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Gedenken: Der wirksamste Geschichtsunterricht

Gedenken : Der wirksamste Geschichtsunterricht

Wenn sich am 16. Januar in Kelberg der verheerende Bombenangriff von 1945 jährt, findet die Gedenkveranstaltung unter Mitwirkung von Klassen der Realschule plus statt. Im Vorfeld waren Projekttage mit Zeitzeugenbesuch.

Im Herbst hatte sich der Kelberger Ortsbürgermeister Willi Jonas mit der Anfrage zur Mitgestaltung der Gedenkfeier am 75. Jahrestag der schrecklichsten Bombardierung Kelbergs an die Realschule plus gewandt. „Wir haben sofort zugesagt“, sagt der Klassen- und Geschichtslehrer Klaus Wanjek. Denn die Beschäftigung mit dem Geschehen vor Ort und das Gespräch mit Zeitzeugen seien für die Schüler der wirksamste Geschichtsunterricht. Nun stecken er und seine Kolleginnen Tanja Kalweit und Anne Kaiser-Theis mit einer neunten und zwei zehnten Klassen mitten in der Vorbereitung der Gedenkfeier (siehe Info).

   Um den Schülern ein „Gesicht des Krieges“ zu vermitteln, war eine Exkursion zu den Soldatenfriedhöfen, Museen und dem ehemaligen Schlachtfeld von Verdun im Nordosten Frankreichs unternommen worden, dem Schauplatz einer der längsten und blutigsten Schlachten des Ersten Weltkrieges. Derart sensibilisiert, sahen die Schüler Dietrich Schuberts Film „Kriegsjahre in der Eifel“, lasen Texte aus der Pfarrchronik und der Regionalliteratur und verglichen historische Fotografien mit aktuellen Bildern.

   Ein besonders beeindruckendes Erlebnis wird nun für die mehr als 50 Neunt- und Zehntklässler der Besuch von Zeitzeugen: die Geschwister Agatha Kutscheid (91) und Ernst Marx (85) sowie Katharina Müller (89). Zudem nehmen von der von Ortsbürgermeister Jonas ins Leben gerufenen Arbeitsgruppe „Erinnerung 16. Januar 1945“ Astrid Schneider und Karl Heinz Sicken teil. „Ich weiß, dies hier ist kein schöner Anlass“, wendet sich Klaus Wanjek zu Beginn an die Zeitzeugen. „Aber dass Sie als ältere Menschen heute hier zu der jungen Generation über Ihre Erlebnisse im Krieg sprechen, das ist schön“, betont der Lehrer.

  Dann kann man im Klassenzimmer die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören, als die drei Zeitzeugen sich an jenen verhängnisvollen 16. Januar 1945 erinnern. In der Nacht vorher sei Einquartierung erfolgt, erzählt Katharina Müller. Jedes Haus habe Soldaten aufnehmen müssen, die meisten seien in der Schule untergebracht worden. Überall im Dorf hätten Pferde auf den Höfen oder in den Scheunen gestanden, auch bei ihnen zuhause im Oberdorf von Kelberg, in der heutigen Dauner Straße. „Wir hatten frisch geschlachtet, und unsere Mutter war beim Backen“, weiß Katharina Müller noch genau. Sie seien gewarnt worden und deshalb zu Fuß ins benachbarte Köttelbach gelaufen, wo sie bei einer befreundeten Familie unterkamen. „Von dort aus sahen wir die Bomben auf Kelberg fallen“, erzählt sie. Dass ihre Familie mit dem Leben davonkam, grenze an ein Wunder, meint Katharina Müller. Denn rund um ihr Elternhaus waren nur Zerstörung, Tod und Verwundung. Die Geschwister Hildegard (22) und Christian (38) Stephani aus dem Nachbarhaus wurden tödlich getroffen, als sie aus dem Dorf herauslaufen wollten. Christian Stephanis Leichnam wurde erst zwei Jahre später gefunden; er war verschüttet worden. Mit vier Jahren war Heinz Werner Schomisch das jüngste Opfer. Insgesamt verloren 18 Kelberger und 40 Soldaten in den anderthalb Stunden, in denen 200 bis 300 Bomben fielen, ihr Leben.

