Ein zweites Standbein für Landwirte

WIESBAUM. Eine der größten Biogas-Anlagen in Rheinland-Pfalz wird derzeit in Wiesbaum gebaut. 4,4 Millionen Kilowattstunden Strom sollen pro Jahr erzeugt werden. 15 Landwirte liefern Gülle für die Anlage. Das 1,84-Millionen-Euro-Projekt soll Ende November fertig sein.

"Mit der Jahresleistung der Anlage von 4,4 Millionen Kilowattstunden speisen wir den Strom für 1000 Vier-Personen-Haushalte ins Netz", rechnet Andreas Knaf, Geschäftsführer der Firma Biogas Südwest, vor. Das Unternehmen hat schon mehrere Anlagen in der Region, wie in Meckel oder Arzfeld, geplant, aber noch keine finanziert. In Wiesbaum ist das anders.Betreibergesellschaft gegründet

Eigens für die Anlage, die gegenüber dem Gewerbegebiet gebaut wird, wurde die "Naturenergie-Wiesbaum-Betreibergesellschaft mbH" gegründet. Einige der Zulieferer-Landwirte haben sich daran beteiligt. Anteile ab 5000 Euro bietet Knaf auch auf dem freien Markt an. Er rechnet mit einer Rendite von neun Prozent bei 20 Jahren Laufzeit. 565 000 Euro Eigenkapital muss er aufbringen, der Rest wird von der Umweltbank Nürnberg finanziert.Landwirt Lothar Schütz, Lieferant und Anteilseigner, ist optimistisch: "Man muss was Neues ausprobieren. Viele Möglichkeiten für ein zweites Standbein haben die Landwirte ja nicht." Der Mirbacher Landwirt Friedhelm Schmitz schlägt in die gleiche Kerbe: "Es wird schon funktionieren. Auch wenn es anfangs nicht so groß geplant war, bin ich froh darüber. Wenn, dann schon richtig." Die Beteiligung an der Gesellschaft ist eine der drei Säulen, die die Anlage für die Landwirte lukrativ machen soll. Außerdem können sie als Produktionsstoffe Mais, Grassilage oder Festmist an die Betreibergesellschaft verkaufen. Abfälle aus dem Forst können in der Anlage nicht verarbeitet werden.Knaf erklärt: "Wir bezahlen 60 Euro je Tonne Trockensubstanz. Auf den Hektar gerechnet macht das zwischen 900 und 1200 Euro aus." Um das Optimale aus der Anlage herauszuholen, muss sie täglich mit 70 Kubikmeter Brei (Gülle und Rohstoffe) bestückt werden. Rübenschnitzel werden aus der Zuckerproduktion im Raum Euskirchen dazu gekauft. Die Güllelieferung ist der dritte Ertragsfaktor für die Landwirte. Sie bekommen dafür zwar kein Geld, aber, nachdem sie durch die Anlage gelaufen ist, biologisch hochwertigere und extrem geruchsreduzierte Gülle zurück. Auch der Transport, vom Hof und wieder zurück, wird vom Betreiber organisiert und bezahlt.Knaf erklärt das System: Die Gülle und die nachwachsenden Rohstoffe werden in drei Fermenter auf 45 bis 55 Grad erhitzt und zu einem gärfähigen Brei verrührt. Die darin enthaltenen Bakterien werden im Brei abgebaut und in Biogas umgewandelt. Das Biogas wir in einem Motor verbrannt und so in Strom und Warmwasser umgewandelt. Der Strom wird an RWE-net verkauft und direkt ins Netz eingespeist.Das Warmwasser hat eine Vorlauftemperatur von 85 Grad und wird über Nahwärmeleitungen ins gegenüberliegende Gewerbegebiet gepumpt. "Dafür wird unter der Bundesstraße eine Leitung durchgeschossen", erklärt Bürgermeister Alfred Pitzen.Mit fünf Unternehmen aus dem Gewerbegebiet hat Knaf schon Verträge über mindestens zehn Jahre Laufzeit abgeschlossen. Vorteil für die Betriebe, die das Warmwasser für Heizungen oder als Prozesswärme nutzen: Garantiert sparen sie immer 15 Prozent im Verhältnis zum jeweils gültigen Gaspreis.Keine Angst vor Lieferengpässen

Auch mit den 15 Landwirten aus Wiesbaum, Mirbach, Birgel und Dollendorf hat Knaf langfristige Verträge abgeschlossen. Lieferengpässe durch Ernteeinbußen wie im Jahrhundertsommer 2003 fürchtet der Geschäftsführer nicht. Er sagt: "Wir haben vorgesorgt und können den Radius der zuliefernden Landwirte ausdehnen. Dann werden nur die Transportkosten höher." Bis Mitte 2004 seien die Zuliefermengen gesichert. Auch Landwirt Schmitz lässt die Sommerhitze kalt: "Wer weiß schon, was es nächstes Jahr für ein Sommer wird. Außerdem ist bei uns dieses Jahr der Mais echt super - trotz der Hitze." Bürgermeister Pitzen beruft sich derweil auf eine Machbarkeitsstudie, die die Verbandsgemeinde in Auftrag gegeben hatte: "Das Ergebnis sprach eindeutig für eine Biogasanlage in Wiesbaum." Ärger wegen Geruchsbelästigungen seien auch nicht zu befürchten. "Es bleiben nur 15 Prozent übrig", prophezeit Knaf.