Der Dauner Scheffel

Nur mehr ganz selten findet man in Museen oder in Scheunen einen Gegenstand, der vielen in seiner Bedeutung gänzlich unbekannt ist. Halbrund ist er, aus Holz und Scheffel wird er genannt.

 Diente früher als Maßeinheit und ist heute fast in Vergessenheit geraten: der Scheffel. TV-Foto: Alois Mayer
Diente früher als Maßeinheit und ist heute fast in Vergessenheit geraten: der Scheffel. TV-Foto: Alois Mayer

Daun. Jedem, der ganz leise ist und ihn liebevoll betrachtet, beginnt der Scheffel aus seinem Leben zu berichten:

"Im 18. Jahrhundert gab es in der Eifel die unterschiedlichsten Größen und Maße. Das war nichts Ungewöhnliches. Jede Herrschaft und Region hatte ihre eigenen Gewichte, Münzen und Maße. Auch für Getreidearten gab es verschiedene Maßeinteilungen und -größen. Viel zu viele. Da war es sehr schwer, sich auszukennen. Denn da gab es Malter, Fass und Quart, Sester, Sümmer, Vierling, Metzen und andere, aber auch mich, den Scheffel.

Halbrund und aus dünnem Spanholz bin ich hergestellt, habe die Form eines Waschzubers. Der Böttcher hat mich oft mit Holzdauben gefertigt, eine Handwerkskunst, die es heute kaum mehr gibt. Eisenbänder zierten meinen Bauch, damit ich nicht auseinanderfalle oder mich ausdehne.

Mein Name kommt aus dem mittelhochdeutschen schaf, schaffles oder scheffelin, was soviel wie ,Gefäß' bedeutet. Im Dialekt sagen heute noch viele zum Beispiel "Schaaf" und meinen damit eine hölzerne Truhe oder einen Schrank. Meine Aufgabe ist es, ein hölzernes Gefäß zu sein, ein Hohlmaß, eine alte deutsche Volumeneinheit, mit der man Getreide und andere Schüttgüter messen konnte.

Aber mein Maß war nicht einheitlich. So konnte es sein, dass zum Beispiel ein Scheffel in Sachsen rund 103 Liter fasste, in Preußen aber nur rund 55 Liter. Dabei war es noch nicht einmal gleich, ob mit mir Korn, Hafer oder Gerste gemessen wurde. Der wertvolle Weizen wurde ,gestrichen' gemessen. Dafür war in mir ein fest installierter Schwenkarm angebracht, der alles glatt strich.

Bei Hafer und Gerste wurde ,gehäuft', also alles voll geschüttet und die kleine Erhebung des Getreides, die sich bildete, nicht glatt gestrichen. 1872 legte das Deutsche Reich fest, dass mein runder Bauch nur mehr 50 Liter fassen dürfe. Wer also Getreide kaufte, musste aufpassen, dass der Verkäufer einen genau geeichten Scheffel verwandte.

In Daun war dafür eigens ein genormter ,Dauner Scheffel' am Marktgebäude angebracht, der dort neben einer ,Dauner Elle' hing. Wer sich nicht an dieses für das Amt Daun gültige Maß hielt, wurde vom Marktmeister erheblich bestraft.

Die meisten Leute kennen meinen Namen aus dem Sprichwort: ,Man soll sein Licht nicht unter einen Scheffel stellen.' Das bedeutet soviel wie, man soll nicht zu bescheiden sein, soll seine Verdienste und Leistungen nicht aus Bescheidenheit verbergen. Dieses Bibelzitat bei Matthäus verwendete auch Goethe, als er schrieb: ,Am schwersten zu bergen ist ein Gedicht, man stellt es unter'n Scheffel nicht.'

Der Volksmund kennt noch die Redensart ,Man kennt einen Menschen erst, wenn man einen Scheffel Salz mit ihm gegessen hat'. Damit will er ausdrücken, dass man lange braucht, um einen Scheffel Salz zu verzehren, genau so lange dauert es, bis man jemanden genau kennengelernt hat. Andererseits heißt es aber auch: ,Ein Löffel voll Tat ist besser als ein Scheffel voll Rat'. Auch das Verb ,scheffeln' stammt von mir ab. Vor Generationen nahm man es wörtlich: Mit einem ,Schöpfel' (Scheffel) wurde Getreide in mich hineingeschüttet (gescheffelt). Heute bedeutet es jedoch, etwas in seinen Besitz bringen und anhäufen, man füllt keine Getreidemaße mehr, sondern eher Konten, Depots oder Fonds. Vermutlich ahnte dies bereits Schiller, als er seinen Wallenstein sagen ließ: ,Wer reich werden will, muss mit Scheffeln einnehmen und mit Löffeln ausgeben.'"