten mit offenen Augen durch die Welt gehen. Unabhängig von den Regeln der Zivilisation raus in die Welt, aber dabei auf keinen Fall den Blick für die Armut und Demokratie verlieren. *Die Fragen stellte Gabi Vogelsberg.