Daun wird zweiter Standort

DAUN/WEINSHEIM. Kein Aprilscherz, sondern das Ergebnis zäher Verhandlungen mit dem rheinland-pfälzischen Sozialministerium: Am Freitag, 1. April, wird in Daun der zweite Standort (neben Weinsheim) der Europäischen Werkstätten Cooperation (Euweco) für psychisch Behinderte eröffnet – ohne Förderung aus öffentlichen Töpfen.

Insgesamt 18 psychisch Behinderte aus dem Kreis Daun bilden die erste Belegschaft für den neuen Standort. In zwei Monaten, nach Beratungen des Fachausschusses über Neuaufnahmen, werden es 23 sein. "Außerdem wechseln drei Gruppenleiter und die Werkstattleitung von Weinsheim nach Daun", erklärt Euweco-Chef Jürgen Morbach. Er sucht für den neuen Standort noch zwei Zivildienstleistende und Praktikanten. Euweco begann 1999 in Weins-heim, wo heute 52 psychisch Behinderte über die Werkstattarbeit den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt schaffen wollen. Weitere 15 hat Euweco bei den Westeifel-Werken (WEW) und im Integrationshotel Euvea in Neuerburg untergebracht. Schon zum Euweco-Start waren drei Standorte in den Landkreisen Daun und Bitburg-Prüm angepeilt. Mit Änderungen in der Sozialgesetzgebung wurde die Umsetzung schwieriger. Euweco und die WEW als einer der Euweco-Gesellschafter kämpften im vergangenen Jahr hartnäckig um die Erweiterung der Werkstattplätze von 60 auf 100 sowie die Einrichtung eines zweiten Standorts.130 Behinderte auf der Warteliste

Der Bedarf ist groß: Mehr als 130 psychisch Behinderte stehen momentan auf der Kontaktliste. Nach zähem Ringen kam im August 2004 das Okay aus Mainz. (der TV berichtete). Die Kosten von 70 000 Euro für die Anmietung der ehemaligen Apra-net-Halle in Daun-Pützborn sowie den Umbau zur Werkstatt trägt die Euweco - ohne einen Cent aus Bundes- oder EU-Fördertöpfen. "Das Land beteiligt sich lediglich über die Pflegesätze", sagt Morbach. Euweco schloss die Bilanz 2004 mit einem "leicht positiven Ergebnis von 50 000 Euro bei 1,5 Millionen Euro Umsatzerlösen" ab, sagt er. Die Auftragslage bezeichnet die Geschäftsführung als "gut". WEW-Chef Ferdinand Niesen sagt: "Wir hoffen auf eine Auftragssteigerung durch die Nähe zum langjährigen Kunden apra-norm." Immerhin werden die Kunststoffgehäuse, die bisher in Weinsheim montiert wurden, nun direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite hergestellt. WEW-Prokurist Hermann Dahm sieht einen weiteren Vorteil im neuen Standort: "Damit wird eine weitere Lücke in der gemeindenahen Psychiatrie geschlossen." Die Vermittlung der 18- bis 60-jährigen psychisch Behinderten mit Ausbildungen aus allen Berufsbranchen in den ersten Arbeitsmarkt ist das erklärte Ziel der Euweco. Häufig wurden die psychisch Behinderten durch Stress krank. Die Eingliederung gelingt meist nur über Praktika, weil den Behinderten viele Ängste zu schaffen machen. "Sie waren dann oft viele Jahre zu Hause und haben noch mehr Ängste aufgebaut. Angst vor Vorgesetzten, Überforderung oder einfach davor, den Tag nicht zu überstehen", berichtet Morbach. In der 600 Quadratmeter großen Werkstatthalle am neuen Euweco-Standort werden Montage- und Verpackungsarbeiten für externe Kunden erledigt. Zwei behinderte Mitarbeiter werden in der Küche eingesetzt. Die ehemalige Ausstellungshalle wurde zum Speiseraum umfunktioniert."Moralische Verpflichtung"

Mit der Einrichtung des neuen Standorts und der Erweiterung der Werkstattplätze hat Euweco allerdings noch nicht alle Forderungen aus Mainz erfüllt. Als dritter Punkt wird die Bildung eines Integrationsbetriebs gefordert. Bisher hatten sich Euweco und WEW dagegen gesperrt, weil die Umsetzung im ländlichen Raum fast unmöglich und die Gemeinnützigkeit der beteiligten Betriebe gefährdet sei. (der TV berichtete). WEW-Chef Niesen räumt nun ein: "Wir nehmen es als moralische Verpflichtung und werden uns neu damit beschäftigen." Dahm ergänzt: "Die meisten Einrichtungen für Behinderte in Rheinland-Pfalz öffnen sich jetzt dieser Schiene." Im Sommer soll das Konzept eines Integrationsbetriebs für die beiden Landkreise Daun und Bitburg-Prüm stehen.

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