Die Vergangenheit nicht ruhen lassen

Die Vergangenheit nicht ruhen lassen

Nach Jahrzehnten des Schweigens hat Nikolaus Rätz seine Erinnerungen an Jugend, Krieg und Gefangenschaft in den Jahren 1934 bis 1947 niedergeschrieben. Jetzt ist das Buch des 83-Jährigen unter dem Titel "Eine andere Sicht der Dinge" herausgegeben worden. Zur Vorstellung kamen über 100 Leute auf den Gröner Hof nach Loogh.

Kerpen-Loogh. (bb) "Papa, das hast du super gemacht", sagte unter dem Beifall der Zuhörer am Ende der Buchpräsentation Nikolaus Rätz' jüngste Tochter Ursula Gröner. Das war mehrdeutig. Tatsächlich hatte der frühere Landwirtschaftsmeister und Kommunalpolitiker Rätz mit ausgewählten Leseproben einen gleichermaßen unterhaltsamen und informativen Streifzug durch sein Buch unternommen, dessen Entstehungsgeschichte skizziert und dabei augenzwinkernd erklärt: "Es führen viele Wege dahin, dass ein Bauer aus der Eifel ein Buch schreibt." Was Ursula Gröner mit dem Lob auch meinte, beschrieb sie so: "Ich habe großen Respekt vor deinen klar gefassten Gedanken und Worten, und ich bewundere dich für deine andere Sicht der Dinge." Es sei ein ernsthaftes, aber kein schwermütiges Buch, sagte sie den Familienmitgliedern und Freunden ihres Vaters, den Leuten aus seinem Heimatort Loogh und seinem Geburtsort Leudersdorf und den vielen anderen an der Neuerscheinung Interessierten.

Aus der Sicht des Historikers nahm in einem vielbeachteten Vortrag der Trierer Universitätsprofessor und Verlagslektor Wolfgang Schmid das Buch in den Blick. Nikolaus Rätz' Kriegserlebnisse unterschieden sich von den üblichen umfangreichen Schilderungen, sagte er. Im Mittelpunkt des überschaubaren Werks stünden die Ereignisse, die einen jungen Mann fast aus der Bahn geworfen und seinen Lebensweg später entscheidend geprägt hätten. Zwar sei eine Autobiografie keine wissenschaftliche Abhandlung, betonte Schmid. Aber gerade die persönlichen Schilderungen von Nikolaus Rätz eigneten sich, der heutigen und kommenden Generation einen Eindruck von der Hitler- und Kriegszeit zu geben. "Wir dürfen die Vergangenheit nicht ruhen lassen", appellierte er.

Als Besonderheiten des Buchs nannte Verlagsleiter Alexander Reverchon, Trier, das Aufarbeiten und Veröffentlichen der Erinnerungen von Rätz nach mehr als einem halben Jahrhundert. In der Phase der Historisierung des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte spiele das Buch eine wichtige Rolle als Quelle, sagte er. Der Kerpener Ortsbürgermeister Rudolf Raetz bezeichnete die Neuerscheinung als Mahnung.

Das Buch "Eine andere Sicht der Dinge. Jugend, Krieg, Gefangenschaft in der Eifel 1934-1947" hat 176 Seiten int zwölf Kapiteln, von denen eines der inzwischen verstorbene Josef Reusch aus Großlangenfeld (Eifelkreis Bitburg-Prüm) geschrieben hat. Das Geleitwort stammt von Nikolaus Rätz' Cousin Peter Neu (Bitburg), das Nachwort von Ursula Gröner. Das Buch enthält 20 Schwarz-Weiß-Fotos und Karten. Es ist im Kliomedia Verlag Trier erschienen und kostet 19,90 Euro (ISBN 978-3-89890-147-5).