Durch die Küche an die Kohle

Durch die Küche an die Kohle

WOLLMERATH. (bm) 36 Jahre lang hat Werner Peters in seinem Wohnhaus in Wollmerath (Kreis Cochem-Zell) eine "Filiale" der Raiffeisenbank Lutzerath geführt. Im Büro direkt gegenüber der Küche wickelte er Überweisungen oder Sparbuch-Geschäfte ab, kassierte ein und versorgte die Kunden mit Bargeld. Seit Ende 2003 ist der Tresor der Mini-Bank in der Eifel endgültig geschlossen.

Zugegeben, das flotte Geldabheben rund um die Uhr am Automaten ist eine sehr praktische und Zeit sparende Sache. Doch viel unterhaltsamer waren die wöchentlichen Kassenstunden bei Werner Peters in Wollmerath. Statt gelangweilt in der Warteschlange vor einem Computer zu stehen und nervös nach der richtigen Pinnummer zu kramen, wurden die Bankkunden in der Wollmerather Zahlstelle der Raiffeisenbank Lutzerath erst einmal freundlich in die gemütliche Küche gebeten. "Wegen des Bankgeheimnisses konnten die Leute ja nicht alle gleichzeitig in mein Büro", erzählt Peters. Daher wurde das Reich der Hausfrau kurzerhand zum Warteraum, wo es auch schon mal eine Tasse Kaffee gab. "Hier war oft was los. Es trafen sich immer die gleichen Leute, um sich die Neuigkeiten zu erzählen", sagt Christa Peters. Wer über den Dorfklatsch informiert war, ging über den Flur ins Büro, wo Peters nicht hinter einem Bankschalter stand, sondern am Schreibtisch "residierte". Auch der Kunde konnte sich auf einem Besucherstuhl niederlassen. Kein Computer speicherte die Daten des Bankgeschäfts. Alle Vorgänge und Buchungen notierte Peters per Hand, um die Notizen später in der Lutzerather Bank abzuliefern. Werner Peters war "Banker" aus Leidenschaft, was ihm den Spitznamen "Flocki" einbrachte. Selbst als Rentner übernahm er weiter die wöchentlichen Kassenstunden in seinem Haus, denn er fühlte sich verantwortlich für die "Flocken" der Kunden in Wollmerath, Gillenbeuren, Filz und auch in Winkel, der Nachbargemeinde im Kreis Daun. Die Wollmerather Zahlstelle war stets "flüssig": "Im Tresor lagerten immer 20 000 Mark, die versichert waren." Nur wer große Beträge von seinem Konto abheben wollte, musste das vorher anmelden. Wenn das Geld einmal nicht reichte, musste der Kunde sich gedulden, bis Peters aus der Hauptstelle Nachschub geholt hatte. Offiziell hatte die Mini-Bank festgelegte Kassenstunden. Aber es wäre dem 71-Jährigen nie in den Sinn gekommen, Bankkunden wegzuschicken, die außerhalb der Zeiten bemerkten, dass Ebbe im Portemonnaie war. Viele Jugendliche kamen freitags abends, um sich ihr Geld für die Disko abzuholen. "Ist der Werner daheim?" Diese Frage hörte Christa Peters auch fast jeden Sonntag nach der Messe. Selbst zur Schlafenszeit klingelte es schon mal an der Tür: "Beim Junggesellenfest war um halb zwei nachts das Kleingeld ausgegangen." Auf solche Fälle war "Flocki" stets vorbereitet. Als Peters 1967 die Kassenstunden in Wollmerath übernahm, war sein Arbeitsplatz nicht nur am heimischen Schreibtisch. Gleichzeitig musste er noch ein Warenlager der Raiffeisenbank betreuen, wo die Landwirte ihren Bedarf wie Futter- und Düngemittel einkauften. Einmal im Monat packte "Flocki" den Kontokasten, eine gefüllte Geldkassette und eine Glocke ins Auto. Dann fuhr er zusammen mit einem Kollegen über die Eifeldörfer, um mit lautem Gebimmel das Milchgeld der Molkerei auszurufen und an die Bauern auszuzahlen.