Hans Peter Böffgen, Bürgermeister der VG Gerolstein, zieht erste Bilanz zur Fusion und sagt, wie er die Verwaltung weiter auf Vordermann bringen will.

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview : VG-Chef hält drei Rathäuser für unsinnig

Der Bürgermeister der VG Gerolstein nimmt Stellung zum aktuellen Unmut in der Brunnenstadt, zieht erste Bilanz zur Fusion und kündigt weitere Änderungen für eine effizientere Verwaltung an.

Seit knapp einem Jahr ist der parteilose Hans Peter Böffgen als Bürgermeister der neuen Verbandsgemeinde (VG) Gerolstein im Amt. Im Volksfreund-Interview zieht er eine erste Bilanz zur Fusion der drei ehemals eigenständigen VGen Gerolstein, Hillesheim und Obere Kyll sowie zur Arbeit der komplett neu formierten und zuletzt des öfteren kritisierten Verwaltung.

Kriegt die Stadt Gerolstein einen eigenen Kämmerer?

Hans Peter Böffgen: Zunächst einmal ist es doch eine Wertschätzung, dass der Sachgebietsleiter, also der hochrangigste Mitarbeiter der Kämmerei, die beiden größten und wichtigsten Haushalte machen soll: die der Verbandsgemeinde und der Stadt Gerolstein. Dennoch ist richtig, dass Stadtbürgermeister Uwe Schneider mich gebeten hat, darüber nachzudenken, das anders zu organisieren.

Und macht Sachgebietsleiter Richard Bell neben dem VG-Etat auch künftig weiter den Stadthaushalt oder nicht?

Böffgen: Ich bin der Meinung, dass ein Sachgebietsleiter diese beiden Haushalte zeitlich nah beieinander hinbekommen sollte. Unter normalen Umständen. Die hatten wir fusionsbedingt aber nicht. Am 31.10. hatte er den Nachtragsetat der Verbandsgemeinde mit der Umlagensenkung vorgelegt. Am 12.12. wird der VG-Etat 2020 vorgelegt und verabschiedet. Das hatte Priorität. Man darf auch nicht vergessen: Der Kämmerer und sein Team haben dieses Jahr quasi neun VG-Haushalte gemacht: von allen drei ehemaligen Verbandsgemeinden den Haushalt, den Nachtrag und den neuen Haushalt. Und ich erinnere daran, dass die Konstituierung des neuen Stadtrats erst im August war. Zum Ende hin knubbelt es sich nun – und deswegen kommt der sehr umfangreiche Stadthaushalt erst danach. Mit den Verantwortlichen der Stadt haben wir besprochen, dass der Etat vor den Karnevalstagen im Haupt- und Finanzausschuss vorberaten und am 11. März im Stadtrat beschlossen werden soll. Wenn möglich, legen wir das Werk aber auch früher vor. Das haben wir zum Jahresende wohl falsch eingeschätzt.

Wer?

Böffgen: Der Sachgebietsleiter, der Büroleiter und der Bürgermeister machen die Finanz-Jahresplanung.

Sind Sie zuversichtlich, dass das 2020 geregelter läuft?

Böffgen: Ja. Ziel ist es, die Vorarbeiten mit den gleichen Akteuren so zu entzerren, dass auch der Stadthaushalt 2021 im Jahr 2020 vorgelegt wird. Wenn absehbar ist, dass das nicht funktioniert, werden wir neu überlegen, das auf zwei Schultern zu verteilen. Und zwar bereits bis zur Sommerpause.

Können Sie den Unmut in der Stadt verstehen?

Böffgen: Ja, wenngleich mir die Kritik etwas zu scharf formuliert war. Aber genau wegen solcher Dinge und weil ich weiß, dass die Stadt eine besondere Bedeutung in unserer VG hat, haben wir ja schon früh vereinbart, dass wir uns oft austauschen. Und es ist durchaus so, dass es zwischen dem Stadtbürgermeister und mir kurze Wege gibt. Wenn er mich fragt, ob ich mal zehn Minuten Zeit habe, dann habe ich die auch – und wir klären Dinge. Ich will keine Spannungen zwischen der Stadt und der Verbandsgemeinde.

Hinter dem Unmut steckt ja die – auch von Ortsbürgermeistern geäußerte – Kritik, dass die Mitarbeiter zwar freundlich und bemüht, die Verwaltung aber noch deutlich zu langsam sei. Wie ist es elf Monate nach der Fusion um die internen Abläufe, um die Effizienz bestellt?

