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Dr. Volker Schneiders, Leiter des Gesundheitamts Daun, äußert sich zur Corona-Lage

Gesundheit : „Achtsam mit dem Virus arrangieren“: Das sagt der Chef des Dauner Gesundheitsamtes zur Corona-Lage

Trotz weiterhin hoher Inzidenz und der Infektion von rund einem Drittel der Kreisbevölkerung: Dr. Volker Schneiders, Leiter des Gesundheitamts Daun, sieht die Pandemiebekäpfung alles andere als gescheitert an.

Die Corona-Schutzmaßnahmen sind auch im Landkreis Vulkaneifel weitgehend aufgehoben, dennoch sind die Infektionszahlen weiter hoch. So lag die Inzidenz Ende April noch bei über 1900, sinkt seither jedoch. Wir haben das zum Anlass genommen, Dr. Volker Schneiders, Leiter des Gesundheitsamts Daun, um eine aktuelle Lageeinschätzung sowie einen Ausblick zu bitten.

Wie ist zu erklären, dass die Inzidenz hier deutlich höher als in den Nachbarkreisen sowie über dem Bundes- und Landesvergleich liegt?

Schneiders In den letzten Tagen ist auch in unserem Kreis die Sieben-Tages-Inzidenz gesunken. Ein Vergleich von Tageswerten in Rheinland-Pfalz ist schwierig, weil die Gesundheitsämter nicht alle einheitlich die Daten tagesaktuell liefern. Hinzu kommt, dass nicht alle Infizierten einen PCR-Test machen lassen, doch nur diese Fälle zählen in der Statistik. Für unseren Kreis stellen wir fest, dass wir nach wie vor ein sehr hohes Testangebot, eine verantwortungsvolle Bevölkerung und ein ausgesprochen hohes Testaufkommen haben. Hinzu kommt, dass wir mittlerweile im ambulanten Sektor drei PCR-Testmaschinen haben, bei denen noch am selben Tag ein Ergebnis vorliegt. Darüber hinaus konnten wir bis dato mit unserer seit zwei Jahren am Belastungslimit arbeitenden Mannschaft im Gesundheitsamt eine tagesaktuelle valide Erfassung der Fallzahlen gewährleisten. Wir haben bislang stets tagesaktuell mit Stichpunkt 14 Uhr alle bis dahin eingegangen Covid-19 Fälle an das Land und damit weiter an das RKI gemeldet. Damit erscheint die Dunkelziffer in unserem Landkreis vergleichsweise gering.

Gibt es aktuell besondere Infektionsherde (Schulen, Kitas, Seniorenheime)?

Schneiders Hotspots sind derzeit in unserem Landkreis Vulkaneifel nicht zu verzeichnen.

Die Zahl der bestätigten Corona-Infektionen seit Beginn der Pandemie liegt bei mehr als 17.000. Das ist annähernd ein Drittel der Kreisbevölkerung. Muss angesichts dessen die Pandemiebekämpfung nicht als gescheitert angesehen werden?

Schneiders Nein, die Pandemiebekämpfung ist nicht als gescheitert anzusehen. Im Gegenteil: Durch die ergriffenen Maßnahmen konnten deutschlandweit wie auch im Kreis eine Reduktion von Morbidität und Mortalität der Gesamtbevölkerung, die Sicherstellung der ambulanten und stationären Versorgung erkrankter Personen, die Aufrechterhaltung öffentlicher Dienstleistungen und der kritischen Infrastruktur sowie die Entwicklung und Bereitstellung von Medikamenten und Impfstoffen erreicht werden.

War es richtig, die Strategie mehrfach zu wechseln?

