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Die Gefahr ist ihr ständiger Begleiter

Die Gefahr ist ihr ständiger Begleiter

Angriffe auf Patrouillen, getötete Soldaten: Die Bedrohung in Afghanistan ist allgegenwärtig. Bundeswehrsoldaten werden dennoch weiter in Krisengebiete geschickt und speziell vorbereitet. Doch können sich die Truppen wirklich darauf einstellen, was sie in Afghanistan erwartet? Ein Besuch im Trainingscamp.

Gerolstein. "Ohren zu!", schreit der Ausbilder einer Gruppe Bundeswehrsoldaten aus dem Wald entgegen. Blitzschnell schießen 18 Zeigefinger in die Ohrmuscheln. Nur wenige Sekunden später geht mit einem lauten Knall eine Übungsgranate in die Luft - in sicherer Entfernung. Die Soldaten sind in einem Sensibilisierungsparcours auf dem Standortübungsplatz der Eifelkaserne Gerolstein-Lissingen. Hier lernen sie im Schatten der Baumkronen, ihre Augen nach ungewöhnlichen Auslösern und Minen offen zu halten, die in Afghanistan und anderen Krisengebieten vorkommen. Das gelingt nicht immer. Einer der Männer ist soeben auf eine Verwirrungstaktik hereingefallen, hat einen Draht berührt. "Wenn sie eine Schnur auf Kopfhöhe sehen, dient sie häufig nur zur Ablenkung", erläutert der Ausbilder. "Die Auslöser liegen dann häufig auf dem Boden."

Die Bedrohung simulieren



Der Sensibilisierungsparcours ist Teil der einsatzvorbereitenden Ausbildung für Konfliktverhütung und Krisenbewältigung (EAKK) für Soldaten - die Soldaten, die demnächst ihren Dienst im Ausland leisten werden. 43 Männer und Frauen nehmen an dem vierwöchigen Training teil, erfahren etwas über das Leben in den Krisengebieten und simulieren die Bedrohung in Übungen. Vier Wochen, die reichen müssen, um sich auf den Einsatz vorzubereiten. 20 der Soldaten haben Deutschland bereits für rund vier Monate verlassen. Ihr Aufenthaltsort: Kundus, das gefährlichste Gebiet im Norden Afghanistans. Weitere brechen im Sommer auf.

In ihren grüngefleckten Tarnanzügen stapfen die neun Soldaten weiter durch den Wald. Unter ihnen ist auch ein Hauptfeldwebel aus Potsdam. Der 35-Jährige steigt über Blätter und Stöcke, weicht immer wieder Gebüschen und Ästen aus - gewissenhaft. Denn Details lassen sich auf dem Boden kaum erkennen. Die Auslöser können aber überall versteckt sein. Der stämmige junge Mann mit den kurzen Haaren, die kaum unter seiner Mütze hervorlugen, tastet sich mit seinem Gewehr langsam voran. Sein Blick wechselt ständig die Richtung, immer auf der Suche nach verdächtig aufblitzenden Seilen und Metallteilen. "Achtung, hier ist eine Schnur", ruft plötzlich einer seiner Kameraden. Deutlich markiert der Soldat die Stelle. Einer nach dem anderen tippeln die Männer über das kaum sichtbare Seil. Sie sind nun auf der Hut.

Die Gefahr ist in den Krisengebieten ständiger Begleiter der Soldaten. Beeindrucken lässt sich der Potsdamer Hauptfeldwebel davon nicht. Auch Unglücke oder andere Zwischenfälle beeinflussen ihn nicht. "Skandale hat es schon immer gegeben", erzählt der junge Mann mit ruhiger Stimme. Er verzieht keine Miene, steht ruhig auf einem Waldweg. Er mache seine Bereitschaft ins Ausland zu gehen davon nicht abhängig. Im August tritt er seinen ersten Auslandseinsatz in Kabul an. Dafür hat sich der 35-Jährige freiwillig gemeldet, obwohl er weiß, "dass es kein Spaß in den Einsatzländern ist".

Das Einsatzgebiet der deutschen Soldaten in Afghanistan ist vor allem der Norden des Landes. Masar-i-Scharif, Kundus, Faysabad, Taloqan, Kabul: Knapp 5000 Bundeswehrsoldaten sind dort stationiert. Damit ist Deutschland die drittgrößte Armee der internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe Isaf (engl. International Security Assistance Force). Soldaten aus der Eifelkaserne sind seit 2002 Teil der Isaf-Truppe. In den afghanischen Krisengebieten kämpfen sie gegen die Aufständischen - und das extreme Klima. Im Sommer warten Hitze, Wind und Staub, im Winter Minustemperaturen und Schnee.

Mit Kälte und Wind kämpft auch ein Soldat einer zweiten Gruppe ein paar Meter weiter auf dem zentralen Lager des Übungsplatzes in der Eifel. Ein dunkelgrünes Zelt bietet dort Unterschlupf, ein Feuer spendet Wärme zwischen ein paar Holzklötzen, die provisorisch als Bänke dienen. Zwei Kanister, gefüllt mit heißem Tee, stehen daneben. Doch zum Aufwärmen bleibt keine Zeit. Der Soldat macht sich für eine Konvoifahrt bereit, sitzt am Maschinengewehr auf dem Dach des hintersten Lastwagens. Daumen hoch, ein Lächeln zeichnet sich unter dem Tuch ab, das er sich zum Schutz vor dem Fahrtwind um den Mund gebunden hat. Seine Aufgabe: die Fahrzeuge gegen Angreifer sichern. Was genau die Auszubildenden bei dem Manöver erwartet, wissen sie jedoch nicht.