Böffgen: Die Strukturen innerhalb der Verwaltung sind noch nicht so gefestigt, als dass man jetzt schon volle Kraft voraus segeln kann. Es braucht mehr Zeit als gedacht. Beispielsweise die Bauabteilung: Wo früher drei mal acht Leute waren, die ihren Bereich genau kannten, sind es nun noch 20. Fünf davon kommen aus andern Bereichen, und alle müssen nun ein viel größeres Feld bearbeiten. Wer sich damals um ein spezielles Thema an der Oberen Kyll gekümmert hat, muss das nun eben auch in Densborn im Blick haben. Da müssen sich die Mitarbeiter erst einarbeiten. Und da auch die Arbeitsweise in den drei Verwaltungen unterschiedlich war, muss das auch erst einmal zusammengeführt und gemeinsam erarbeitet werden. Wenn darüber hinaus so jemand wie Karl Müller, der ehemalige Bauamtsleiter der Oberen Kyll, nicht mehr da ist, geht enormes Wissen verloren: um Vorgeschichte, um vergleichbare Projekte, um Ansprechpartner. Das zu kompensieren, geht nicht in wenigen Wochen. Ich merke aber, dass es zum Jahresende deutlich besser wird. Das Tempo erhöht sich, die Professionalität steigt.

Muss es auch angesichts der langen Investitionsliste.

Böffgen: Die ist in der Tat beachtlich, da vieles mit Blick auf die Fusion nicht gemacht wurde. Heute sage ich: Manches, wie der Kauf einer neuen Drehleiter für die Feuerwehr Gerolstein, wäre besser schon erledigt worden. Und es sind immer wieder Projekte, wie ein kaputtes Tor am Feuerwehrgerätehaus oder eine total veraltete Kalkulation für ein Bauvorhaben, aufgetaucht, die uns überrascht haben. Jetzt sind die Listen vollständig, wir haben einen besseren Überblick, Prioritäten sind festgelegt.

Wo steht die Verwaltung aktuell?

Böffgen: Den Alltag haben wir nun  im Griff. Das ist gut, aber letztlich nur die Pflicht. Es liegen wichtige Zukunftsaufgaben vor uns wie die Weiterentwicklung der VG, Digitalpakt, Starkregenschutz, Flächennutzungsplanung u.v.m. Diese Aufgaben müssen wir im Team erfolgreich bewältigen. Jetzt kommt die Kür.

Was stimmt Sie zuversichtlich, dass die Verwaltung diese hinbekommt – am besten mit Bravour?

Böffgen: Nun, wir müssen 2020 Gott sei Dank nicht wie 2019 einen Umzug mit 90 Mitarbeitern bewerkstelligen, nicht nochmals eine neue Mannschaft aufstellen, Zuständigkeiten und Aufgaben neu verteilen, unterschiedliche EDV-Systeme zusammenführen, nicht nochmals 39 Haushalte im ersten Quartal machen, eine Kommunalwahl vorbereiten und durchführen sowie die Konstituierung der ganzen neuen Räte begleiten. Aber dafür können wir auf unseren Erfahrungen aufbauen. Diese Tausenden von Stunden möchte ich dafür nutzen, die Dinge anzugehen, die uns voranbringen und die die Menschen von uns erwarten.

Ein mörderisches Jahr?

Böffgen: Ja, schon.

Was tun Sie, um die Effizienz Ihres Hauses zu erhöhen?

Böffgen: Ich führe viele Gespräche, auf Leitungs-, auf Sachgebietsebene oder in noch kleinerem Rahmen, also projektbezogen. Mit jedem Fachbereich mindestens einmal in der Woche. Nach den Sommerferien haben wir Führungskräfte uns zusammengesetzt und mit externen Beratern die Struktur angesehen – und schnell festgestellt: So passt es nicht! Deswegen führen wir jetzt die dezentrale Ressourcenverantwortung ein. Heißt also, dass die einzelnen Sachgebietsleiter für ihre Teams sowie für ihre Projekte und Budgets selbst Verantwortung tragen. Dadurch bekommen die Fachbereichsleiter die Luft, sich selbst um herausragende Themen zu kümmern. Etwa Bauabteilungsleiter Carsten Schneider darum, dass das Hallenbad an der Grundschule Waldstraße geschlossen und die neue Sporthalle in Hillesheim gebaut wird. Oder Ordnungsamtsleiter Bernd Schmitz um den Digitalpakt für Schulen – anstatt Knöllchen beim verkaufsoffenen Sonntag in Hillesheim.

Wie steht es um die Aufteilung der Verwaltung auf drei Standorte?

Böffgen: Bleiben wir beim Bau- und dem Finanzbereich: Es gab sicherlich gute Argumente dafür, diese beiden Fachbereiche aufzuteilen und an jeweils zwei Standorten zu installieren. So sind die Kasse und die Vollstreckung der Finanzen ebenso wie der technische Teil der Bauabteilung nach Jünkerath gekommen. In der Praxis hat sich das aber nicht als ideal herausgestellt. Die Bauingenieure können ja nicht noch jeden Morgen nach Gerolstein kommen, um sich zwei Stunden mit der Fachbereichsleitung abzustimmen, bevor sie nach Jünkerath fahren und ihre Arbeit aufnehmen. Das können wir so nicht lassen.

Was wird sich ändern?

