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Flaues Gefühl und tiefe Skepsis

Flaues Gefühl und tiefe Skepsis

Der Nürburgring als Privateigentum: ein Gedanke, mit dem sich die Bürger in den an die Rennstrecke angrenzenden Gemeinden nur schwer anfreunden können und wollen. Sie fürchten, dass sich die Änderung der Besitzverhältnisse negativ für das Kelberger Land auswirken könnte.

Was vor nicht allzu langer Zeit undenkbar gewesen wäre, könnte bald Realität werden und eine historische Zäsur in der Eifel darstellen: Der Nürburgring, die vielleicht berühmteste Rennstrecke der Welt, wird erstmals seit seiner Eröffnung 1927 vermutlich in private Hände übergehen. Die Europäische Union besteht auf einem kompletten Verkauf, also inklusive Nordschleife und Grand-Prix-Strecke. Das geht aus einem Brief an Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) hervor.

Der Ring als Privateigentum: Daran werden sich - gezwungenermaßen - auch die Menschen in der Verbandsgemeinde Kelberg, die direkt an den Ring grenzt und vielfältige Verflechtungen mit ihm hat, gewöhnen müssen. Vor allem in den Orten, die nur einen Steinwurf entfernt sind wie Drees und Welcherath. Aber auch darüber hinaus gibt es weitere Dörfer, in denen es schon seit langem keine Geschäfte mehr gibt, aber Fremdenzimmer und Ferienwohnungen, die regelmäßig ausgebucht sind, wenn auf dem Ring was los ist.

Eng verbunden mit dem Ring: Die Region ist seit Jahrzehnten eng verbunden mit der seit 86 Jahren bestehenden Rennstrecke, umso kritischer wird das beäugt, was vor einigen Wochen gestartet wurde: der Verkauf des Nürburgrings (siehe Extra).
Das Land will zwar mit einem Nürburgring-Schutzgesetz sicherstellen, dass auch ein privater Betreiber die Rennstrecke für die Öffentlichkeit und für Breitensport-Veranstaltungen gegen Entgelt offen halten muss, aber in den Dörfern direkt am Ring herrscht trotzdem große Skepsis. Marlene Muysers (48) aus Welcherath befürchtet, dass "der Ring an einen vermögenden Privatier verkauft wird und die Rennstrecke nur noch als Privatsache genutzt wird. Gerade der Verlust der Nordschleife mit seiner außerordentlich vielfältigen Nutzung würde sich besonders nachteilig auf die wirtschaftliche Situation der Eifel auswirken."

Weltbekannter Anziehungspunkt: Für Josef Krein (67), langjähriger Ortsbürgermeister von Welcherath, ist es "unvorstellbar, dass der Nürburgring verkauft wird, dabei in irgendwelche Hände gerät und der Rennbetrieb möglicherweise in die Brüche geht. Das wäre ein schwerer Verlust für die anliegenden Gemeinden und für die Gastronomie und den Fremdenverkehr in der Umgebung. Immerhin handelt es sich beim Nürburgring um einen ganz besonderen, weltbekannten Anziehungspunkt."
Heiko Morsch (35) aus Brücktal fürchtet: "Wenn der Nürburgring an einen privaten Investor verkauft wird, werden die Preise steigen, und Traditionsveranstaltungen wie der Truck-Grand-Prix und das 24-Stunden-Rennen könnten gefährdet sein. Das wäre für die Region mehr als bedauerlich."
Hermann-Josef Simon (61) aus Drees plädiert dafür, dass "der Ring in öffentlicher Hand bleiben und das ‚Drumherum\' privatisiert werden sollte. Eine Perspektive für die Rennstrecke sehe ich aber, wenn zum Beispiel der ADAC und die deutsche Automobilbranche eine Gesellschaft gründen und den Ring gemeinsam vermarkten."

Flaues Gefühl beim Bürgermeister: Karl Häfner, seit fast 30 Jahren Bürgermeister der VG Kelberg, bekennt: "Ich habe wirklich ein flaues Gefühl, wenn ich daran denke, dass jemand zum Zug kommen könnte, der die Bedeutung des Rings für die ganze Region nicht kennt." Weitere schlechte Nachrichten könne der Ring überhaupt nicht mehr brauchen: "Es ist schon genug passiert. Das Image des Rings hat durch die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit sowieso schon eine ordentliche Schramme bekommen."Meinung

Nicht nur schwarzmalen
Die Skepsis ist verständlich, wenn es um die Zukunft des Rings geht. Schon wieder ein neues Regiment? Die meisten Leute haben die Nase noch gestrichen voll von dem, was in den vergangenen Jahren passiert ist - auf politischer und unternehmerischer Ebene. Noch vor nicht allzu langer Zeit war die Rennstrecke ein Leuchtturm für die Eifel, eine weltbekannte Marke. Vom guten Ruf ist aber leider nicht mehr viel übrig. Und was kommt jetzt? Es ist nicht zu erwarten, dass jemand den Zuschlag bekommt, der den Ring als persönliches Spielzeug kaufen will. Warum also nicht den Verkauf auch als Chance sehen? Neue Ideen, bessere Vermarktung, mehr Besucher: All das kann Besitzerwechsel mit sich bringen. Nach dem, was zuletzt gelaufen ist, dürfte es auch nicht so schwerfallen, besser zu sein - leider. Die Befürchtungen angesichts der ungewissen Zukunft des Rings sind berechtigt, aber es besteht kein Grund, alle Hoffnung fahren zu lassen. Der Verkauf kann auch Startschuss für eine bessere Zukunft sein. s.sartoris@volksfreund.deExtra

Die Phasen des Verkaufs: Mit Anzeigen in nationalen und internationalen Zeitungen ist der Verkaufsprozess gestartet worden. Auch unter www. nuerburgring.de können sich Interessenten informieren. In der ersten Phase bekunden alle Kaufinteressierten ganz allgemein ihr Interesse. Bereits im Sommer wird mit ersten, unverbindlichen Angeboten gerechnet. In der zweiten Phase prüfen die Sanierer, wer wirklich verbindlich investieren will. Die Bonität der potenziellen Käufer wird geprüft, ebenso ihr Wirtschaftskonzept. Jeder muss genau erklären, auf was er bieten will. Bis Herbst sollte sich ein kleiner Kreis herauskristallisiert haben, mit dem intensiv verhandelt wird (Phase 3). Die Sanierer hoffen, dass sie im ersten Quartal 2014 einen unterschriftsreifen Vertrag haben. Was kann erworben werden: Jeder kann auf alles bieten. Rein theoretisch könnte ein Privatmann sogar einen Tribünenplatz oder einen Stuhl im Media-Center kaufen. Wer aber Einblick in Zahlen, Verträge und Prognosen haben will, muss sich ernsthaft für eine Verkaufseinheit (Cluster) interessieren. Die Rennstrecken bilden mit dem Boulevard, den Tribünen, dem Ring-Werk und der (immer noch nicht fahrbereiten) Achterbahn ein solches Cluster. Andere Verkaufseinheiten sind das Lindner-Hotel, der Ferienpark Drees oder etwa das Partydorf. red