Schneiders Im Rahmen einer Pandemiebekämpfung werden aufgrund eines sehr dynamischen Verlaufes ständig Situationsanpassungen erforderlich. Dabei kommen im Wesentlichen drei unterschiedliche Strategien zum Tragen: Zu Beginn dient eine Eindämmungsstrategie (Containment) auf allen Ebenen des öffentlichen Gesundheitsdienstes dazu, durch schnellstmögliches Unterbrechen von Infektionsketten (häusliche Quarantäne, penibles Kontaktpersonenmanagement mit -nachverfolgung) die weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen. Damit gewinnt man Zeit, um einerseits mehr über das Virus zu erfahren, Risikogruppen zu identifizieren, Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung und Behandlungskapazitäten in Kliniken vorzubereiten und nicht zuletzt antivirale Medikamente und Impfstoffe zu entwickeln. Sollte deutlich werden, dass eine Verbreitung dauerhaft nicht zu vermeiden ist, ist eine Bekämpfungsstrategie schrittweise zur Schutz-Strategie (Protection) für vulnerable Gruppen anzupassen. Diese konzentriert sich auf Personen und Gruppen, die ein erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe aufweisen.
Bei weiterer Ausbreitung, so wie es mittlerweile der Fall ist, greift eine Folgen-Minderungs-Strategie (Mitigation), um negative Auswirkungen auf die Gemeinschaft und das soziale Leben möglichst gering zu halten. So soll besonders schweren Krankheitsverläufen und Krankheitsspitzen, verbunden mit einer Überlastung der Versorgungssysteme, entgegengewirkt werden. Letztlich ist der Übergang zwischen den drei Phasen fließend.

Da die Nachverfolgung der Infizierten seit längerer Zeit aufgegeben wurde: Wie hoch schätzen sie die wirkliche Inzidenz und absolute Zahl der Infizierten ein?

Schneiders Die tatsächliche Gesamtzahl der Infektionen mit SARS-CoV-2 dürfte deutlich höher liegen als die vom RKI derzeit geführten Daten, da viele Infektionen nicht erkannt werden.

Wie viele Fälle einer Zweit- oder gar Dritterkrankung (ohne und trotz Impfung) verzeichnen sie?

Schneiders Eine repräsentative ausgewertete Datenanalyse liegt auf Ebene der unteren Gesundheitsbehörden nicht vor und ist auch aufgrund der hohen Arbeitsbelastung nicht zu bewerkstelligen.

Zwischen einem und zwei Dutzend Patienten bedürfen in jüngster Zeit einer stationären Behandlung: Wie geht es diesen Patienten in der Regel? Wie ist die Lage in den Krankenhäusern?

Schneiders Der Großteil der stationär behandlungsbedürftigen Covid-19 Fälle kann auf der Normalstation behandelt werden. Der Anteil der Patienten, die einer intensivmedizinischen Behandlung bedürfen, ist mit zunehmender Impfquote kontinuierlich zurückgegangen. Hinzu tritt die Tatsache, dass es sich bei den hospitalisierten Covid-19-Patienten häufig um „Zufallsbefunde“ handelt, da die stationäre Aufnahme in der Regel nicht wegen Covid-19 erfolgte, sondern aufgrund einer anderen stationär behandlungsbedürftigen Erkrankung. Bezogen auf die behandlungspflichtigen Covid-19-Fälle, ist die Versorgung in den Krankenhäusern nicht gefährdet; die angespannte Lage in den Krankenhäusern während der Omikron-Welle kam durch viele infizierte Beschäftigte.

Bislang sind im Kreis 85 Menschen an oder mit Covid verstorben. Nachdem es lange Zeit keine Toten mehr zu verzeichnen gab, häuften sich diese Fälle in jüngster Zeit wieder. Weshalb?

Schneiders Bei den jüngsten Todesfällen handelt es sich um Todesfälle älterer Menschen im Lebensalter zwischen 80 und 95 Lebensjahren mit – zum Teil multiplen – Vorerkrankungen, die eher mit als an Covid verstorben sind.

Wie hoch ist aktuell die Impfquote? Wie die Impfbereitschaft (für die Erst- als auch die Boosterimpfungen)?

