Gespannt, entsetzt, ergriffen

"Berichte über Gewalt" war Titel und Thema eines bemerkenswerten gemeinsamen Projekts der Schulsozialarbeiterinnen Esther Ben M'rad (Hauptschulen Daun und Niederstadtfeld), Irina Bischler (Regionale Schule Gillenfeld) und Gudrun Gottschlich (Regionale Schule Kelberg) in Kooperation mit der Unfallkasse Rheinland-Pfalz, der das Projekt als Präventionsveranstaltung diente.

Die Personen in dem an der Hauptschule Daun aufgeführten Stück „Berichte über Gewalt“ – hier der Neonazi in einer Diskussionsrunde mit Schülern – wühlen auf und machen nachdenklich. TV-Foto: Brigitte Bettscheider

Daun. (bb) "Ich hatte richtig Angst vor dem Neonazi. Ich wusste ja nicht, dass er Schauspieler war", sagt die 16-jährige Suleshna Stein aus Daun-Neunkirchen. Die dunkelhäutige 16-Jährige ist in Indien geboren und kam durch Adoption nach Deutschland. "Ich war total aufgeregt, als der Neonazi mich bei der Diskussionsrunde attackierte und beschimpfte. Aber ich hab ihm auch ganz ordentlich meine Meinung gesagt." Auf dem Bewertungsbogen der Schüler habe der Neonazi keinen einzigen Sympathiepunkt bekommen. "Fang ein neues Leben an", habe die Empfehlung der Schüler gelautet.

Suleshna Steins Klassenkamerad Andreas Pürling (14) aus Mehren findet: "Der Türke war auch nicht besser als der Neonazi." Zwar habe sein Hass eine schlimme Vorgeschichte, aber "eindreschen auf andere, davon halte ich gar nichts", erklärt An-dreas. Die Aufführung habe sehr real auf ihn gewirkt. "Sehr empfehlenswert", lautet sein Fazit.

Rebecca Schönian, Dreis-Brück, 15 Jahre alt, ist besonders von der Frau beeindruckt, die beim mutigen Helfen selbst zum Opfer wurde. "Dass sie in Zukunft niemandem mehr beistehen will, finde ich nicht in Ordnung", sagt Rebecca. Eine Narbe im Gesicht verheile mit der Zeit, eine Vergewaltigung bleibe für immer im Gedächtnis, meint sie.

Suleshna Stein, Andreas Pürling und Rebecca Schönian sind Neuntklässler an der Hauptschule Daun. Der Neonazi, der Türke und die Frau sind Personen des Theaterstücks "Berichte über Gewalt", das die Agentur "Theater Till" aus Meerbusch seit 2001 bundesweit über 600 Mal gespielt hat und nun damit erstmals in der Eifel gastierte - vor 260 Schülern der Hauptschulen Daun und Niederstadtfeld und der Regionalen Schulen Gillenfeld und Kelberg.

Die Schulsozialarbeiterin Esther Ben M'rad war in einer pädagogischen Fachzeitschrift auf die inszenierte Talkrunde aufmerksam geworden und hatte ihre Kolleginnen Irina Bischler und Gudrun Gottschlich mit ins Boot genommen. Sie sei gespannt, entsetzt und ergriffen gewesen und habe ähnliche Emotionen auch in den Gesichtern der Schüler gesehen. "In allen Klassen ist eine Nachbereitung vorgesehen", erklärt Esther Ben M'rad.

Neben Schülern und Lehrern hatten sich auch Mitarbeiter der in Andernach sitzenden Unfallkasse Rheinland-Pfalz die "Berichte über Gewalt" angeschaut. "Wir sehen es als neuen Weg in unserer Präventionsarbeit", erklären Edith Eulenbruch, Dave Paulissen und Herbert Schneider.

"Die Gewaltprobleme sind da, die Folgen kosten Geld", sagen sie. Ohne die 2000 Euro hohe finanzielle Unterstützung durch die Unfallkasse hätte sie das Projekt niemals realisieren können, betont Esther Ben M'rad. Extra "Berichte über Gewalt": Ein straffällig gewordener Neonazi, der aus Frust einen asiatischen Laden aufgemischt hatte, in dem seine Mutter ihren Job verlor, als die Besitzer wechselten. Ein von der Situation an seiner Schule desillusionierter Lehrer, der seine Angst lange hinunterschluckte und schließlich einen Schüler zusammenschlug. Eine Frau, die Zeugin einer Vergewaltigung wurde und mutig dazwischenging. Eine 17-Jährige, deren coole Sprüche eine Mitschülerin in den Selbstmord trieben. Ein junger Türke, dessen Freund von Rechtsextremen zum Krüppel geprügelt wurde; in Zukunft will er selbst vor den anderen zuschlagen. Bausteine des Projekts sind die Berichte der Personen, eine Diskussionsrunde mit den Schülern, die Bewertung der Personen und ein Gespräch mit den Schauspielern. Kontakt: Agentur Theater Till, Meerbusch, Telefon 02132/911843, info@theatertill.de, www.theatertill.de. (bb)