Eine Rückkehr in die Heimat bedeutet für sie den Tod

Kelberg/Daun · Mehr als 300 Flüchtlinge leben derzeit im Landkreis Vulkaneifel und möglicherweise kommen im Laufe des Jahres ebenso viele hinzu (siehe Hintergrund). Der Zustrom bedeutet eine große Herausforderung, gleichzeitig engagieren sich viele Bürger.

 Der Juniorchef des Kelberger Hotels Zur Reichspost, Mateusz Wolf (Zweiter von links), setzt sich für Flüchtlinge wie (von links) Ali Zain, Muhammad Nafeen Sharif und Ali Menzoar aus Pakistan ein. TV-Foto: Brigitte Bettscheider

Der Juniorchef des Kelberger Hotels Zur Reichspost, Mateusz Wolf (Zweiter von links), setzt sich für Flüchtlinge wie (von links) Ali Zain, Muhammad Nafeen Sharif und Ali Menzoar aus Pakistan ein. TV-Foto: Brigitte Bettscheider

Foto: Brigitte Bettscheider (bb) ("TV-Upload Bettscheider"

Eigentlich ist heute Ruhetag im Hotel Zur Reichspost. Doch Juniorchef Mateusz Wolf (24) arrangiert trotzdem das Treffen des Trierischen Volksfreunds mit den beiden pakistanischen Flüchtlingen, die neben fünf anderen Asylbewerbern derzeit in dem Hotel in der Mayener Straße untergebracht sind, sowie mit einem ebenfalls aus Pakistan stammenden Mann, der in einer kleinen Wohnung in Kelberg lebt.Keine negativen Erfahrungen


Seit 20. Februar steht das Hotel als Flüchtlingsunterkunft für bis zu 15 Personen zur Verfügung - bei gleichzeitig laufendem Bierstuben-, Restaurant- und Hotelbetrieb. "Das ist überhaupt kein Problem", erklärt Mateusz Wolf. "Wir haben noch keine einzige negative Erfahrung gemacht", sagt er. Im Gegenteil: "Mit den meisten Flüchtlingen stehe ich auch nach dem Auszug noch in Kontakt, mit einigen bin ich befreundet."
Mateusz Wolf kennt die Geschichten von Muhammad Nadeen Sharif (3), Ali Zain (28) und Ali Menzoar (40) bereits: dass Muhammad Nadeen Sharif seit 2004 und Ali Zain seit 2008 auf der Flucht sind, weil sie in ihrer pakistanischen Heimat nicht in den Taliban-Konflikt gezogen werden wollten. Sie kamen mit allen nur erdenklichen Verkehrsmitteln und auf abenteuerlichen Wegen über die Türkei, Griechenland und Italien nach Deutschland, nach Stuttgart zunächst, dann in die Aufnahmeeinrichtung in Trier. Von dort wurden der Automechaniker Muhammad Nadeen Sharif und der Maschinenbauer Ali Zain dem Landkreis Vulkaneifel zugewiesen. Sie landeten in Kelberg. "Wenn ich nach Pakistan zurückkehre, verliere ich mein Leben", weiß Shafir, und Zain nickt dazu. Auch das Leben von Ali Menzoar stand auf dem Spiel, und auch er sah keinen anderen Ausweg als die Flucht. Nun hofft der Professor für Betriebs- und Politikwissenschaft, dass seine Frau und seine vier Kinder im Alter von zwölf Jahren bis 18 Monaten bei Freunden in Pakistan in Sicherheit sind, bis sie ausreisen dürfen. "Ich wünsche es mir so sehr", sagt er. "Und ich glaube, dass es möglich ist."
Von Kelberg schwärmen die drei Pakistani in den höchsten Tönen: "very good", "very nice", "very beautiful". Mit ihren Unterkünften und der Verpflegung sind sie zufrieden. Sie sind sehr dankbar, dass sie sich in allen Anliegen an Mateusz Wolf wenden können. Er arrangierte Sprachunterricht für "seine" Asylbewerber; diesen gibt zwei Mal in der Woche im Auftrag des Caritasverbands Westeifel der Abiturient Jonas Pfeiffer aus Schalkenmehren. Mateusz Wolf nahm Anfang Mai am "Runden Tisch" des Landkreises Vulkaneifel (siehe Extra) teil. Und er trifft sich in Kürze mit den Organisatoren der Flüchtlingshilfe in der Pfarreiengemeinschaft Kelberg. Dabei soll es vor allem um Fahrdienste gehen - zum Café Asyl, das jeden Montagnachmittag im Dauner Haus der Jugend (HDJ) stattfindet, zur Dauner Tafel oder zu Sprachunterricht oder Sportprojekt in Kelberg.Extra

Aktuell leben im Landkreis Vulkaneifel 319 Leistungsberechtigte nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, darunter allein 132 Flüchtlinge, die dem Landkreis seit dem 1. Januar 2015 zugewiesen wurden (Stand 27. Mai). Aufgrund des Verteilschlüssels sollte der Landkreis in 2015 rund 200 Flüchtlinge aufnehmen. Inzwischen ist aber mit mehr als 300 Neuzugängen zu rechnen. Die Wohnraum-Situation ist nach Auskunft von Landrat Heinz-Peter Thiel nicht dramatisch. Aber es fehle an geeigneten Unterkünften für Einzelpersonen, räumt er ein. Positiv bewertet der Landrat das große bürgerschaftliche Engagement: etwa das Café Asyl im HDJ Daun und die Initiative in Oberbettingen (der TV berichtete) sowie Aktionen von Kirchen, Verbänden und Einzelpersonen. Zur finanziellen Situation erklärt Landrat Thiel, dass das Land pauschal einen monatlichen Betrag von 513 Euro pro Person erstattet. Die tatsächlichen Kosten belaufen sich allerdings auf 800 Euro (für Regelsatz, Kosten für Unterkunft und Krankenhilfe) pro Person und Monat. bbExtra

Ende Januar und Mitte Mai 2015 fanden auf Einladung der Kreisverwaltung Vulkaneifel "Runde Tische" zum Thema Flüchtlingshilfe statt. Wesentliches Anliegen war die Vernetzung und Abstimmung der haupt- und ehrenamtlichen Aktionen und Initiativen. Die Kreisverwaltung will - soweit finanziell umsetzbar - die Hilfen für Flüchtlinge weiter ausbauen und verbessern. Ein großes Problem ist die Sprachförderung. Zwar gibt es in allen Verbandsgemeinden wöchentlichen Sprachunterricht. "Aber das reicht nicht", betont Landrat Thiel. "Wir müssen die Leute in Arbeit bringen, und das geht nur über die Sprache", sagt er. Doch so nötig die Ausweitung der Sprachkurse auch sein mag: Für den Kreis bedeutet sie eine so genannte freiwillige Leistung. Und die kann und darf sich ein Kreis mit einem gewaltigen Schuldenberg und chronisch unausgeglichenem Haushalt nicht leisten. Daher wirbt Thiel um weitere ehrenamtliche Unterstützung in der Sprachförderung von Flüchtlingen. "Ich freue mich, dass sich so viele ehemalige Lehrer zur Verfügung stellen", sagt er. bb

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