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"Derzeit unsere gefährlichste Droge": Polizei setzt im Kampf gegen Kräutermischungen auf Strafe und Aufklärung

"Derzeit unsere gefährlichste Droge": Polizei setzt im Kampf gegen Kräutermischungen auf Strafe und Aufklärung

Rund 150 Eltern, Lehrer sowie Jugend- und Sozialarbeiter haben sich beim Informationsabend zum Thema Legal Highs in Gerolstein schlaugemacht. Für die Polizei sind die Kräutermischungen "unsere derzeit gefährlichste Droge".

Gerolstein. 150 Besucher bei einer Abendveranstaltung unter der Woche in Gerolstein - da kann man als Veranstalter durchaus zufrieden sein. Elmar Esseln ist es aber nicht: "Wir haben alle weiterführenden Schulen der Landkreise Vulkaneifel und Bitburg-Prüm angeschrieben. Wenn dann nur 150 von 4000 angesprochenen Eltern und Lehrern kommen, ist das etwas mager", sagt der Kriminalhauptkommissar der Beratungs- und Präventionsstelle des Polizeipräsidiums Trier.
Auf seine erste Einladung habe er von überhaupt keiner Schule eine Rückmeldung bekommen.

"Es ist genauso wie schon vor 20 Jahren, als ich bereits Drogenprävention in Schulen gemacht habe: Viele Schulen ignorieren das Thema komplett oder sagen: Bei uns gibt es das nicht. Doch das stimmt nicht. Jede weiterführende Schule hat ein Drogenproblem, überall gibt es auch Kräutermischungen zu kaufen." Für ihn ist diese Ignoranz "absolut unverständlich" und der "komplett falsche Ansatz".

Denn die Polizei sei, gerade was Drogen und Legal Highs angehe, auf die Mitarbeit der Schulen und Eltern angewiesen. Daher bietet die Polizei auch Workshops zu diesem speziellen Thema für Schulen an. "Wir kommen zu Ihnen und informieren die Schüler gezielt über die Gefährlichkeit der Kräutermischungen", warb Esseln. Doch auch dabei herrscht bislang noch Zurückhaltung. Aus der Eifel habe er erst drei Anfragen, im gesamten Zuständigkeitsbereich des PP Trier seien es bislang 20.

Mit dieser Offensive aus Workshops und Informationsabenden, die zusammen mit der Staatsanwaltschaft Trier und dem Gesundheitsamt Prüm veranstaltet werden, soll dem seit geraumer Zeit immer mehr um sich greifenden Problem der Legal Highs durch Aufklärung begegnet werden.

Die Schlagzeilen der vergangenen Wochen und Monate bereiten Polizei und Eltern gleichermaßen Sorgen - beispielsweise, als im September vier Schüler aus Hillesheim zwischen 13 und 15 Jahren nach dem Konsum von Kräutermischungen im Krankenhaus behandelt werden mussten, oder im Juni vier Jugendliche in Wittlich ins Krankenhaus kamen und zwei davon sogar auf der Intensivstation behandelt werden mussten.
40 Fälle in der Region


Oder der Vorfall am Gerolsteiner Bahnhof, als ein junger Erwachsener nach dem Konsum eines Kräuterjoints zusammenbrach. Und die Nachricht vom ersten Todesfall in der Region, als in Idar-Oberstein eine 35-Jährige nach dem Konsum von Kräutermischungen starb. "Legal Highs sind derzeit unsere gefährlichste Droge, denn man weiß nie genau, was drin ist", warnte Staatsanwalt Benjamin Gehlen. 40 Fälle in der Region seien bislang dokumentiert, 70 Ermittlungsverfahren in Bearbeitung. Darüber hinaus gehen die Ermittler von einer sehr großen Dunkelziffer aus. Neben Aufklärung setzen die Behörden auf Strafverfolgung. Doch die ist, wie es Staatsanwalt Gehlen ausführte, gar nicht so einfach.

"Die Hersteller sind sehr einfallsreich und versuchen darauf zu achten, nur Wirkstoffe zu verwenden, die noch nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen. Dadurch sind die Mischungen aber nicht ungefährlicher."
Dennoch betonte er: "Anders als bei Marihuana, wo unter gewissen Umständen die Verfahren fallengelassen werden, wird bei Legal Highs absolut jeder Besitz verfolgt - und wenn Betäubungsmittel enthalten sind - auch bestraft".

