Glaube im Alltag

Vor kurzem konnte ich morgens vor Schulbeginn folgende Szene beobachten: Der erste kalte Septembermorgen. Eine Mutter will ihrem Kind noch schnell eine Jacke anziehen.

Das Kind wehrt sich - widerstrebend zieht es die Jacke dann doch an und sagt resigniert vor sich hin: "Wenn es Mama kalt ist, muss ich die Jacke anziehen." Ich musste lächeln, kam dann aber auf folgenden Gedanken: Wie oft versuchst du jemanden etwas überzustülpen, was er gar nicht will? Vielleicht hat man ja recht, auf jeden Fall meint man es ja nur gut. Dennoch hat man ein blödes Gefühl. Es gibt eine Geschichte von Jesus, da wird er von einem Mann gefragt: Sag\' mir, was soll ich machen, um in den Himmel zu kommen? Nun sollte man meinen, dass Jesus das wohl besser weiß als jeder andere. Also zählt er ihm auf, welche Gebote er einhalten soll. Aber das weiß der junge Mann schon. Schließlich fordert Jesus ihn auf, auch noch sein Hab und Gut zu verkaufen und ihm nachzufolgen. Da kapituliert der Mann: "Das schaffe ich nicht", sagt er. Er geht. Und Jesus lässt ihn ziehen. Obwohl er weiß, dass der Mann damit eine riesige Chance verpasst. Jesus versucht ihn nicht mit allen möglichen Argumenten, und natürlich mit den besten Absichten, von seinem Heil zu überzeugen. Er nimmt dessen Entscheidung ernst. Ob ihm das schwergefallen ist? Keine Ahnung. Meistens schreibt die Bibel ja nicht viel über Gefühle. Wie auch immer: Er lässt ihn gehen. Ganz schön stark. Ich weiß nicht, ob ich mein Gegenüber in seinen Entscheidungen immer so ernst nehmen kann. Ich befürchte, ich muss mir noch oft anhören, dass ich mal wieder jemandem eine "Jacke" übergestülpt habe, die derjenige gar nicht wollte. Hilde Telkes ist Gemeindereferentin in der Pfarreiengemeinschaft Neuerburg