Ein Loblied aufs stille Kämmerlein

Ein Loblied aufs stille Kämmerlein

Vor einem Jahr ist Heinz-Peter Thiel (51, parteilos) zum Landrat des Kreises Vulkaneifel gewählt worden, am 1. April hat er das Amt angetreten. Im TV-Interview mit Redakteur Mario Hübner betont er, dass ein Weggang der Oberen Kyll in Richtung Prüm derzeit nicht infrage kommt. Und er berichtet davon, dass sich die politische Stimmung im Kreis deutlich verbessert hat - dank unzähliger Hintergrundgespräche.

Daun. Kurz vor der letzten Sitzung des Kreistags und ein Jahr nach seiner Wahl bezieht Heinz-Peter Thiel, parteiloser Landrat des Landkreises Vulkaneifel, Stellung: zur Kommunalreform, zur geplanten Deponie in Strohn und der politischen Kultur im Kreis.

Macht Ihnen der Job noch Spaß?
Heinz-Peter Thiel: "Ja, man hat mit sehr vielen Themen und Ansprechpartnern zu tun, die einen ständig fordern. Ich sehe es als befriedigende Herausforderung an, zum Wohle der Bürgerinnen und Bürger beizutragen."

Das hört sich mehr nach beruflicher Erfüllung denn nach Spaß an. Welches war bislang das schönste Erlebnis für Sie?
Thiel: "Ein nettes Erlebnis war, als acht Handwerksburschen, die auf der Walz waren, bei mir angeklopft haben. Da hat es gut gepasst, dass noch ein großer Geschenkkorb dastand. Die Jungs waren sehr zufrieden, als sie Schnaps und Likör sowie ein kleines Trinkgeld für den weiteren Weg bekommen haben."

Und die Hobbys? Wie viele Radkilometer haben Sie als passionierter Radfahrer in diesem Jahr geschrubbt?
Thiel: (druckst) "Tja, das Radfahren ist absolut zu kurz gekommen. Dafür bin ich aufs Joggen umgestiegen."

Keine Ausreden, Zahlen auf den Tisch!
Thiel: "200, maximal 300 Kilometer."

Das ist nicht viel!
Thiel: "Nein, sonst waren es rund 6000 Kilometer im Jahr. Dafür habe ich gelernt, dass Freizeit ein absolut wertvolles Gut geworden ist. Deswegen gehe ich morgens vor der Arbeit joggen, auch um fit zu bleiben."

Ein Jahr seit der Wahl, acht Monate im Amt. Dennoch haben Sie bislang keiner Diskussion Ihren Stempel aufgedrückt. Brauchen Sie noch Eingewöhnungszeit?
Thiel: (Pause) "Ich sehe das anders. Ich bin jemand, der für den Ausgleich steht. Das war und ist mein Credo. Daher pflege ich breit angelegte und transparente Hintergrundgespräche. Das ist aufwendig, für mich als unabhängiger Landrat aber unabdingbar, da ich mir stets umfassend Mehrheiten suchen muss. Bevor wir mit einem Problem in einen öffentlichen Disput gehen, erörtern wir die Dinge im kleinen Kreis und in den Kreisgremien. Darüber hinaus treffe ich mich einmal im Monat zu einem Arbeitsfrühstück mit den Damen und Herren Verbandsbürgermeistern. Und deswegen habe ich auch den Ältestenrat eingeführt. Da sind Vertreter aller Gruppen des Kreistags drin. Daher läuft es im Kreistag, wohl anders als früher, harmonisch ab."

Man könnte auch sagen: von der Dauerfehde zur Totenstille. Lebt der Kreistag noch?
Thiel: "Sicher, er produziert nur nicht mehr so viele Schlagzeilen wie früher. Es wird aber sicherlich noch Kreistagssitzungen geben, wo es wieder kontroverser zugeht als zuletzt."

Am südlichen Ende des Kreises wird heftig diskutiert: Braucht der Kreis die besondere Bauschuttdeponie in Strohn?
Thiel: "Ja. Sowohl wir als auch unsere Nachbarlandkreise brauchen eine DK I-‚Bauschuttdeponie\', da an Abbruch immer auch Fliesen, Farben, Dichtungsreste und sonstige, als gefährliche Stoffe deklarierte Reste anhaften."

Und Asbestplatten.
Thiel: "Und Asbestplatten. In Folie eingeschweißt, stellen diese kein Risiko dar. Aber genau das ist ja das Thema, das wir in unserem Kreis diskutieren: Im Hinblick auf den demografischen Wandel haben wir es immer öfter mit Leerständen in den Dörfern zu tun. Und wir sind soweit, dass wir sagen: Wir wollen Abbrüche von Häusern, die nicht mehr anders genutzt werden, subventionieren. Damit Schandflecke verschwinden und der Weg für neue Nutzungen freigemacht wird. Und da sich an den alten Häusern oft Asbestplatten befinden, muss dieser Abbruch strukturiert entsorgt werden. Diese Abfälle können nicht mehr, wie es früher üblich war, an irgendeinem Hang abgeschüttet oder vergraben werden."

