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Die Juden waren keine Fremden in der Eifel

Die Juden waren keine Fremden in der Eifel

Auf Einladung der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) hat René Richtscheid vom Emil-Frank-Institut Wittlich über jüdisches Leben in der Eifel seit dem Mittelalter berichtet. Karl-Heinz Böffgen informierte über das Schicksal der Juden in seiner Heimatstadt Gerolstein. Als Zeitzeuginnen erinnerten sich Maria Hornemann und Margarete Mauel.

Hillesheim. Betroffenheit und ungläubiges Staunen unter den gut 30 Besuchern des Vortrags- und Gesprächsabends im Rathaussaal in Hillesheim. Die 86-jährige Margarete Mauel erzählt unter Tränen, was sie erst durch die Ankündigung der Veranstaltung in der Zeitung erfahren habe: das jüdische Mädchen Ruth Kaufmann, ihr jüngerer Bruder Walter und ihre Eltern Emil und Erna waren unmittelbar nach ihrer Deportation aus Hillesheim am 23. Februar 1943 ermordet worden.

Zu diesem Zeitpunkt war Margarete Mauel 18 Jahre alt und Lehrmädchen in einem Kaufhaus in Hillesheim. "Ich sehe Ruth heute noch vor mir mit ihrem Einkaufszettel", sagt sie. Und erinnert sich auch an den fatalen Stolz der siebenjährigen Ruth, als sie erstmals einen gelben Judenstern auf dem Mäntelchen trug. Von der "Reichskristallnacht" im November 1938 weiß Margarete Mauel noch, dass der Wohnzimmerschrank der Familie Kaufmann von Nazis umgestoßen und das Geschirr zerschlagen worden war.

100 Juden lebten 1933 im Kreis



Auch die Erinnerungen von Maria Hornemann (76) an die Familie Kaufmann, besonders an die damals gleichaltrige Ruth, sind noch sehr lebendig. "Ich habe mit Ruth gespielt", erzählt sie. "Wir wohnten ja Tür an Tür." Sie schildert bewegt Details von der Deportation der jüdischen Familie. Am Abend zuvor hätten Kaufmanns ihnen einige Haushaltsgegenstände geschenkt. Ein Hillesheimer habe sie mit dem Handwagen zum Bahnhof nach Oberbettingen begleitet. Erna Kaufmann habe beim Abschied geweint und gesagt: "Wir werden Hillesheim nie wiedersehen."

Es sei höchste Zeit, sagte René Richtscheid, pädagogisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter des Emil-Frank-Instituts, mit der Aufarbeitung der Geschichte der jüdischen Mitbürger in Hillesheim zu beginnen. Er informierte über die Geschichte der Juden in der Eifel - vom ersten Nachweis aus dem Jahr 1345 über die Verfolgung und Ermordung von Juden während der Pest-Epidemie im Mittelalter und die beginnende Gleichberechtigung im 19. Jahrhundert bis zur staatlich gelenkten Verfolgung mit der Absicht der Vernichtung im Dritten Reich. "Die Juden waren keine Fremden in der Eifel", betonte Richtscheid. "Sie wurden von den Nazis zu Fremden gemacht."

Karl-Heinz Böffgen hatte mit seinem Bericht über den Stand der Aufarbeitung des jüdischen Lebens in der Nachbarstadt Gerolstein den Abend eröffnet. "Es ist lange her, aber immer noch im Gespräch", sagte er über das Schicksal der etwa 100 Juden, die 1933 im damaligen Kreis Daun gewohnt hätten - weitgehend integriert und nicht wie anderswo in eigenen Vierteln isoliert.

Böffgen skizzierte den Leidensweg der Juden von 1933 bis 1945. "Seither wird über Schuld, Mitschuld und Verantwortung diskutiert", sagte er. Er bot seine Hilfe bei einer Dokumentation über die Juden in Hillesheim an. bb

EXTRA

FüHRUNG



Die KEB lädt für Sonntag, 10. April, 15 bis 17 Uhr, zu einem kostenlosen Rundgang durch Gerolstein ein. Karl-Heinz Böffgen führt die Teilnehmer zu den Häusern, in denen im Dritten Reich jüdische Bürger wohnten. Treffpunkt: Heimatmuseum, Sarresdorfer Straße. Info: www.forum-hillesheim.de; Telefon 06591/3300. (bb)