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Der Beruf Müller war im Mittelalter anrüchig und ehrlos

Geschichte : Warum der Müllerberuf einst als anrüchig und ehrlos galt

Vor Jahrhunderten wurden viele heute angesehene Berufszweige mitunter als unehrlich betrachtet und  von der Gesellschaft gemieden – auch der Müller.

Vielen ist das Rätsel bekannt: „Wie nennt man einen Müller, der aus dem Fenster schaut?“ Die Antwort erschreckt: „Ein eingerahmter Spitzbube.“

Des Rätsels Lösung stimmt heutzutage absolut nicht mehr, vertritt doch ein Müller einen sehr angesehenen Berufsstand. Die Wurzeln liegen tief im Mittelalter. Da zählte die Arbeit eines Müllers zu den absolut „unehrlichen Berufen“. Damit wurde nicht Verlogenheit oder Betrügerisches gemeint, sondern „ehrlos“. Es handelte sich also um Berufe, die „ohne Ehre“ waren.

So wurde dem Müller, dessen Arbeit für die Versorgung der Bevölkerung unersetzlich war, unterstellt, oft zu seinen Gunsten falsch zu messen. Er liefere entsprechend der Getreidemenge zu wenig Mehl aus oder habe sich persönlich bereichert mit zu viel Mehl als Mahllohn. Die Wut der Bauern richtete sich dann nicht gegen die mangelnde Menge an Getreide oder den Landesherrn als Verpächter einer Mühle, sondern gegen den Müller persönlich.

Sogar die Volksbeobachtung, dass auf einer Mühle wegen des lauten Klapperns der Mühlräder keine Störche nisteten, suchte die Ursache beim Müller: „Die Störche brüten dort nicht – aus Angst, dass der Müller ihnen die Eier klaut ...“

Dieses negative Ansehen eines Müllers änderte sich erst in der Neuzeit. Hoch achtbare Müller­zünfte entstanden. Die Romantik wandelte den Müller­beruf hin zur Idylle: „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“, hieß es im Volkslied. Und Franz Schubert vertonte „Die schöne Müllerin“.

Weitere als unehrlich geltende Berufe waren: Schäfer (Einzelgänger, Hexer, der über geheimnis­volle Heilmethoden für Mensch und Tier verfügte), Leineweber (Fälschung von Garn, unrichtige Längen- und Breitenmaße) und Prostituierte. Außerdem alle Menschen, die im Land herumzogen, wie Juden, Roma und Sinti, Bettler, Hausierer, Lumpensammler, Spielleute, Musikanten und Kesselflicker. Fahrendes Volk wurde als Gruppe von Betrügern, Störenfrieden und Dieben angesehen.

Gänzlich verachtet und gemieden wurden Berufe, die mit körperlichen Strafen, Tod, Leichen und Dreck zu tun hatten. Etwa Büttel (Polizist, Gehilfe der Obrigkeit, eines Richters und Henkers, Steuereintreiber), Köhler (einsamer Sonderling, finsterer Geselle, schmutzige Arbeit), Abdecker (Beseitigung von Tierkadavern, „deckte das Fell ab“ für Leder, stellte aus Knochen Seife her, wohnte nur außerhalb eines Ortes), Totengräber, Henker oder Scharfrichter (Vollstrecker einer Hinrichtung, folterte und hatte zudem meist auch Fäkaliengruben zu leeren). Unehrliche Berufe und Tätigkeiten waren nicht überall gleich negativ angesehen, wurden regional unterschiedlich beurteilt.

Wer einen ehrlosen Beruf ausübte, konnte kein Ehrenamt in der Gemeinde bekleiden, wurde nicht in eine „ehrbare Zunft“ aufgenommen und durfte keine „ehrbare Dirne“ zur Frau nehmen. Ehrlose heirateten fast ausschließlich innerhalb ihres Standes. Ihre Kinder waren von Geburt an ebenfalls „unehrlich“. Selten hatten sie Recht auf Vormundschaft oder Recht auf ein Lehen oder auf eigenen Grund und Boden. Waffen zu tragen war ihnen untersagt. „Ehrbare Bürger“ hatten zudem das Recht, den „Unehrlichen“ den Zugang zu Gastwirtschaften oder öffentlichen Festen zu verwehren, sie mussten auf jeden Fall alle Kontakte mit ihnen meiden, da diese sie selbst unehrlich gemacht hätten.

Das Mittelalter mit seiner aus heutiger Sicht teils menschenverachtenden Einstellung ist vorbei. Heute haben alle Deutschen die gleichen Rechte und sind gleich wertvoll, egal welchen Beruf sie ausüben. Das garantiert uns Artikel eins aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die die Vereinten Nationen festgehalten haben: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“