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Der Bronze-Prediger und seine Kinder

Der Bronze-Prediger und seine Kinder

Vor knapp einem halben Jahrhundert ist der Bildhauer Ulrich Henn mit seiner Familie aus dem Schwäbischen nach Leudersdorf (Kreis Vulkaneifel) gezogen - eines großen Hauses wegen. Dort entstehen seither Bronzeplastiken, Kirchenportale und Brunnen - für das eigene Dorf und den Landkreis, für das In- und Ausland und für Kunstinteressierte in Übersee. "Ich schaff' halt gern", sagte Ulrich Henn dem Trierischen Volksfreund.

Zeitungsleser unter sich – rechts der von Ulrich Henn geschaffene Pitter in Gerolstein. TV-Foto: Archiv/Mario Hübner

Üxheim-Leudersdorf. Wer als Besucher von der Dorfstraße aus durch den Garten die Zufahrt zum Haus von Ulrich und Elisabeth Henn genommen hat, kommt schon auf dem Treppenabsatz leicht ins Gespräch mit den beiden - über den schönen alten Baumbestand, in dem das Sturmtief "Xynthia" Anfang 2010 zum Bedauern der Besitzer allerdings merklich gewütet hat.

Den Zugang zur Kunst bekommt der Besucher im Wohnzimmer, wo Modelle aus Bronze den künstlerischen Lebensweg des 86-jährigen Ulrich Henn dezent dokumentieren. Mit einer Begebenheit vom Advent 2009 beginnt der Bildhauer: Da bat ein TV-Redakteur Ulrich Henn um die Zustimmung dafür, dass ein Foto der Bronzetür zur Ostkrypta des Trierer Doms in den TV-Adventskalender aufgenommen wird. "Schreiben Sie aber dazu, dass die Tür in einem erbärmlichen Zustand ist", war die Anregung des Bildhauers.

Henn erinnert sich: "Am Tag nach der Veröffentlichung des Fotos rief der damalige Dompropst an und fragte, was zu tun sei." Er habe ihm empfohlen, die Tür von der Gießerei überarbeiten zu lassen. "Jetzt strahlt sie wieder wie am Anfang", erzählt Henn. Und erklärt: "Ich muss doch schauen, wie es meinen ‚Kindern' geht."

Der Gedanke, die eigenen Kunstwerke als Kinder zu bezeichnen, gefällt, führt aber zunächst zu einem kleinen Exkurs über Henns eigene Familie. Vor 49 Jahren waren er und seine Frau mit ihren vier Kindern aus der Nähe von Stuttgart in das kleine Leudersdorf gezogen. "Wir brauchten ein großes Haus und einen Garten und ein Atelier", erzählen sie. Die Eifel hätten sie damals noch für ein "Flüsschen bei Bonn" gehalten, und als sie bei Nacht und Nebel in Leudersdorf angekommen seien, hätten sie geglaubt, Deutschland schon verlassen zu haben.

"Hierher zu kommen, war gut. Hier zu leben, ist gut", bekennt das seit 62 Jahren verheiratete Paar, das inzwischen vier Enkel und vier Urenkel hat.

Weil die Familie so angetan war von dem St. Martins-Brauchtum in der Eifel und als Hommage an das zur Heimat gewordene Leudersdorf schuf Ulrich Henn zur 1150-Jahr-Feier 2005 eine St. Martin-Freiplastik. Deren Besonderheit ist, dass der heilige Martin, während er den Mantel teilt, nicht den Bettler, sondern den Passanten anblickt - "ein Appell der Nächstenliebe an den Vorübergehenden", erläutert der Bildhauer, den die Fachwelt auch als "Bronze-Prediger" bezeichnet.

Der "Martin" steht auf dem Platz gegenüber der Kapelle und reiht sich ein in das von großem Fleiß und hoher Bedeutung des Künstlers sprechende Werksverzeichnis. Henn schuf Brunnen und Skulpturen auf öffentlichen Plätzen im In- und Ausland (auch in Daun, Hillesheim und Gerolstein).

Von ihm stammt eine Fülle von sakralen Arbeiten für evangelische und katholische Kirchen quer durch Deutschland (auch in Koblenz, Köln, Bonn, Mayen und Maria Martental), in England, Luxemburg und Österreich. Zu den bedeutenden Aufträgen gehören drei monumentale Portale für Kathedralen in den USA, darunter ein fünf Meter hohes für die National Cathedral in Washington.

Und wenn Henn heute sagt: "Solche Sachen passieren halt", meint er jenen Telefonanruf aus Hildesheim, den seine Frau entgegengenommen hatte und den er jetzt so wiedergibt: "Ihr Mann lebt noch? Ihr Mann arbeitet noch? Dann sind wir übermorgen bei Ihnen und besprechen einen neuen Auftrag." Fast drei Jahrzehnte waren seit dem letzten Auftrag aus Hildesheim vergangen; nun sollte der Bildhauer einen Brunnen für den dortigen Andreasplatz fertigen. Und? "Sicher! Ich schaff' halt gern."

Beim Verabschieden kommt die Rede darauf, dass das letzte TV-Gespräch rund ein Jahrzehnt zurückliegt. "Warten Sie bis zum nächsten Mal nicht so lange", sagt Ulrich Henn. Und ergänzt lachend: "Sonst können Sie mich mit der Gießkanne besuchen."