Ein aufgeweckter Löwe

HILLESHEIM. Seit knapp 400 Jahren hält der Löwe auf dem Stadtbrunnen Wache. Vermutlich gehörte die Steinfigur zum Stadthaus und führte in den Ratskeller.

Auf einem Steinbogen sitzend sah er einst, wer durch das Stadttor kam. Ist das Tor auch längst verschwunden, der Löwe hielt Wacht an der Wand des ehemaligen Mirbachhofes gegenüber der Tourist-Information. Beim Herannahen feindlicher Truppen und umherschweifender Marodeure erlebte er, wie das Stadttor in aller Eile geschlossen wurde. Das vernehmliche Ächzen beim Öffnen des hölzernen Tores weckte ihn bei Beginn der Dämmerung und ließ ihn erst mit dem Schließen bei Einbruch der Dunkelheit zur Ruhe kommen. Doch Stille herrschte auch dann nicht. Aus dem angrenzenden Ratskeller drangen nämlich nach reichlicher Einnahme des selbst gebrautem Hillesheimer Bieres Wortgefechte von beträchtlicher Stärke. Das ließ nicht nur den Löwen, sondern auch andere Bewohner des dörflich geprägten Ortes - den andere übrigens als Stadt bezeichneten - nicht zur Ruhe kommen. Oftmals nur von ihm bemerkt, schlichen sich verkleidet oder versteckt in Fuhrwagen Bettler und Wegelagerer ein. Das Betteln war in den engen Gassen streng verboten; wer es dennoch riskierte, musste mit drakonischen Strafen rechnen. Die Unsicherheit im Lande gebot diese Vorsichtsmaßnahme. Die mehrmals im Jahr stattfindenden Vieh- und Krammärkte zogen viele Menschen an. Mit einer Vielzahl von Handwerksbetrieben, Schankstuben und Kramläden gehörte der Kurtrierische Amtsort, in dem rund 300 Bürger lebten, schon früh zu einem der bekanntesten in der Eifel. Durchziehende Kriegsscharen hatten im jahrzehntelangen Niederländisch-Spanischen Krieg die Eifelgebiete verwüstet und auch Hillesheim in große Not gebracht. Erzbischof Lothar von Metternich erließ der Gemeinde am 20. November 1605 den "Bannweinzapfe zum Beste ihres Bauwesens" - "wegen der Armut, die das Städtlein erleiden musste". Der Weinausschank gehörte zu den Hoheitsrechten, für die eine Abgabe zu entrichten war. Der Erzbischof verzichtete zu Gunsten der Stadt auf diese Einnahme. Der Löwe aus dem Jahre 1611 auf dem Stadtbrunnen beäugt auch weiterhin die Geschicke der Beispielstadt - die inzwischen frei ist von durchziehenden, räuberischen Heerscharen und Verwüstungen.