Wie verhalte ich mich, wenn der Konvoi angegriffen wird, was passiert mit den Verletzten, unter welchen Bedingungen verlasse ich den Schutz des gepanzerten Autos? Das sind nur einige der Situationen, mit denen die Soldaten nicht nur während der Übung konfrontiert werden. Denn junge Feldwebel werden in zwölf Jahren durchaus zwei- bis dreimal ins Ausland geschickt. Dort bleiben ihnen gelegentliche Fahrten im Konvoi nicht erspart.

Jeder Stopp ist gefährlich



Wie eine lange, behäbige Elefantenkolonne setzen sich die grün-braungefleckten Patrouillenfahrzeuge auf dem Gerolsteiner Übungsplatz in Richtung Wald in Bewegung, rumpeln über den Schotter, umkurven verbeulte Metallfässer. Kaum hat der Konvoi die Sicherheit des Lagers verlassen, leuchten die ersten Rücklichter rot auf. Kommando zurück. Der vorgegebene Weg ist blockiert, der Patrouillenführer muss eine neue Route finden. Doch jeder Stopp bedeutet Gefahr. Der Konvoi wird zu einem möglichen Ziel von Feinden. Ein Soldat nach dem anderen zwängt sich aus den Geländewagen. Das Maschinengewehr im Anschlag schwärmen sie aus, um das Gebiet rechts und links des Wegs auf behelfsmäßige Sprengfallen abzusuchen.

Sprengfallen sind das klassische Mittel, mit dem die Taliban Autokolonnen angreifen. In den Krisengebieten können sie überall versteckt sein - in Gebüschen, Aktenordnern, Kinderspielzeug. Sogar in Toilettenspülkästen. Betätigt ein Soldat die Spülung, explodieren sie. Egal, was die Soldaten außerhalb des Lagers anfassen, sie können sich nie ganz sicher sein. Das ist auch dem Potsdamer Hauptfeldwebel bewusst. Als Gefahrenzulage bekommen sie pro Einsatztag in Afghanistan 110 Euro zusätzlich zu ihrem Gehalt. Bei Aufenthalten von rund vier Monaten kommen so etwa 13 000 Euro zusammen. "Die finanzielle Seite lockt auf jeden Fall", gibt der 35-jährige Hauptfeldwebel zu. Es sei aber auch das Gefühl, aus der routinierten Schiene herauszukommen. "Das Handwerk schläft sonst ein." Dass damit Gefahren verbunden sind, nimmt er in Kauf.

"Es geht hier um Ihr Leben", ruft der Ausbilder der ersten Gruppe zu. Nebeneinander stehen die Soldaten inzwischen auf einem Waldweg, die klobigen Stiefel in enge, markierte Quadrate gezwängt, die sie nicht verlassen dürfen. Den Oberkörper weit nach vorne gebeugt suchen sie mit langen Nadeln kleine, mit Sand gefüllte Holzkisten nach Übungsminen ab.

Der Hauptfeldwebel aus Potsdam sticht seine Nadel wieder und wieder in den Sand, schiebt zwischendurch die Ärmel seiner grüngefleckten Tarnjacke zurück, zieht seine Splitterschutzweste zurecht. Die Kleidung schützt ihn im Ernstfall vor Geschossen, hat aber ein großes zusätzliches Gewicht. Allein die Weste bringt zwölf Kilo auf die Waage. Die Soldaten recken sich, ächzen unter der Last, stöhnen wegen der ungemütlichen Haltung. Die markierte Trittspur dürfen sie trotzdem nicht verlassen. Ein unbedachter Schritt entscheidet in Afghanistan über Leben und Tod. Denn dort sind noch immer fünf bis sieben Millionen Landminen vergraben.

Die Familie des 35 Jahre alten Hauptfeldwebels steht dem Einsatz nicht nur deshalb mit gemischten Gefühlen gegenüber. "Muss es wirklich sein?", sei eine der Fragen, die er von seiner Mutter häufiger höre. Ein Einwand, der mit Blick auf die Anschläge berechtigt ist. 48 Tote hat die Bundeswehr allein in Afghanistan zu beklagen.

Der Hauptfeldwebel kann verstehen, dass seine Familie sich Sorgen macht. "Das Was-wäre-wenn geht mir auch durch den Kopf." Aber es gehöre nun mal zum Job dazu. "Ich will es machen", betont der stämmige Mann und blickt zu seinen Kameraden. Die beenden das Training mit einem heißen Tee aus den dunkelgrünen Tanks, wärmen sich nach rund neun Stunden in der Kälte. "Und wenn alles gut läuft, würde ich jederzeit wieder gehen."

Um die Angehörigen des Soldaten zu schützen, hat sich der TV verpflichtet, den Namen des Gesprächspartners nicht zu nennen.

EXTRA

KASERNE



An der Einsatzvorbereitung in Gerolstein sind neben einigen Soldaten aus anderen Standorten Deutschlands vor allem Soldaten des Gerolsteiner Führungsunterstützungsbataillons beteiligt. Dort sitzen Fernmelder, die unter anderem für die satellitengestützten Informationssysteme zuständig sind. In Afghanistan hält sich die Gruppe hauptsächlich im Feldlager auf, sorgt für eine funktionierende Kommunikation innerhalb des Lagers sowie nach draußen und in die Heimat. Seit 1993 nehmen Soldaten vom Standort Gerolstein an Auslandseinsätzen der Bundeswehr teil. Im Durchschnitt sind 40 Fernmeldespezialisten im Ausland, über das Jahr verteilt sind es bis zu 140 Soldaten. hsc