1. Region
  2. Vulkaneifel

Hemdsärmeliger Stratege mit langem Atem

Hemdsärmeliger Stratege mit langem Atem

GEROLSTEIN. Erwin Görgen, "Denker und Lenker" einer der größten Behinderteneinrichtungen im Land, geht in den Ruhestand. Er war seit Juni 1979 Chef der Westeifel-Werke (WEW).

Seine Bilanz in Zahlen: Er steigerte den Umsatz von 45 000 Euro auf mehr als sieben Millionen Euro. Heute arbeiten 512 (anfangs 45) Behinderte und 102 nicht Behinderte (anfangs sieben) bei den WEW. Es entstanden drei zusätzliche Standorte und etliche Beteiligungen. "Eine derart rasante Entwicklung war bei meinem Einstieg so nicht zu erwarten gewesen", sagt der 64-jährige Betriebswirt. Der als hemdsärmelig geltende Stratege hat sich im Laufe der Jahre bundesweit einen Namen gemacht. Von 1993 bis 1996 gehörte er zu einem Beraterteam zum Aufbau von Werkstätten in den neuen Bundesländern - einberufen vom Bundesministerium für Arbeit. Görgen gründete die Lebenshilfe Neuhaus in Thüringen und war maßgeblich am Aufbau der Rennsteig-Werkstätten beteiligt. Für ein halbes Jahr war er zusätzlich deren ehrenamtlicher Geschäftsführer: "Die Fahrtenbücher aus dieser Zeit sind der Wahnsinn. Nachts um drei ging‘s hin und um Mitternacht zurück, damit ich am nächsten Tag wieder in Gerolstein war." Noch heute gehört er zum Verwaltungsrat der thüringischen Werkstatt. Ebenso engagiert ist Görgen bei Special Olympics Deutschland (SOD). "Der Sport ist, neben der körperlichen Fitness, eine der besten Methoden zur sozialen Integration. Die Erfolge steigern das Selbstwertgefühl und bringen den Behinderten Anerkennung in der Familie, im Dorf und in der Gesellschaft", weiß er aus 14-jähriger Erfahrung. Als SOD-Vizepräsident will er sich auch nach der Pensionierung einbringen: "2011 sollen die Weltspiele in Deutschland sein." Die Idee, Wettkämpfe für jeden geistig oder mehrfach Behinderten in homogenen Leistungslevels anzubieten, verfolgt auch die WEW seit Bestehen. Die Unternehmensphilosophie der ersten Stunde: "Bei uns hat jeder Schwerst- oder Mehrfachbehinderte einen Platz. Besonders stolz bin ich darauf, dass heute mehr als 50 Schwerstbehinderte in vier Fördergruppen betreut und beschäftigt werden." Görgen gibt sich kämpferisch, schon oft hat er in seiner Karriere langen Atem bewiesen. Auch auf europäischer Ebene. 1990 entstand die Idee einer europäischen Bildungs-, Freizeit- und Begegnungsstätte in Neuerburg. Nach einem mehr als zehnjährigen Kampf "im Irrgarten nationaler und europäischer Finanzierungsprogramme" wurden 2001 das Euvea Hotel Neuerburg und die Euvea Akademie in Betrieb genommen. 1999 wurde die Euweco Werkstatt für psychisch Behinderte in Weinsheim (je zur Hälfte WEW und Christliche Krankenkasse Ostbelgien) eröffnet. Vorausgegangen war ein fünfjähriges Gezerre mit Landesministerien beider Nationen und Landesarbeitsamt. Im Herbst 1990 wurde das Werk in Hermesdorf eröffnet, 1995 folgte Weinsheim. Bemerkenswert am WEW-Erfolg ist der hohe Anteil von 80 Prozent Eigenproduktion am Gesamtumsatz. Seiner Familie will sich der vierfache Vater und achtfache Opa im Ruhestand mehr widmen. So recht kann sich der gebürtige Eifeler den Alltag ohne "seine Behinderten" nicht vorstellen: "Sie kamen mit allen möglichen Problemen zu mir". Nicht nur mit Liebe belohnten sie ihren Chef. Lachend verrät der 64-Jährige: "Zu Weihnachten kriegte ich alles, vom Joghurt bis zum Päckchen Kaffee."