Die besorgten Bürger fragen aber: Wieso muss das bei uns sein?
Thiel: "Wir brauchen für uns und die sechs anderen nördlichen Landkreise des Landes eine ordentliche, dem aktuellen Recht und Gesetz entsprechende Entsorgungsmöglichkeit. Mertesdorf ist zu klein, um den Bedarf zu decken. Und es wird zu teuer, dies alles nach Köln, Alzey oder Kaiserslautern zu fahren. Und in Strohn gibt es schon seit vielen Jahren eine Deponie, die nun auf neue und sichere, aber auch erweiterte Regularien umgestellt werden soll.
Zur Versachlichung der Diskussion haben wir ja eine öffentliche Podiumsdiskussion mit einem unabhängigen Wissenschafter veranstaltet und über fünf Stunden informiert und uns ausgetauscht."

Kommt die Deponie?
Thiel: "Kann ich nicht sagen. Genehmigungsbehörde ist die SGD Nord, der wir aber zuarbeiten. Nabu und Bund haben wie wir keine elementaren Einwände. Es wurde zusätzlich erreicht, dass wenn die Deponie kommt, sie eine Boden- und Seitenabdichtung erhält. Das war nicht vorgesehen. Ich sehe zum heutigen Stand des Verfahrens keine Gefahr durch die geplante Bauschuttdeponie."

Stichwort demografischer Wandel: Misst der Kreis dem Thema bereits genügend Bedeutung bei?
Thiel: "Sicher. Und zwar in vielen Bereichen. Wir positionieren uns klar für den A1-Lückenschluss, damit Menschen leichter zu uns und von hier zu Arbeitsstellen außerhalb kommen können. Wir haben eine große Breitbandoffensive mit den Verbandsgemeinden gestartet. Wir kümmern uns um die Dorfinnenentwicklung und Zuschüsse zur Daseinsvorsorge, wir arbeiten derzeit ein Konzept für die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung auf dem Land aus - um nur einige Punkte zu nennen. Und für nächstes Jahr wollen wir einen Koordinator für die demografische Entwicklung auf Kreisebene einsetzen. Der Kreistag erhält am 9. Dezember einen entsprechenden Vorschlag."

Entschieden ist auch noch nicht über die Zukunft des Kreises. Wie wollen Sie es schaffen, den Kreis zu erhalten, wo mit der Oberen Kyll jetzt eine gesamte VG abwandern will?
Thiel: "Indem ich mich weiterhin für die Integrität des Landkreises einsetze."

Heißt das konkret: Keiner darf gehen?
Thiel: "Das heißt: Im Moment ist es nicht darstellbar, eine kreisübergreifende Fusion mit einer VG im Nachbarkreis einzugehen. Denn das würde letztlich auch zu einer Schieflage zu unseren Ungunsten sowie zu übergeordneten erheblichen strukturellen Auswirkungen auf Kreisebene führen. Insofern Kreisreformen vom Land eröffnet werden, wollen wir sicherlich auf Augenhöhe mit allen Nachbarkreisen ohne Vorbedingungen zum Wohle der Vulkaneifel-Region Gespräche führen. Aber so weit sind wir ja noch nicht. Im Übrigen hat ja der Kreistag bereits einen klaren Beschluss gefasst, dass er eine Fusion kreiszugehöriger Ortsgemeinden über Kreisgrenzen hinweg nicht akzeptiert."

Apropos Kreistag: Wird es, um an eine alte - aber aufgrund von atmosphärischen Störungen zwischenzeitlich unterbrochene - Tradition anzuknüpfen, wieder zum Jahresabschluss einen geselligen Umtrunk geben, zu dem der Landrat einlädt?
Thiel: "Klar, wie das bislang bei jeder Sitzung unter meinem Vorsitz so war: Ein Bier vom Landrat ist immer drin." mhExtra

Urkunde und Vereidigung: Am 1. April hat Heinz-Peter Thiel sein Amt als Landrat angetreten. Kreisbeigeordnete Astrid Schmitt (SPD) gratulierte.TV-Foto: Archiv/Klaus Kimmling.

Heinz-Peter Thiel wurde am 21. Dezember 1962 in Prüm geboren und ist in Willwerath aufgewachsen. Der 51-Jährige ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder (20 und 23 Jahre alt) und wohnt in Mürlenbach. Am 2. Dezember 2012 ist er als parteiloser Kandidat mit 61,3 Prozent der Stimmen gegen den CDU-Kontrahenten Frank Bender zum neuen Landrat des Kreises Vulkaneifel gewählt worden. Das Amt und somit die Nachfolge von Heinz Onnertz hat er am 1. April dieses Jahres angetreten. Vor seinem Umzug in die Kreisverwaltung war Thiel mehr als zehn Jahre Leiter der Polizeiinspektion Daun. Zu seinen Hobbys gehören Rennradfahren, Sportbogenschießen und Motorradfahren. mh