Hände weg vom Geäst!

WIESBAUM. Else Thiel sagt dem Stromriesen RWE den Kampf an. Die couragierte Rentnerin will nicht länger den Kabelständer auf dem Dach ihres Hauses und den daraus resultierenden nötigen Beschnitt einiger Bäume in ihrem Garten dulden. Das RWE nimmt’s gelassen, weil juristisch daran nichts zu rütteln sei.

"Das RWE glaubt wohl, auf meinem Grundstück Narrenfreiheit zu haben. Ich fühle mich wie enteignet, und das kann nicht sein", wettert die 66-Jährige. Ihr Groll gegenüber dem Stromriesen hat sich im Laufe der Jahre aufgebaut. "Alle zwei Jahre gibt es Knatsch, weil die dann zum Freischnitt der Bäume anrücken. Zwei Mal waren die schon während meiner Abwesenheit in meinem Garten, ohne zu fragen", erklärt Thiel. Vor einigen Tagen kamen turnusmäßig RWE-Mitarbeiter, um die Stromleitungen frei zu schneiden. Doch die Rentnerin war gewappnet: "Ich habe denen kategorisch verboten, die Bäume in meinem Garten zu beschneiden und mich auch auf keine Erklärungen mehr eingelassen. Jetzt ist Schluss." Thiel rief beim Katasteramt an und erfuhr, dass keine gesonderte Genehmigung für das RWE im Grundbuch eingetragen ist. Daraufhin beschwerte sie sich bei der RWE-Niederlassung in Gerolstein. "Die wollen mir jetzt einen Brief schreiben, weil ich angeblich den Freischnitt dulden muss, aber damit gehe ich zum Rechtsanwalt", gibt sie ihre Pläne preis. Sie habe nie die Genehmigung zum Aufstellen des Dachständers gegeben und auch keinerlei Entschädigungsleistungen dafür erhalten. Der Ahornbaum sei älter als 50 Jahre und damit älter als der Kabelständer auf dem Dach. Auch die Birken seien zu schade, um "vom RWE parat geschnitten zu werden". Außerdem könnten durch die Stromleitung, die von ihrem Hausdach zu einem der Verteilermasten auf dem Nachbargrundstück führt, baurechtliche Nachteile erwachsen, vermutet Thiel. Für Anbauten müsste nämlich ein Abstand von sechs Metern eingehalten werden. Rolf Lorig, seit 25 Jahren RWE-Sprecher in Trier, erklärt: "Der Freischnitt muss im Interesse der allgemeinen Versorgungssicherheit toleriert werden. Allerdings dürfen wir nur mit Erlaubnis das Grundstück betreten." Ihm sei kein Fall in der Region Trier bekannt, wo dafür hätte eine gerichtliche Verfügung besorgt werden müssen. VDE-Vorschriften (Verband der deutschen Elektrotechnik) würden rechtlich bindend den Abstand zwischen Gehölz und Kabel regeln. "Wir sind verpflichtet, Gehölze so zu beschneiden, dass sie nicht näher als einen halben Meter an die Kabel kommen", erklärt Lorig. Die Isolierung der Niederspannungsleitungen könnten ansonsten durchgescheuert werden. Ein Kurzschluss könnte die Stromversorgung des ganzen Dorfes lahm legen. Dachständer würden ohne finanzielle Gegenleistung mit Genehmigung der Hausbesitzer aufgestellt. Auf dem Haus in der Wiesbaumer Hauptstraße stehe der schon seit dem Bau. Else Thiel hat das Haus allerdings erst vor 22 Jahren gekauft und bis vor sieben Jahren dort die Kneipe "Eifel-Kanne" geführt. Ihrem Wunsch, den Dachständer zu entfernen, räumt Lorig kaum Chancen ein. Er sagt: "Das geht nur, wenn sie auf eigene Kosten die Verlegung von Erdkabel vornehmen lässt." So wie es ihr Nachbar vor 13 Jahren hat machen lassen. Dafür steht in dessen Garten ein Mast.