"Frühwarnsystem" wird eingerichtet
Mit einer Podiumsdiskussion ist im Dauner Forum über das neue Kinderschutzgesetz in Rheinland-Pfalz informiert worden. Die Umsetzung des "Frühwarnsystems" auch im Kreis Vulkaneifel hat mittlerweile begonnen.
Daun. Seit einigen Monaten gilt erstmals in Rheinland-Pfalz ein "Landesgesetz zum Schutz von Kinderwohl und Kindergesundheit". Die Fälle von Kindesmisshandlungen, -missbräuchen und -vernachlässigungen sollen rascher aufgedeckt werden, allerdings soll auch überforderten Eltern früher geholfen werden.
Sechs Experten informierten auf Einladung der SPD-Landtagsabgeordneten Astrid Schmitt über die laufende Umsetzung auf Kreisebene. Rund 100 Fachkräfte (Erzieherinnen, Lehrer, Schulleiter, Jugendhausmitarbeiter und Ehrenamtliche in der Jugendarbeit) machten bei der anschließenden Diskussion die vielen offenen Handlungsfelder deutlich.
Große Kluft zwischen Medizin und Jugendhilfe
Im neuen Kinderschutzgesetz ist konkret der Aufbau von lokalen Netzwerken verankert. Schmitt: "Das fängt bei der Geburtenhilfe im Krankenhaus an und umfasst die Fachbehörden ebenso wie Kindertagesstätten (Kita), Schulen und die Gesellschaft."
Noch hapert der Informationsfluss an vielen Stellen. Rainer Stein, Leiter des Kreis-Jugendamts, erklärte: "Die Öffentlichkeit ist aufmerksam. Wir kriegen jede Woche mehrere Hinweise. Allerdings besteht eine große Kluft zwischen dem medizin-pflegerischen Bereich und der Jugendhilfe."
Erika Werner, Leiterin der Kita in Gillenfeld, berichtete über Beispiele aus der Praxis. "Wir nehmen uns viel Zeit für die Elternarbeit und beobachten das Umfeld, so dass kein Kind mehr durchs Raster fällt. Braucht also ein Kind Sprachförderung, bitten wir die Eltern einen Arzt aufzusuchen. Oft wird dort aber der Bedarf dementiert." Eine Aussage, für die sie spontan Applaus aus dem Publikum bekam. Gabi Finken (Kita Kalenborn) ergänzte: Es ist ein Riesenproblem, dass Ärzte gegenüber Eltern oft von uns beobachtete Verhaltensauffälligkeiten verneinen. Wir fühlen uns nicht ernst genommen."
Außerdem stellte sie die Qualität der Früherkennungsuntersuchungen infrage. Kinderärztin Hildegard Slabik-Münter erklärt: "Die Pädiatrie kam bei der Gesundheitsreform viel zu kurz. Im Vulkaneifelkreis wird in einigen Jahren die Versorgung beängstigend sein." Sie forderte im Zuge des neuen Kinderschutzgesetzes Familienhebammen, Familienvorbereitungskurse und verpflichtende Erziehungskurse. Außerdem zeigte sie das Defizit an niedergelassenen Kinderpsychologen auf.
Christoph Habermann, Staatssekretär im rheinland-pfälzischen Sozialministerium, versprach: "Momentan wird auf Landesebene von der Kassenärztlichen Vereinigung geprüft, ob nicht noch Kapazitäten frei gemacht werden können." Er plädierte dafür, jeden Fall einzeln zu bewerten: "Es gibt kein einfaches Rezept, und Kindesmisshandlungen passieren nicht, weil zu wenige Gesetze existieren."
EXTRA
Kinderschutzgesetz: Für die Umsetzung hat die Landesregierung für 2008 und 2009 jeweils 2,5 Millionen Euro zusätzlich bereitgestellt. 30 000 Euro bekommt der Landkreis Vulkaneifel in diesem Jahr, damit das Gesetz zügig umgesetzt wird. Jeweils zehn Euro für jedes Kind unter sechs Jahren, das im Kreis lebt. 21000 Euro sollen vom Jugendamt dafür eingesetzt werden, dass ein lokales Netzwerk aufgebaut wird. Jugendamtsleiter Rainer Stein: "Wir wollen von den Erfahrungen des Modells `Guter Start ins Kinderleben` im Kreis Trier-Saarburg profitieren und haben deshalb konkret Kontakt aufgenommen." 9000 Euro erhält der Vulkaneifelkreis dafür, dass das Gesundheitsamt sich einklinkt, wenn Eltern nach zweimaliger Erinnerung nicht mit ihren Kindern zu Vorsorgeuntersuchungen gehen. (vog)