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Eine Frau nabelt sich ab

Eine Frau nabelt sich ab

Als Annika Bork vor 30 Jahren mit dem Downsyndrom geboren wurde, schien ihr Schicksal besiegelt. Damals hielten selbst fortschrittliche Pädagogen und Psychologen es nicht für möglich, dass ein geistig behinderter Mensch einmal in der Lage sein würde, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Dennoch ist Annika vor einigen Wochen als selbstbewusste junge Frau vom Außenwohnheim in Kaisersesch in ihre eigene Wohnung nach Polch umgezogen.

Kaisersesch/Polch. Der Weg in ein eigenständigeres Leben war für Annika Bork (30) schwierig. Bis die 30-Jährige, die mit Downsyndrom geboren wurde, in ihre eigene Wohnung ziehen konnte, musste sie einen langen und schwierigen Weg zurücklegen. Geholfen haben ihr dabei ihre Betreuer vom Bildungs- und Pflegeheim St. Martin, wie Herbert Klasen, pädagogischer Leiter in Kaisersesch, berichtet. Er und die Erzieherin Diana Dicle haben die junge Frau auf diesem Weg begleitet, und sie sind stolz auf sie: "Annika trainiert ihre Selbstständigkeit eisern und gibt nicht auf."Aktionspläne helfen

Was einem nicht beeinträchtigten Menschen im Laufe einer normalen Entwicklung wie von selbst "zufliegt", muss Annika ganz bewusst lernen und immer wieder üben, etwa mit dem Bus fahren, Einkäufe machen oder zum Arzt gehen. Konsequent trainiert Annika auf die Ziele der gemeinsam erstellten Aktionspläne. In diesen Plänen sind neben den konkret beschriebenen Zielen auch die notwendigen Hilfen und die angepeilten Termine festgelegt.So hat sich Annika vorgenommen, bis Ende August 2012 ihr selbstständiges Leben weiter zu festigen, sei es bei der Selbstversorgung mit Essen und Kleidung, beim Erkunden von Polch und der Umgebung, bei der Freizeitgestaltung und Urlaubsplanung oder bei der Arbeit in der Werkstatt und bei der Weiterbildung.Zudem enthält Annikas Abnabelung vom Heim einen zusätzlichen Schwierigkeitsgrad. Sie strahlt: "Ich bin mit meinem Verlobten zusammengezogen." Also muss sie - wie im Übrigen jedes Paar - das Leben in einer gleichberechtigten Partnerschaft, hilfreiche Kommunikation und das Lösen von Konflikten lernen. Zwar legt die 30-Jährige großen Wert auf die Bezeichnung "Verlobter", weil sie ihren Liebsten irgendwann einmal heiraten möchte, aber sehr vernünftig erklärt sie: "Zuerst müssen wir noch viel lernen." Auch der junge Mann ist beeinträchtigt.Menschen ganz nah

Annika und ihr Verlobter haben ihre eigene Wohnung im Haus seiner Eltern. Die wiederum übernehmen im Trainingsprogramm zur Selbstständigkeit des jungen Paares eine wichtige Rolle, indem sie ein Auge auf die beiden haben. Annika betont: "Ich helfe aber auch gern meiner Schwiegermutter, weil sie doch krank ist."In ihrem eigenen Haushalt achtet Annika sehr auf Ordnung und Sauberkeit, und sie kocht sehr gerne: "Am liebsten Paella", berichtet sie. Als charmante Gastgeberin bietet sie belegte Brötchen, Kekse, Kaffee und kühle Getränke an, die sie liebevoll auf dem Tisch arrangiert.Annika genießt ihr Leben und vor allem die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen: "Das kann ich doch selber sagen!", unterbricht sie immer wieder ihre Betreuer, wenn die von der positiven Entwicklung berichten möchten. Herbert Klasen und Diana Dicle geben sich geschlagen und bekennen lachend: "Ja, auch wir müssen umdenken und loslassen können. Das ist gar nicht so einfach." Aber sie stehen Annika immer noch als Berater zur Verfügung, wenn sie es denn wünscht.Bevor Annika nach Polch umgezogen ist, hat sie in der Trainingswohngruppe St. Agnes in Kaisersesch gelebt. Dort geht sie jeden Donnerstag zum Logopäden, so dass sie nach der Arbeit im Bus, der die Werkstattbeschäftigten von St. Martin nach Hause bringt, mit nach Kaisersesch fährt. Den Termin beim Sprachförderer verbindet sie mit einem Besuch bei ihren Freunden und hat dann auch die Möglichkeit, ihre Fragen mit Diana Dicle zu besprechen. Derzeit noch bringt die Erzieherin ihren Schützling mit dem Auto nach Polch zurück. Doch Annika ist fest entschlossen: "Wir üben schon die Rückfahrt mit dem Bus. Ich kann das bald, ich ganz allein!"Mit der Regionalen Teilhabeplanung bekennt sich der Kreis Cochem-Zell zu den in einer UN-Konvention erstmals festgelegten Rechten von Menschen mit Behinderungen. Ein wesentliches Element auf dem Weg zur Teilhabe ist das Persönliche Budget (PB), das mit dem Neunten Sozialgesetzbuch (SGB IX) - Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen - zum 1. Juli 2001 eingeführt wurde. Die Betroffenen sollen nicht länger Objekt der Fürsorge sein, sondern bei ihren eigenen Entscheidungen unterstützt und begleitet werden. Menschen mit Behinderung können Leistungen zur Teilhabe auch in Form eines Geldbetrages erhalten, mit dem sie sich in eigener Verantwortung die Hilfen einkaufen können, die sie benötigen. Das bringt auch tiefgreifende Veränderungen für die Leistungserbringer (Anbieter von Hilfen) und Leistungsträger (Sozialamt oder andere) mit sich. Denn nun bestimmen nicht mehr sie den Hilfebedarf für den behinderten Menschen, sondern dieser steht als Budgetnehmer im Mittelpunkt der "Dreiecksbeziehung". Der Budgetnehmer schließt einen Vertrag mit dem Leistungserbringer ab, in dem die Art der Hilfen, der Zeitaufwand und die Kosten genau aufgelistet sind. Der Hilfebedarf wird zuvor in einer persönlichen Teilhabekonferenz beim Leistungsträger ausgehandelt und in einem Hilfeplan festgelegt. BM