   Darunter - im Unterdorf - auch Anton Marx (78), der Großvater von Agatha Kutscheid und Ernst Marx.  „Unser Opa ist auf dem Weg in den Keller regelrecht zerfetzt worden“, berichten die Geschwister, die selbst zu diesem Zeitpunkt in ihrem Elternhaus in der Nähe beim Mittagessen waren. Agatha Kutscheid weiß noch, dass sie tagelang immer wieder nach ihrem Opa gerufen hat und dass  später seine Uhr mitsamt der herausgerissenen Hosentasche gefunden wurde. Mit ihrer Mutter flüchteten die drei jüngsten Marx-Kinder in den Wald auf dem Schwarzenberg und mussten sich ständig wegen weiterer Tieffliegerangriffe ducken und verstecken. „Man hätte einige Schwerverletzte vielleicht noch retten können, aber Hilfe war wegen der dauernden Bombenabwürfe nicht möglich“, bedauert Ernst Marx. Und sagt: „Was in einer Stunde zerstört worden war, brauchte nach dem Krieg Jahre des Wiederaufbaus.“ Und: „Die Erinnerungen kommen immer wieder hoch.“ Auch die Schule hatte einen Volltreffer. Bis 1949 erfolgte der Unterricht in einem Nebengebäude des Pfarrhauses.

 Auf dem Marktplatz Kelberg erinnert dieser Gedenkstein an die Bombardierung Kelbergs im Kriegswinter 1944/45.
Auf dem Marktplatz Kelberg erinnert dieser Gedenkstein an die Bombardierung Kelbergs im Kriegswinter 1944/45. Foto: Brigitte Bettscheider
 Als Zeitzeugen im Schulunterricht: (von links) Ernst Marx, Katharina Müller und Agatha Kutscheid sowie (rechts) Astrid Schneider von der Arbeitsgruppe „Erinnerung 16. Januar 1945“.
Als Zeitzeugen im Schulunterricht: (von links) Ernst Marx, Katharina Müller und Agatha Kutscheid sowie (rechts) Astrid Schneider von der Arbeitsgruppe „Erinnerung 16. Januar 1945“. Foto: Brigitte Bettscheider
 Die Neunt- und Zehntklässler der Realschule plus Kelberg hörten den Zeitzeugen aufmerksam zu
Die Neunt- und Zehntklässler der Realschule plus Kelberg hörten den Zeitzeugen aufmerksam zu Foto: Brigitte Bettscheider
 Die Lehrkräfte Klaus Wanjek (hinten links) und Tanja Kalweit (hinten Zweite von links) sowie Astrid Schneider (hinten Zweite von rechts) und Karl Heinz Sicken (hinten rechts) als Mitglieder der AG "Erinnerung 16. Januar 1945" mit den Zeitzeugen (vorne von links) Ernst Marx, Katharina Müller und Agatha Kutscheid
Die Lehrkräfte Klaus Wanjek (hinten links) und Tanja Kalweit (hinten Zweite von links) sowie Astrid Schneider (hinten Zweite von rechts) und Karl Heinz Sicken (hinten rechts) als Mitglieder der AG "Erinnerung 16. Januar 1945" mit den Zeitzeugen (vorne von links) Ernst Marx, Katharina Müller und Agatha Kutscheid Foto: Brigitte Bettscheider

Die Gedenkveranstaltung am Donnerstag, 16. Januar, beginnt um 18 Uhr auf dem Marktplatz Kelberg und wird vom Tambour- und Fanfarencorps der Freiwilligen Feuerwehr und von Ortsbürgermeister Wilhelm Jonas eröffnet. Nach der Kranzniederlegung gehen die Teilnehmer in einer Lichterprozession zur St. Vinzenzius-Pfarrkirche. Dort wird der Gedenkgottesdienst mit Beteiligung der Schüler gehalten. Anschließend ist bei einem Stehcafé Gelegenheit zum Gespräch.