Geschichten aus dem Leben

Zu den Angeboten des Schulseelsorgers Carlo Fischer-Peitz (Dekanat Daun) gehören Orientierungstage für junge Menschen vor dem Schulabschluss. Mit der Klasse 10a der Leopold-von-Daun-Realschule widmete er sich bei einem dreitägigen Aufenthalt in Trier dem Thema "Zu sich und anderen finden".

Daun/Trier. (red) "Ich wurde zum Trinker, als ich so alt war wie ihr": Der Mann, der mit diesen Worten seine Lebensgeschichte eröffnet, ist Ende 60, gepflegt, redegewandt, offen. Seine Zuhörer sind Zehntklässler der Dauner Realschule. Sie sitzen im Kreis um Gerd von den Trierer Anonymen Alkoholikern in einem Gruppenraum der Römerstadt-Jugendherberge. Die Begegnung ist Bestandteil der Orientierungstage, die sich die Klasse gewünscht hatte.

"Autoritärer Vater, Segelohren, geringes Selbstwertgefühl", gibt Gerd als Gründe für das Biertrinken als Jugendlicher an. "Es schmeckte mir nicht, aber es machte mich mutiger." Was sich zwischen den ersten "Bierchen" als Gärtnerlehrling bis zum körperlichen Zusammenbruch des 40-Jährigen ereignete, der nach eigenen Worten ein "lausiger Vater" war, dessen Firma und Ehe den Bach runtergingen, der trocken wurde und es bis heute - 29 Jahre später - geblieben ist, erfahren die Schüler aus seinen drastischen Schilderungen ohne Beschönigungen. "Ich habe es mir schwer verdient, trocken zu werden. Doch Alkoholiker bleibe ich mein Leben lang", erklärt der Mann.

"Ich höre total gern Geschichten, und ich liebe Menschen": Die Frau, die mit diesen Worten auf die Frage antwortet, warum sie Psychotherapeutin geworden sei, heißt Tanja Mayer, ist 37 Jahre alt, und ihr gehört der "Lebensraum" in der Aachener Straße in Trier. Wieder sind die Zuhörer die Zehntklässler aus Daun, denn Tanja Mayers "Lebensraum" ist eine weitere Station der Orientierungstage. In der ersten Etage des alten Verwaltungsgebäudes des ehemaligen Trierer Schlachthofs berät, begleitet, belebt und therapiert die Diplom-Psychologin Menschen mit Problemen in ihrer Lebensgeschichte und ihrem Umfeld. "Ich habe so etwas Ähnliches wie eine Arztpraxis erwartet, zumindest eine Couch", sagt ein Junge und bringt damit das Erstaunen seiner Mitschüler über samtige Kissen, duftende Gardinen, weiche Teppiche, Blumen, Kerzen und Wintergarten auf den Punkt. "Die Patienten suchen sich selbst aus, wo sie Platz nehmen", erklärt Tanja Mayer und nennt als einen Grundsatz ihrer Arbeit: "Ich unterstütze die Menschen dabei, ihr Leben aufzuräumen und sich selbst zu helfen."

Das Treffen mit dem anonymen Alkoholiker Gerd und den Besuch des "Lebensraums" von Tanja Mayer bildeten den Mittelpunkt der Orientierungstage; weitere Schülergruppen sprachen mit dem leitenden Arzt der Abteilung "Kinder- und Jugendpsychiatrie" des Mutterhauses und erhielten einen Einblick in die Arbeit der "Villa Kunterbunt". Carlo Fischer-Peitz hatte die Begegnungen und Besuche mit den Gruppen vorbereitet und wertete sie im Anschluss gemeinsam mit den Schülern aus.

Zweite Säule der Orientierungstage waren Meditation und Übungen zum Umgang mit sich und anderen. "Was ist Glück?" hieß das Thema einer Pantomime. "Wenn ein Kind zur Welt kommt", "Wenn Geburtstag gefeiert wird", "Wenn es gute Noten gibt" lauteten die fantasievoll umgesetzten Antworten der Schüler.

"Ich bin froh über die Orientierungstage", resümiert die Schülerin Carina Mitulla. "Sie haben der Klassengemeinschaft gut getan, und wir haben Einrichtungen kennengelernt, die bleibende Eindrücke bei uns hinterlassen haben." Die Orientierungstage waren auf Initiative der Religionslehrerin Regina Schuh-Hoffmann zustande gekommen.