Der Wolf reißt, der Mensch lernt: Verband zeichnet Adler- und Wolfspark mit Bildungssiegel aus

Der Wolf reißt, der Mensch lernt: Verband zeichnet Adler- und Wolfspark mit Bildungssiegel aus

Quasi "nebenbei" vermittelt der Adler- und Wolfspark Kasselburg bei den Flugvorführungen mit Greifvögeln und der kommentierten Wolfsfütterung Wissen über diese Tiere. Dank dieses Konzeptes wurde er mit dem Bildungssiegel des Deutschen Wildgehegeverbands ausgezeichnet.

Pelm. Wölfe haben feine Nasen. Vielleicht auch eine gute innere Uhr. Wenn Zootierpfleger in Ausbildung, Alexander Rosenthal, um 15.45 Uhr mit der Schubkarre voll Fleisch das Gehege betritt, sind sie schon zur Stelle.
Doch eine Gefahr besteht nicht, denn obwohl die nordamerikanischen Timberwölfe jeden Tag gefüttert werden, bleiben sie wild. Und das bedeutet, dass sie vor Menschen mindestens Respekt, auch ein bisschen Angst haben. Näher als bis auf zwei Meter kommen sie nicht heran als Rosenthal mit der Schubkarre ein Stück in den Wald läuft. Ungeduldig scharren sie in der Erde: ‚Mach schon, rück das Essen raus', scheinen sie zu denken, kommen unentschlossen ein Stückchen näher, nur um sich dann wieder ängstlich zurückzuziehen.
Rosenthal kippt die Schlachtabfälle aus der Schubkarre auf den Waldboden. Die Tiere lauern. Kaum tritt er zwei Schritte zurück, stürzen sie sich auf das Fleisch. Die Alphawölfin macht sich sofort mit dem größten Stück aus dem Staub, die anderen Tiere reißen sich um die Reste. Einige gehen leer aus. Sie werden es morgen wieder probieren, dann mit vom Hunger getriebener größerer Motivation. Die, die sich heute satt gefressen haben, sind morgen vermutlich nicht ganz so eifrig.Die Mär vom bösen Wolf


All das erklärt Rosenthal den zahlreichen Besuchern, die sich vor dem Zaun und auf der Tribüne eingefunden haben. Auch, dass die vier im Frühjahr geborenen Jungtiere noch Narrenfreiheit genießen und selbst dem Alphatier ein Stück Fleisch entreißen dürfen. Das sollen sich mal andere Wölfe erlauben.
Im Gegensatz zu vielen Märchenerzählungen sei der Wolf für den Menschen selten gefährlich, sagt Rosenthal. Die Angst rühre vielmehr daher, dass die Wölfe früher manchmal ein Schaf oder auch mal einen Hund gerissen hätten, insbesondere in kalten Wintern, wenn das Nahrungsangebot knapp wurde.
Die kommentierte Fütterung der Wölfe ist ein Teil des Programms, das dem Adler- und Wolfspark Kasselburg das Bildungssiegel der zweiten Stufe des Deutschen Wildgehegeverbands gesichert hat. Den zweiten wichtigen Pfeiler bildet die Flugvorführung mit den Greifvögeln. Auch hier erklärt Rosenthal Wissenswertes über Adler, Milane, Eulen, Bussarde und Geier, während diese über den Köpfen der Besucher kreisen und sich immer wieder ihr Futter abholen.
Damit die Vorführung klappt, sind die Vögel von Geburt an auf Menschen fixiert, werden von ihnen aufgezogen und gefüttert. Auch die richtige Fütterung ist entscheidend. Bekommen die Vögel zu viel Futter, werden sie faul und wollen bei der Vorführung nicht mehr fliegen. Bekommen sie zu wenig, hindert sie nichts daran, beim Freiflug wegzufliegen und sich ein neues Revier zu suchen. "Das Füttern während der Show ist für die Vögel wie das Stück Sahnetorte am Nachmittag für uns. Wir brauchen es nicht, aber essen es trotzdem gerne."Meinung

Verbindung von Show und Lernen
Die Auszeichnung mit dem Bildungssiegel ist ein Verdienst des Adler- und Wolfsparks, aber ein Gewinn für das ganze Umland. Mit 60 000 Gästen pro Jahr gehört der Park zu den wichtigsten Besuchermagneten. Die Verbindung von Show und Wissensvermittlung lässt die Besucher staunen und - quasi nebenbei - die Lebensweisen der Wildtiere begreifen. Das Konzept geht auf! c.libeaux@volksfreund.deExtra

Alexander Rosenthal ist Zootierpfleger im dritten Ausbildungsjahr. Hier ist er mit einem Rotmilan zu sehen. Foto: (e_gero )
Ein Blaubussard holt sich sein Stückchen von der „Sahnetorte“ ab. Foto: (e_gero )

Im Adler- und Wolfspark leben über 150 Tiere, darunter 14 Timberwölfe, zwei Polarwölfe und 30 Greifvögel. Außerdem gibt es Ziegen, Wildschweine und Damwild. Insgesamt hat der Park 25 Hektar, davon lebt das Wolfsrudel auf zehn. Jedes Jahr kommen rund 60 000 Besucher. Seit eineinhalb Jahren können sie auch die beiden Polarwölfe beobachten, die, so Leiter Ludger Kluthausen, hoffentlich bald Nachwuchs bekommen sollen. Auch das Damwild ist zu Beginn des Jahres neu hinzugekommen. Für die Zukunft will Kluthausen in neue Volieren investieren und den Park dafür erweitern. Und vielleicht - irgendwann - auch ein Waschbärgehege bauen. Das Bildungssiegel des Deutschen Wildgehegeverbandes ist eine Initiative, die bereits 2008 gestartet ist. Ziel ist es, Menschen die natürlichen Lebenswelten der Tiere wieder näherzubringen. Von den über 150 Mitgliedern des Verbands haben 45 die erste Stufe der Zertifizierung erreicht, zehn Stück, darunter der Adler- und Wolfspark, die zweite. cli

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