Amtsärztin Birgit Stahl vom Gesundheitsamt Prüm veranschaulichte, welche Folgen der Konsum von Legal Highs, die als Kräutermischungen zum Rauchen oder als Pulver, Tabletten, sowie als Badesalz oder Reiniger vertrieben werden, haben kann. Die Symptome reichen von roten Augen, Übelkeit und Erbrechen über Unruhe, Herzrasen, Krampfanfälle und Panikattacken bis hin zu Psychosen.

Birgit Stahl sagt: "Sieben Prozent der gemeldeten Fälle sind potenziell lebensbedrohlich. Zudem kann besonders das junge Gehirn großen Schaden nehmen - und zwar bereits vom Konsum einer einzigen Kräutermischung."Meinung

Aufklärung ist Pflicht
Alkohol, Zigaretten, Joints, Kräutermischungen, Aufputschmittel: Klar, probieren Jugendliche Drogen aus. Das war früher so, ist heute nicht anders, und wird sich auch künftig vermutlich nicht ändern. Wie man das verhindern kann? Vermutlich gar nicht. Was man trotzdem tun kann und muss: aufklären! Denn nur wer weiß, was er sich reinzieht und welche Folgen das haben kann, hat überhaupt erst die Chance, nicht unwissend in eine Falle zu stolpern, aus der er vielleicht nicht mehr rauskommt. Und wer über Drogen und ihre Gefährlichkeit nachdenkt, kann eventuell auch einen Freund davon abhalten. Für Eltern und Schulen ist es daher eine Pflicht, offensiv mit dem Thema umzugehen, anstatt so zu tun, als ob es einen nichts angehe. Denn nicht nur in Großstädten, sondern eben auch in der Eifel gibt es ein Drogenproblem - laut Polizei an jeder weiterführenden Schule! Wegducken, nur weil man Angst um seinen "guten" Ruf hat, ist der falsche Weg! m.huebner@volksfreund.deExtra

 Volles Haus: 150 Besucher informieren sich im Rondell in Gerolstein über Kräuterdrogen. TV-Foto: Klaus Kimmling
Volles Haus: 150 Besucher informieren sich im Rondell in Gerolstein über Kräuterdrogen. TV-Foto: Klaus Kimmling Foto: klaus kimmling (kik) ("TV-Upload kimmling"

Polizeiberater Elmar Esseln, Staatsanwalt Benjamin Gehlen und Amtsärztin Birgit Stahl informieren: Was soll ich beim Verdacht, dass mein Kind Kräutermischungen konsumiert hat, tun? Esseln: "Das Kind beobachten und letztlich auf den Verdacht ansprechen - vor allem dann, wenn Sie kleine Tütchen bei ihm finden." Und wenn mein Kind auffällig geworden ist? Esseln: "Die Beratungsstelle der Polizei kontaktieren." Woran erkenne ich Legal Highs? Gehlen: "An der Art der Verpackung: kleine Tütchen, oft bunt bedruckt. Die Kräutermischungen riechen zudem oft ein wenig synthetisch. Zudem ist ein kleines, in Alufolie verpacktes Ding nur selten ein Stück Schokolade." Was sage ich meinem zwölfjährigen Kind? Gehlen: "Lass die Finger von diesen Sachen! Man weiß nie, was drin ist und was mit dir passiert." Was tun beim Ernstfall? Stahl: "Erste Hilfe anwenden und den Notarzt rufen, das Kind beruhigen und selbst möglichst ruhig bleiben." Können Legal Highs - ähnlich wie KO-Tropfen - meinem Kind auch untergejubelt werden? Esseln: "Eher nicht, da zumindest die Kräutermischungen alle geraucht werden müssen." Was tun Polizei und Justiz, dass unsere Kinder nicht in Kontakt mit Legal Highs kommen? Gehlen: "Wir machen mit drastischen Mitteln den Dealern das Leben schwer und verfolgen jeden Fall von Besitz. Aber letztlich sind da auch die Eltern gefragt." Hinweis eines Vaters: "Lassen Sie bei Info-Veranstaltungen zum Thema Drogen oder Legal Highs Rettungssanitäter referieren: Sie können aus ihrem Alltag berichten, die Folgen von Drogenkonsum darstellen. Das dürfte abschreckend wirken!" mh