Gemeinsam gegen die Geisterdörfer

Gemeinsam gegen die Geisterdörfer

Die Verbandsgemeinden Daun, Kelberg, Gerolstein und Ulmen (Kreis Cochem-Zell) machen gemeinsame Sache. Sie wollen ihren Gemeinden Instrumente an die Hand geben, um deren Überleben zu sichern. Dabei helfen soll eine Inventur und ein Wettbewerb.

Leerstehende Ladenlokale. Alte Häuser, in denen niemand wohnen möchte. Verwaiste Kinderspielplätze und ungenutzte Wirtschaftsgebäude. Ein Szenario, das sich kein Eifeler für seinen Heimatort wünscht. Und doch ist es eine Situation, mit der sich viele Gemeinden notgedrungen auseinandersetzen müssen.
Denn die Dorfbevölkerung wird immer älter. Für viele Bauplätze finden sich keine Abnehmer mehr. Alte Häuser in den Ortskernen bleiben unbewohnt. Das ist zumindest die Situation, von der die Initiatoren eines neuen Projekts ausgehen, das jetzt offiziell begonnen hat. Die vier Verbandsgemeinden Kelberg, Ulmen, Gerolstein und Daun haben "Die Chance für das Dorf" vorgestellt - eine Aktion, mit der sich die Vulkaneifel gegen die Auswirkungen des demografischen Wandels wehren möchte.
Wie das gehen soll, das sollen die Ortsbürgermeister von insgesamt 125 Ortsgemeinden in den vier Verbandsgemeinden in der ersten Phase des Projekts erfahren. Den Anfang macht eine Bestandsaufnahme (siehe Extra). Die ersten Dörfer sollen in den kommenden Tagen Post erhalten.
"Wir müssen einfach wissen, wie es in den Dörfern genau aussieht", sagt Rosemarie Bitzigeio von Plan-Lenz, die das Projekt betreut. Das bedeutet, dass genau festgehalten wird, wie viele Leerstände es vor Ort gibt, wie viele ungenutzte Wirtschaftsgebäude, beispielsweise alte Ställe, und für wie viele Häuser es keine potentiellen Nachnutzer gibt. "Nur wenn wir den Stand der Dinge begreifen, können wir ein Bewusstsein dafür entwickeln, was wir ändern müssen", sagt Bitzigeio. Für die Initiatoren liegen die Vorteile einer Innenentwicklung für Dörfer auf der Hand: Durch eine starke Ortsmitte bleibe die Attraktivität erhalten. Auch der Wert der Immobilien werde gesichert.
Ein gutes Beispiel für das, was die Projektinitiatoren meinen, bietet das Dorf Immerath in der Verbandsgemeinde Daun. "Immerath ist ein Ort mit einer tollen Lage", sagt Immeraths Ortsbürgermeister Stefan Harbecke, "wir liegen zentral zwischen den Städten Daun, Wittlich und Cochem. Es ist wunderbar ruhig, und die Landschaft ist schön." Dennoch gebe es in Immerath viele freie Bauplätze, für die es keine Nachfrage gibt - sowohl im Ortskern als auch im Neubaugebiet.
Dass sich der Vulkaneifelkreis nicht komplett an dem Projekt beteiligt, hat unter anderem finanzielle Gründe. "Die Chance" ist zwar mit Mitteln aus der Europäischen Union gefördert. Auf die Verbandsgemeinden kommen trotzdem beträchtliche Kosten zu. So rechnet die Verbandsgemeinde Kelberg mit 45 000 Euro, die im Laufe der drei Projektjahre fällig werden. Die Kosten werden die Verbandsgemeinden übernehmen, sie werden nicht auf die Ortsgemeinden übertragen.Meinung

Kein Allheilmittel, aber ein Anfang
Eine tiefgehende Bestandsaufnahme, ein Wettbewerb und ein paar Modelldörfer können den demografischen Wandel in der Eifel nicht aufhalten. Davon auszugehen, dass durch das Projekt elementare Dinge wie der Weiterbau der Autobahn 1 oder der Ausbau des Internets wesentlich beschleunigt werden, ist ebenfalls utopisch. Trotzdem sollten die 125 teilnehmenden Ortsgemeinden sich in dem Projekt engagieren. Denn das, was die Initiatoren mit "Die Chance" erreichen wollen, nämlich ein Bewusstsein für die bevorstehenden Probleme ländlicher Siedlungsräume zu schaffen, ist ebenfalls ein wichtiger Baustein, um das Leben in den Dörfern zu erhalten oder vielleicht sogar zu verbessern. Nur, wer seine Probleme kennt, kann gezielt daran arbeiten. sl.gombert@volksfreund.deExtra

Im ersten Schritt soll eine Bestandsaufnahme aller 125 Ortsgemeinden in den vier Verbandsgemeinden gemacht werden. Die Räte sind damit beauftragt, in einem Fragebogen festzuhalten, wie viele Leerstände es in ihren Dörfern gibt, wie viele Einwohner und wie viele leere Baugrundstücke. Die kleinen Dörfer bekommen den Fragebogen zuerst. Als Nächstes werden die Dörfer nach Größenordnung sortiert. Es soll vier Gruppen geben, angefangen bei Gemeinden, die bis zu 250 Einwohner haben, bis zu solchen Dörfern, in denen mehr als 1000 Menschen leben. Der dritte Schritt wird ein Wettbewerb sein, bei dem für jede Dorfgruppe ein bis zwei Modelldörfer ausgewählt werden sollen. Die genauen Kriterien für den Wettbewerb stehen noch nicht fest. "Wir wissen nur, dass auf die Modelldörfer eine Menge Arbeit zukommt", sagt Klöckner. Sobald die Modelldörfer feststehen, sollen hier Strategien entwickelt und ausprobiert werden, die ganz gezielt die Innenentwicklung des Ortes fördern. Von den Erkenntnissen, die dabei gewonnen werden, sollen alle 125 teilnehmenden Gemeinden profitieren. slg

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