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"Es kann auch im Nachbarhaus passieren"

"Es kann auch im Nachbarhaus passieren"

Kinder, die von ihren Eltern verprügelt, Heranwachsende, die sexuell missbraucht werden: Das kommt nicht nur in Großstädten, sondern auch in der Eifel vor. Und zwar viel öfter, als man denkt. Diplom-Sozialpädagogin Karin Knötgen vom Kinderschutzdienst Westeifel der Caritas berichtet von ihren zum Teil erschütternden Erfahrungen und zeigt, wo und wie Opfer Hilfe bekommen können.

Daun. Ein Junge, der zuhause missbraucht, von Mitschülern ausgezogen wird. Der als Teenager zu saufen beginnt, Drogen nimmt, mit dem Gesetz in Konflikt gerät und Jahre später im Suff ausrastet und einen Menschen fast totschlägt, weil der ihm an der Hose genestelt hat.
Oder: Ein Vater, der sein Kind schlägt, wenn es eine schlechte Note mit nach Hause bringt.
Oder: Der Vater, Onkel oder Nachbar, der das Mädchen immer wieder sexuell missbraucht und unter Druck setzt, ja kein Sterbenswörtchen darüber zu verlieren, sonst…
Dies sind die "Fälle", mit denen Diplom-Sozialpädagogin Karin Knötgen vom Kinderschutzdienst Westeifel der Caritas zu tun hat. "Körperliche und sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen kommt bei uns in der Eifel vor. Und zwar gar nicht so selten. Es könnte auch im Nachbarhaus sein", sagt sie. Der schlimmste Vorfall, mit dem sie konfrontiert war: der Missbrauch eines Säuglings!
Gewalt sei für sie besonders problematisch, wenn es ein massives Machtgefälle gebe, wenn etwa der Täter deutlich älter, stärker oder anderweitig überlegen sei. Etwa der Betreuer einer Jugendgruppe, der Erwachsene. "Bei vielen ist die Ansicht noch immer verbreitet, dass Schläge für eine schlechte Note oder schlechtes Verhalten okay seien. Diesen Eltern muss man zum einen die Grenzen aufzeigen, ihnen zum anderen aber auch Hilfen für die Erziehung anbieten, sie unterstützen", sagt Karin Knötgen.
Und sie räumt mit der noch immer weitverbreiteten Ansicht auf, "Eine Ohrfeige hat noch niemandem geschadet". Sie sagt: "Schläge erzeugen Angst, und mit Angst lernt ein Kind nichts - und man erreicht es auf die Dauer auch nicht mehr." Und da diese Kinder zudem genötigt würden, darüber zu schweigen, "werden sie vermutlich auch nicht den Mund aufmachen, wenn ihnen etwas noch Schlimmeres angetan wird", sagt sie.
Positiv bewertet sie, dass das Thema Schläge nicht mehr so ein Tabu sei, Opfer öfter als früher darüber sprechen, sich Freunden anvertrauen würden. Eine wichtige Rolle sieht sie bei den Schulsozialarbeitern, denn die Heranwachsenden verbringen viel Zeit in der Schule: "Ich würde mir wünschen, dass an jeder Schule - auch den Grundschulen - Schulsozialarbeiter installiert würden." Denn: Viele der Opfer, mit denen sie zu tun habe, seien zwischen sechs und zehn Jahren. Das gelte für Gewalt ebenso wie für Missbrauch. Und bei Letzterem sei es noch viel schwieriger, das Schweigen zu brechen, den Opfern zu helfen und die Täter dingfest zu machen.
"Sexualtäter gehen geplant vor"


Denn: "Bei sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen gehen die Täter viel geplanter vor. Sie suchen sich ihre Opfer gezielt aus und tun viel dafür, dass ihre Taten im Verborgenen bleiben. Denn sie wissen, dass sie eine schwere Straftat begehen." Etwa indem sie ihre Opfer mit massiver Gewalt bedrohen ("Wenn du was sagst, bringe ich dich um."), sie seelisch unter Druck setzen, ihnen eine Mitschuld einreden ("Wenn die Mama das wüsste, würde sie sterben"). Oder sie stellen bereits im Vorfeld die Glaubwürdigkeit des Kindes infrage: "Deine Tochter nimmt es mit der Wahrheit ja nicht immer so genau." Wenn es dann zum Übergriff gekommen sei, stehe das Kind erst einmal als Lügner da. Daher empfiehlt Karin Knötgen den Eltern, stets mit den Kindern im Gespräch zu bleiben, sie zu Offenheit und Selbstbewusstsein zu erziehen, sie aufzufordern, den Mund aufzumachen, wenn ihnen etwas nicht passt. "Ein Kind, das so erzogen ist, ist in der Regel nicht anfällig für Gewalt und Missbrauch", sagt sie.Extra

Der Kinderschutzdienst (KSD) Westeifel der Caritas kümmert sich um Kinder und Jugendliche im Eifelkreis Bitburg-Prüm und im Vulkaneifelkreis, die von Gewalt in Form von körperlicher, seelischer und sexueller Misshandlung betroffen sind. 2015 wurden vom KSD 149 Kinder und Jugendliche und/oder deren Eltern oder sonstige Bezugspersonen beraten - 81 davon langfristig (mehr als drei Treffen). 14 Klienten wurden länger als ein Jahr betreut. Darüber hinaus ist der KSD 63 Mal tätig geworden, nachdem sich eine Schule oder ein Kindergarten wegen des Verdachts auf Kindeswohlgefährdung (Sozialgesetzbuch, § 8 a) gemeldet hat. 2014 waren es 166 Klienten, von denen 92 länger beraten und begleitet wurden, 2013 insgesamt 160 (75 langfristig). Zudem 51 Einsätze nach § 8a. 2013 wurden 25 Kinder und Jugendliche wegen Gewalt beraten, davon 14 Mädchen und elf Jungen. Bei 39 Kindern und Jugendlichen ging es um sexuellen Missbrauch, davon betroffen waren 33 Mädchen und sechs Jungen. Zudem 59 Einsätze nach § 8a.Extra

"Es kann auch im Nachbarhaus passieren"
Foto: (e_gero +S)

Karin Knötgen (55) ist Diplom-Sozialpädagogin und arbeitet seit Jahren beim Kinderschutzdienst Westeifel der Caritas in Daun. Sie hat auch eine Zusatzausbildung für Trauma-Therapie. Denn: Viele misshandelte Kinder und Jugendliche haben durch ihre Erlebnisse tiefe seelische Verletzungen erlitten, an denen sie oft Jahre leiden. Ihnen und den ihnen nahestehenden Erwachsenen will die Expertin, selbst verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder, helfen, das Gewalterlebnis aufzudecken und zu verarbeiten. Info und Kontakt: Telefon 06592/95730, Mail k.knoetgen@cariatas-westeifel.de