Die Revoluzzer von Lutzerath

Die Revoluzzer von Lutzerath

LUTZERATH. Einen solchen Wahltag hat die Eifel wahrscheinlich noch nie erlebt: besetzte Wahlbüros, keine Wähler, schwarze Fahnen im Ort, Transparente und Protestdemonstrationen. So verlief die Landtagswahl 1971 in Lutzerath (Kreis Cochem-Zell).

Ulmen wurde nach der Verwaltungsreform Sitz der neuen Verbandsgemeinde. Lutzerath hatte das Nachsehen und protestierte lautstark gegen diese Mainzer Entscheidung. Grund war ein Beschluss des Landtags, den Verwaltungssitz der neuen Verbandsgemeinde nach Ulmen zu legen, obwohl sich sowohl die Amtsvertretung als auch 14 Ortsgemeinden für Lutzerath ausgesprochen hatten. Kurz vor der Landtagswahl am 21. März eskalierte dann die Situation, als das rheinland-pfälzische Verfassungsgericht die Verfassungsklage der VG-Vertretung und der Kommunen als unzulässig zurückwies. Schon einen Tag später trat der gesamte Gemeinderat von Lutzerath aus Protest gegen diese Entscheidung zurück. Und schnell wurden Stimmen laut, die Landtagswahl zu boykottieren.Kinder und Jugendliche besetzten das Wahllokal

Am Wahltag hingen überall in Lutzerath schwarze Fahnen an den Häusern, auf Flugblättern hieß es: "Mitbürger, wer wählt, ist ein Verräter und verschachert seine Heimat dem ungerechten Gesetzgeber." Schon vor Öffnung des Wahllokals in der Lutzerather Schule besetzten Kinder und Jugendliche den Raum. Rund 500 Demonstranten verhinderten, dass der Wahlvorstand seine Arbeit aufnehmen konnte. Im Ortsteil Driesch musste der Wahlvorstand kurz nach Wahlbeginn das Lokal räumen, weil auch Kinder und Jugendliche den Raum besetzten. Die sofort informierte Kreisverwaltung wie auch die Bezirksregierung in Koblenz setzten eine Hundertschaft der Gendarmerie in Bereitschaft und schickten mehrere Polizeiwagen in die Eifel. Landrat Severin Bartos machte sich selbst auf den Weg nach Lutzerath, wo er mit Buhrufen empfangen wurde. Auch er konnte die aufgebrachte Menge nicht beruhigen. Vorwürfen einiger Bürger, die Polizei sei handgreiflich gegen Demonstranten vorgegangen, widersprach allerdings später die Kreisgendarmerie. Um 14.45 Uhr zog die Polizei wieder ab, das Wahllokal blieb geschlossen. Das Ergebnis war eindeutig: In den Wahllokalen Lutzerath und Driesch gab kein Wähler seine Stimme ab. Aus Solidarität blieben auch die Wählerinnen und Wähler in Wagenhausen und Kliding zu Hause. Insgesamt waren es 1971 in der VG Ulmen über 1000 Wähler weniger als 1967. Wenige Tage nach der Wahl erklärte der Landeswahlleiter den Urnengang in Lutzerath für ungültig und setzte für den 4. April Nachwahlen in den beiden Wahlbezirken Lutzerath und Driesch an. Kurz vor dem Wahltermin gab es ein Podiumsgespräch in der Gemeinde, an der der SPD-Spitzenkandidat Wilhelm Dröscher teilnahm. Die CDU allerdings, die damals im Landtag gegen die Stimmen der Opposition dem Landesgesetz über die Verwaltungsreform zugestimmt hatte, blieb der Diskussion fern, da keine sachlichen Debatten zu erwarten seien.Auf dem Fliegerhorst wartete die Polizei

Doch auch der Einsatz der anderen Parteien brachte nicht den gewünschten Erfolg. Wie schon zwei Wochen zuvor blieben auch bei der Nachwahl die Wähler wieder zu Hause. Die Bürger spielten Skat vorm Wahllokal, drinnen löste der Wahlvorstand Kreuzworträtsel - und dies unter den Augen der geballten Staatsmacht. Denn sowohl der Oberstaatsanwalt aus Koblenz als auch der Koblenzer Polizeipräsident waren am Wahltag nach Lutzerath gekommen, um den Urnengang zu überwachen. Und nicht nur das: Ohne dass die Lutzerather davon wussten, stand im nahen Fliegerhorst in Büchel eine Polizei-Hundertschaft in Bereitschaft, falls es wieder zu Ausschreitungen kommen sollte. Doch bei der Nachwahl hingen nur Transparente im Dorf; Demonstrationen gab es keine. Fünf Briefwähler hatten im Vorfeld ihre Stimme abgegeben. Da aber das Wahlgeheimnis durch diese geringe Wählerzahl nicht gewährleistet war, blieben die Umschläge zu und wurden bis zur nächsten Landtagswahl weggeschlossen.

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