"Eisch sinn nit bang"

GEROLSTEIN. Aufregung und Routine zugleich: Der Fund einer zweieinhalb Zentner schweren Fliegerbombe hat gestern zahlreiche Einsatzkräfte und die Bewohner Gerolsteins in Atem gehalten. Doch obwohl rund 1000 Menschen aus der Innenstadt und dem Krankenhaus evakuiert werden mussten, war von Panik keine Spur.

Sie sind eben Bomben erfahren, die Gerolsteiner. Schon oft wurden gefährliche "Erinnerungsstücke", die zumeist von den Angriffswellen der Alliierten Weihnachten 1944 herrühren, bei Bauarbeiten gefunden. Und nicht selten wurde dann eine Evakuierung angeordnet. Doch obwohl sich bei manchem da schon so etwas wie Routine einstellte, daran gewöhnen will sich keiner gerne. Zu schmerzvoll sind die Erinnerungen an den Krieg, die dabei wieder wachgerufen werden. So auch bei Hans-Martin Stüber. Beim Anblick des Entschärfungs-Szenarios, das er wie rund vier Dutzend andere Gerolsteiner vom Löwenburg-Felsen aus miterlebt, sagt der Pfarrer im Ruhestand: "Heute Nacht werde ich bestimmt wieder von all dem träumen." Und dennoch gehen die Gerolsteiner gelassen mit dem Alarm und der zwangsweise Räumung ihrer Wohnungen oder ihrer Arbeitsplätze um. Betroffen davon sind rund 1000 Menschen, denn im Umkreis von 400 Metern um den Fundort in der Nähe des Bahnhofs haben die Spezialisten des Kampfmittelräumdienstes (KRD) die Evakuierung angeordnet. "Das ist eine scharfe Bombe"

"Ein Abtransport kommt nicht in Frage, da das Fundstück total deformiert ist. Wir haben hier eine scharfe Bombe vor uns", sagt Horst Lenz, Leiter des KRD. Doch auch Lenz' scharfer Ton kann Baggerfahrer Walter Lessmann (55) aus Blankenheim nicht aus der Ruhe bringen. Er war es, der die Bombe am Vormittag ausgebaggert und auf einen LKW-Anhänger verfrachtet hatte. "Ich dachte zuerst, dass das ein Betonstück ist", erklärt er das Versehen. "Oh je, das ist nicht die erste", sagt er lapidar und fügt auf die Frage nach seinem Gemütszustand hinzu: "Eisch sinn nit bang." Den Job, die nun auf dem Anhänger liegende, aber ins Loch gehörende Bombe, nochmals zu transportieren, übernimmt er dennoch nicht. Das macht ein Kollege vom KRD: Frank Berg. Sein Chef Lenz hat angeordnet, dass am Fundort ein vier Meter tiefes und sechs Meter breites Loch gegraben wird. Dort soll die Bombe reingelegt, mit sechs Kilogramm Plastiksprengstoff bestückt, mit 250 Tonnen Sand zugedeckt und anschließend gesprengt werden. Um 19.41 Uhr ist es dann auch endlich soweit. Die Bombe ist gesprengt, niemand wurde verletzt, Gebäude wurden ebenfalls nicht beschädigt. Horst Lenz gibt Entwarnung. Aufatmen. Und dennoch hat sich der Einsatz um rund zweieinhalb Stunden verzögert. "Die Evakuierung war schwieriger als vermutet, denn es waren sehr viele ältere Menschen betroffen. Und von denen wollten einige nicht ihre Häuser verlassen, anderen mussten, weil sie nicht gehfähig waren, transportiert werden", berichtet Karl Servatius aus der im Feuerwehrhaus Gerolstein eingerichteten Einsatzzentrale. Von dort wurden die rund 130 Einsatzkräfte von der Feuerwehr Gerolstein und Lissingen, dem DRK, der Polizei, der Straßenmeisterei Gerolstein, des KRD und nicht zuletzt des Bundesgrenzschutzes (BGS) geleitet. Die Grenzschützer kümmerten sich vornehmlich um die Sicherheit der Bahnreisenden. Denn die Bahnstrecke Köln-Trier wurde zeitweise gesperrt. Von der Zentrale aus wurden auch Straßensperrungen und Umleitungen koordiniert. Und so kam ab dem späten Nachmittag auch niemand mehr in die Innenstadt, die daher mit Anbruch der Dämmerung auch gespenstisch wirkte: kein Licht und Totenstille. Die Ortskundigen fanden dennoch Wege, das Szenario mitzuerleben. Auf dem Berg gegenüber, dem Löwenburg-Felsen, fanden sich Dutzende Menschen ein. Von dort oben hatte man den besten Blick auf den Fundort, an den keiner mehr ran kam. Mit Fotoapparat oder Feldstecher bewaffnet, harrten die Schaulustigen trotz Kälte stundenlang aus - bis zum lang ersehnten Knall. Doch was sie sahen, war wenig spektakulär: eine Ladung Sand, die sich um einige Meter anhob.