Ex-Bundesligaspieler Uli Borowka zu seinem Leben als Fußballprofi, Alkoholiker und dem Kampf gegen die Sucht

Daun · Passender kann ein Titel nicht sein: Uli Borowka, einst knallharter Manndecker bei Werder Bremen und in der Fußball-Nationalelf, Alkoholiker und nun im Kampf gegen die Sucht, hat in Daun aus seinem Buch und Leben vorgetragen. Titel: "Volle Pulle". Die 150 Gäste, darunter viele Betroffene, hingen an seinen Lippen und haben den Promi mehr als zwei Stunden mit ihren Fragen gelöchert.

 Stets Vollgas: Ob als knallharter Verteidiger von Werder Bremen und in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, als Alkoholiker und nun im Kampf gegen die Sucht: Uli Borowka gibt immer alles. TV-Foto: Mario Hübner

Stets Vollgas: Ob als knallharter Verteidiger von Werder Bremen und in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, als Alkoholiker und nun im Kampf gegen die Sucht: Uli Borowka gibt immer alles. TV-Foto: Mario Hübner

Foto: Mario Hübner (mh) ("TV-Upload H?bner"

Uli Borowka live zu erleben, hat noch immer einen hohen Unterhaltungswert. Denn alles, was er macht, macht er stets: volle Pulle. So lautet auch passenderweise der Titel seiner 2013 erschienenen Biografie. Früher, als er Klinsmann, Möller, Rummenigge oder Maradonna mit knallharten Tacklings über die Klinge springen ließ. Damals, als er während seiner Profizeit als Alkoholiker durch Kneipen und Bars zog, Unfälle verursachte, seine Frau schlug, immer mehr abrutschte und letztlich pleite und abgewrackt in einer Entzugsklinik landete. Auch das stets: volle Pulle.

Auch heute, wenn er ebenso knallhart offenlegt, wie sehr die Alkoholsucht seine Karriere zerstört, seinem Leben beinahe ein Ende gesetzt hat. Und wie er seit der Veröffentlichung seiner Biografie gegen Alkoholmissbrauch und für Suchtprävention und -hilfe kämpft. Nach wie vor: volle Pulle.

Genau aus diesem Grund haben ihn die Verantwortlichen der AHG-Kliniken Daun, die seit 40 Jahren Abhängigkeitserkrankungen behandeln, eingeladen. Oder wie es Verwaltungsdirektor Hugo Hennes sagt: "Uli Borowka ist jemand, der gnadenlos ehrlich mit der Krankheit umgeht." Und das ist auch nötig angesichts von mehr als zehn Millionen Menschen mit erhöhtem Alkoholkonsum, 1,7 Millionen Alkoholabhängigen und jährlich 42 000 alkoholbedingten Todesfällen in Deutschland.

Die rund 150 Gäste, die ins Forum Daun gekommen sind - darunter (trockene) Alkoholiker - hängen an seinen Lippen. Und so wird es mucksmäuschenstill, als der prominente Redner das erste Kapitel aus seiner Biografie mit dem Satz abschließt: "Mein Name ist Uli Borowka, und ich werde mir jetzt das Leben nehmen." Das war im März 1996, als seine Karriere jäh endete.Kein gutes Zeugnis für den DFB


Borowka überlebte, ist seit 2000 trocken - und beantwortet nun die Fragen. "Was tun Sie, wenn der Suchtdruck wiederkommt?", will ein junger Mann wissen. "Ich lasse es nicht an mich ran, sondern drehe mich um und gehe, wenn es mir auf einer Veranstaltung nicht gefällt. Früher wäre ich trotzdem geblieben und hätte mich volllaufen lassen", antwortet Borowka. Ein anderer will wissen, ab wann man ein Alkoholproblem habe. Borowka, der betont, kein Mediziner und Psychologe zu sein, antwortet: "Nehmen Sie sich mal vor, acht Tage lang nichts zu trinken. Und achten Sie darauf, wann Sie dabei das erste Mal ans Trinken denken. Da hat dann mit psychischer Abhängigkeit zu tun, die weit vor der Körperlichen kommt."

Einen Gast interessiert, was man tun könne gegen die weitverbreitete Alkoholsucht. "Wir Erwachsenen sind Vorbilder - nur meistens schlechte. Die Kinder spielen Fußball, und die Eltern stehen mit der Bierpulle daneben." Überhaupt komme den Vereinen große Verantwortung zu. "Es ist der falsche Weg, wenn der Trainer die 14-Jährigen mit einer Kiste Bier belohnt", sagt Borowka. Daher setze sich sein Verein (siehe Extra Zur Person) dafür ein, dass in Vereinen das Jugendschutzgesetz eingehalten werde. Dem DFB aber stellt der Ex-Profi bei dem Thema Suchtprävention und -bewältigung kein gutes Zeugnis aus.