Schneiders Die Impfquote im Landkreis Vulkaneifel liegt deutich über dem Landesdurchscnitt. Bei dem Anteil der Bevölkerung (über vier Jahren) mit Erstimpfung bei 83,35 Prozent, mit vollständiger Impfung bei 86,61 Prozent, mit erster Auffrischungsimpfung liegt bei 73,74 Prozent. Im Land liegt die Quote bei 75,32 Prozent (Erstimpfung) beziehungsweise 76,20 Prozent (mit vollständigem Impfschutz).

Ist noch was los im Imfzentrum?

Schneiders Die Impfstelle in Hillesheim ist nach wie vor samstags vormittags geöffnet. In den letzten Wochen wurden dort zwischen 100 und 180 Impfungen pro Öffnungstag durchgeführt. Bei dem Großteil der Impfungen handelt es sich um Auffrischungsimpfungen, aber auch Erst- und Zweitimpfungen werden durchgeführt.

Wie ist die Lage im Gesundheitsamt? Gibt es wegen der Langzeitzeitbelastung seit mehr als zwei Jahren eine erhöhte Zahl an Krankmeldungen?

Schneiders Zur Bewältigung der aktuellen Situation stockte die Verwaltung bereits Anfang des Jahres intern wieder Personal auf, um die 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Gesundheitsamt durch weitere Kräfte zu unterstützen. In Anbetracht der Infektionszahlen unter der Omikron-Welle arbeitete das Team des Gesundheitsamtes erneut bis zur Erschöpfung am Belastungslimit, verbunden mit unzähligen Überstunden. Die Unterstützung der Bundeswehr ist in der Zwischenzeit ausgelaufen. Seit Beginn der Pandemie tragen alle Mitarbeiter des Gesundheitsamtes, die selbstredend alle vollständig geimpft und geboostert sind, während der Arbeit beziehungsweise bei Publikumskontakt eine FFP2-Maske. Einen erhöhten Krankenstand gibt es zumindest derzeit bislang nicht zu verzeichnen.

Wie wird sich die Lage im Sommer, nach den Sommerferien und im Herbst/Winter entwickeln? Was empfehlen Sie für diese Zeit?

Schneiders Das Virus wird nicht verschwinden, nur weil wir ab einem Zeitpunkt X nicht mehr danach suchen. Die Verbreitung setzt sich erwartungsgemäß fort, ebenso werden weitere Virusvarianten auftauchen. Wie sich darunter die Ansteckungskraft beziehungsweise die Übertragungsfähigkeit des Virus entwickelt und inwiefern die Fähigkeit, krankhafte Veränderungen hervorzurufen zu- oder abnimmt, kann an dieser Stelle und zum jetzigen Zeitpunkt nicht zuverlässig beantwortet werden. Im Herbst/Winter ist aus meiner fachlichen Sicht mit einer erneuten deutlichen Zunahme von Infektionskrankheiten der Atemwege sowohl durch SARS-CoV-2 als auch durch andere Atemwegserreger zu rechnen. Wirksame Präventionsmaßnahmen vor schweren Krankheitsverläufen sind neben der Einhaltung der allgemeinen Hygieneregeln und dem Tragen von FFP2-Masken in Hochzeiten von Atemwegsinfektionen, insbesondere bei Menschenansammlungen, zweifellos die alljährliche Grippe-Impfung sowie die Komplettierung und Auffrischung eines Corona-Impfschutzes. Wissenschaftlich und pandemisch-strategisch sind damit die weiteren Wege gebahnt, um eigenverantwortlich und durch verantwortungsbewusste Verhaltensweisen jedes Einzelnen künftigen SARS-CoV-2-Variantenwellen entgegenzutreten. Es gilt, sich achtsam und umsichtig mit diesem der Menschheit offensichtlich unabwendbar erhalten bleibenden Virus zu arrangieren.