Böffgen: Die Teams werden kleiner und bekommen dafür mehr Verantwortung. Aus einem Fachbereich mit 30 Leuten machen wir drei Teams zu zehn Leuten, aber mit Eigenverantwortung über Personal, Projekte und Budget. Die müssen sich dann nicht mehr wegen allem ein Okay für Personalgespräche, Urlaubspläne, Beurteilungen etc. von der Fachbereichsleitung holen.

Wie steht es um den Erhalt der drei Standorte?

Böffgen: Auch da müssen wir ran.

Wann und wieso?

Böffgen: Es bleibt dabei, dass die räumliche Aufteilung aus Verwaltungssicht unglücklich ist. Im Jahr 2020 werden wir uns intern, in den politischen Gremien und im engen Austausch mit den jetzigen Sitzkommunen der Verwaltungsstandorte konkret der Frage widmen: Wie stellen wir uns künftig die Verwaltungslandschaft vor? Da geht es dann um Entscheidungen, ob es einen Neubau des Rathauses geben soll, ob das bestehende Rathaus saniert wird oder ob es eine Kombilösung mit einer anderen Behörde geben kann.

Sie meinen, das Rathaus Gerolstein und der LBM Gerolstein unter einem Dach?

Böffgen: Richtig.

Wann soll das alles diskutiert und entschieden werden?

Böffgen: Am liebsten im ersten Halbjahr 2020, aber sicherlich im nächsten Jahr. Es geht um eine Grundsatzentscheidung.

Keine Kommune wird freiwillig etwas aufgeben.

Böffgen: In Jünkerath wird es langfristig immer ein Bürgerbüro und eine Kfz-Zulassungsstelle geben. Und einen guten Sitzungssaal gibt es im Feuerwehrhaus. Zudem planen wir ja, im Bereich der Jugendarbeit an der Oberen Kyll wieder etwas aufzubauen. Doch dafür brauchen wir kein großes Rathaus. Man kann überlegen, ob man das Bahnhofsgebäude gemeinsam mit der Gemeinde Jünkerath entwickeln kann.

Bleibt das Führungspersonal so, wie es ist? Sie haben ja den Vorschlag ihres Vorgängers übernommen.

Böffgen: Wir lassen die Fachbereichsleitungen jetzt erst einmal so, wie sie sind, denn: Büroleiter Hans-Josef Hunz geht voraussichtlich Anfang 2022 in den Ruhestand. Durch die Nachfolgeregelung wird schon genügend Bewegung unter den Führungskräften reinkommen. Das will ich nicht zweimal innerhalb kürzester Zeit.

Wie klappt es mit der Unterstützung durch die Beigeordneten?

Böffgen: Gut, wenngleich ich da selbst nachsteuern musste, weil es in der Kommunikation zwischen der Politik, den Beigeordneten und dem Bürgermeister zunächst etwas gehakt hat. Jetzt habe ich jeden Monat zum Beigeordnetengespräch noch einen Ältestenrat eingeschoben mit Bürgermeister, Beigeordneten und den Fraktionsvorsitzenden. Zudem informiere ich die Fraktionsvorsitzenden jetzt auch regelmäßig per Newsletter. Außerdem haben wir künftig zwei bis drei Klausurtagungen im Jahr geplant.

Nochmals zum Thema Unterstützung: Sehnen Sie sich bereits nach einem hauptamtlichen Vertreter?

Böffgen: Nein. Gerade die regionale Unterstützung (Bernhard Jüngling und Josefine Engeln im Bereich Hilesheim, Ewald Hansen an der Oberen Kyll und Klaus-Dieter Peters im Raum Gerolstein) klappt prima. Und es gibt weitere punktuelle Entlastung, zum Beispiel dadurch, dass Bernhard Jüngling Verbandsvorsteher des IGP in Wiesbaum bleibt. Das kann sicher auch noch an anderer Stelle funktionieren – ohne direkt an eine Hauptamtlichkeit zu denken.

Ist alles so gekommen, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Wie gut wird speziell die Stadt Gerolstein als größter Zahlmeister der neuen VG von der Verwaltung unterstützt? Darüber ist derzeit eine Diskussion entbrannt. Die Fraktionen des Gerolsteiner Stadtrats jedenfalls wünschen sich eine bessere und zügigere Betreuung ihrer Vorhaben. Foto: TV/Mario Hübner
Will, um die Effizienz der Verwaltung zu verbessern, an die Aufteilung auf drei Standorte ran: Bürgermeister Hans Peter Böffgen. Foto: Fritz-Peter Linden

Böffgen: Ich glaube, ich habe den menschlichen Faktor unterschätzt. Ich hätte nicht gedacht, dass Verwaltungsmitarbeiter und -mitarbeiterinnen aus drei Rathäusern vergleichbarer Größe und mit vergleichbaren Aufgaben so unterschiedlich in ihren Arbeitsweisen sein können und dass es so viel Zeit braucht, dies zusammenzuführen. Das gilt auch für die VG-Ratsmitglieder. Im Übrigen war dieser menschliche Faktor auch in keinem Gutachten zur Fusion berücksichtigt.