Und so geht es weiter: Die Menschen fragen und fragen, so dass Borowka während seines mehr als zweistündigen Auftritts nur zwei Kapitel und das Schlusswort aus seinem Buch vorträgt. Seine Antworten sind es, die viel mehr interessieren. Und es gibt keine Tabus. "Wie war Ihre sexuelle Leistungsfähigkeit auf dem Höhepunkt der Sucht?", will ein Mann wissen. Der Gefragte überlegt kurz, grinst und sagt: "Ich denke, gut. Es hat alles geklappt." Gelächter im Publikum.

Trotz des ernsten Themas ist es an diesem Abend auch oft unterhaltsam. So protestiert der Ex-Profi lautstark und mit wilden Gesten, als ein Gast mutmaßt: "Herr Borowka, der Lewandowski würden ihnen doch auch fünf Dinger einschenken, oder?"

"Nee, nee, nee. Der ist zwar gut, aber ich habe schließlich auch dreimal gegen Maradonna gespielt und am Ende immer sein Trikot bekommen."Zur Person

Ulrich "Uli" Borowka, geboren am 19. Mai 1962, ist ein ehemaliger Fußballer. Er hat 388 Bundesligaspiele (Mönchengladbach, Bremen), 80 Europapokalspiele und sechs A-Länderspiele bestritten, war je zweimal Deutscher Meister und Pokalsieger sowie einmal Europapokalsieger. Sein Doppelleben als Profi und Alkoholiker konnte er lange verheimlichen - dann stürzte er ab. 2000 gelang ihm nach einer Therapie der Ausstieg aus der Sucht. Borowka ist in zweiter Ehe verheiratet. Er hat drei Kinder (zwei aus erster Ehe, eines aus zweiter) und lebt in Berlin. Er hat einen Verein für Suchtprävention und Suchthilfe gegründet ( www.verein.uli- borowka.de ). Interview

Herr Borowka, was war Ihr größter sportlicher Erfolg?
Uli Borowka: Mein erstes Länderspiel 1988 und der Gewinn des Europapokals der Pokalsieger 1992 mit Werder Bremen.

Setzen Sie das auch gleich mit Ihren schönsten Erlebnissen in Ihrem Leben?
Borowka: Früher habe ich das vielleicht so gesehen, aber heute setze ich ganz andere Prioritäten: Jeder einzelne Tag, den ich trocken bin, ist wichtiger als jeder Titel, den ich gewonnen habe. Und natürlich freue ich mich sehr, dass ich so langsam wieder Kontakt zu meinen beiden ersten Kindern bekomme.

Was war die größte Niederlage in Ihrem Leben?
Borowka: Die Alkoholsucht? Ich weiß nicht. Eine Niederlage ist was Endgültiges, und ich kann sagen, dass ich trocken bin.

Was sagen Sie einem Alkoholiker oder einem Angehörigen, der einen Ratschlag möchte?
Borowka: Man sollte ihn direkt ansprechen nach dem Motto: Du hast ein Problem, ich möchte dir helfen, ich gehe mit dir in die Suchtgruppe. Ärger ist dann zwar meist programmiert. Aber Ärger kommt sowieso. Also besser direkt hart dranbleiben. Auf den Nerv gehen konnten Sie als Abwehrspieler ja sehr gut.

Würde der deutschen Nationalelf heute ein Uli Borowka guttun?
Borowka: Nö, nö. Zur damaligen Zeit hat es gut gepasst. Ein Boateng und Hummels machen ihren Job grandios. Aber, na ja: Anders als ein Herr Mertesacker konnten wir damals einen Pass mit links über 40 Meter schlagen. (lacht)

Weniger lustig finden Sie das Verhalten des DFB, wenn es um die Suchtproblematik von Profis geht. Was kritisieren Sie?
Borowka: Ignoranz und keine Gesprächsbereitschaft. Die Probleme sind da, hoch bis in die Nationalelf, und jeder weiß es, auch der Präsident. Nachweislich haben 20 Prozent der Profifußballer ein Suchtproblem. Da spielen Alkohol, Schmerzmittel und immer mehr die Spielsucht eine Rolle. Ich möchte Ansatzpunkte schaffen, wie wir mit dem Problem umgehen können. Denn in erster Linie sind es Menschen.
Die Fragen stellte unser Redakteur Mario Hübner.

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