Hier reden die Schüler mit

Gillenfeld · Wenn sich an einer Schule alle Jugendlichen in der Turnhalle versammeln, ist meist eine Feier angesagt. In der Gillenfelder Schule am Pulvermaar ist das anders. Dort trifft sich die Schulgemeinschaft einmal monatlich, um Themen zu besprechen, die ihr auf den Nägeln brennen. Bei der zweiten Schülervollversammlung informierten die Klassensprecher ihre Mitschüler über das Leben von Flüchtlingen.

Foto: mechi (e_daun )

Gillenfeld. Die Kinder gehen von 8 bis 13 Uhr in die Schule, lernen die gleichen Fächer. Auf den Straßen fahren wie hier viele Autos, und wie hier auch auf der rechten Seite. In Syrien ist das Leben nicht viel anders als in Deutschland - besser gesagt, war es. Denn seit vier Jahren herrscht dort Bürgerkrieg. Seitdem ist dort nichts mehr, wie es früher war. In den einst lebendigen Städten sind ganze Straßenzüge zerstört. Viele Menschen flüchten vor den Gefechten.
Einer von ihnen ist Mohammad Kher. Der 22-Jährige erinnert sich noch genau, wann er nach Deutschland kam: am 17. September 2014. Es ist ihm sichtlich unangenehm, über seine Flucht zu sprechen. Zu präsent ist das Erlebte. Und dann hören ihm auch noch 190 Dritt- bis Zehntklässler in der Turnhalle der Schule am Pulvermaar in Gillenfeld zu: die Schülervollversammlung.
"Die ist einmal im Monat", erklärt Schulleiter Bruno Niederprüm. Dann informieren Schulleitung und Schülervertretung (SV) über Aktuelles, es ist Zeit für Diskussionen, und die Schüler können ihre Probleme ansprechen. Denn die Gillenfelder ist Modellschule für Partizipation und Demokratie in Rheinland-Pfalz (siehe Extra).
Diesmal will die SV, das sind Artur Buks, Philipp Raskob und Moritz Schultheis, über ein aktuelles Thema informieren und diskutieren: Flüchtlinge. Die Idee dazu stammt von der SV sowie Gemeindereferent Stefan Becker und Kaplan Oliver Seis. "Flüchtlinge sind ein Thema bei uns im Religionsunterricht", sagt Seis. Es gebe Gesprächsbedarf bei den Kindern und Jugendlichen.
Um die Vollversammlung vorzubereiten, hat die SV alle Klassensprecher eingeladen, eines von sechs Themen vorzutragen. Von den Ursachen der Flucht und der Route der Flüchtlinge, dem Leben in Syrien vor und im Krieg, dem Unterschied zwischen Islam und Christentum, dem Leben der Flüchtlinge in Deutschland und der Rolle von sozialen Medien reichen die Themen. "Anschließend wollen wir mit allen diskutieren, wie wir damit umgehen sollen", sagt Philipp. Und die drei haben Gäste eingeladen: Flüchtlinge aus Syrien wie Mohammad Kher.
Weil dieser seine Geschichte nicht selbst erzählen will, übernehmen das die Schülerinnen Jenny (15) und Lena (14) vor der Schülerschaft. Er sei über den Libanon geflohen, wo er kurz bei einer Tante untergekommen war, sei weiter gereist nach Ägypten, wo er ein Jahr geblieben sei, sagen sie. Weil er von der syrischen Polizei verfolgt wurde, floh er weiter über das Mittelmeer. 20 Tage dauerte die Überfahrt in dem Schiff. Dann kam Kher über Italien und Österreich nach Deutschland. "Ich habe ganz wenig geschlafen und wenn, dann auf dem Boden ohne Decke", antwortet er auf Jennys Frage. "Wie hast du dich gefühlt", fragt sie weiter? "Ich hatte Angst, dass sie mich finden."
Khireddin Alyounes (17) berichtet von seiner Religion. "Ich will den Schülern sagen, dass der Islam nicht so schlimm ist, wie oft gesagt wird. Es gibt viel Ähnliches in der Bibel und im Koran. Da steht, dass man nicht töten darf und dass Männer und Frauen gleich sind." Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aber ermorde Menschen und diskriminiere Frauen. Khireddin war Schüler in Gillenfeld, nun besucht er das Aufbaugymnasium am Eifelkolleg in Neuerburg, um sich auf das Abitur vorzubereiten.
Dass junge Syrer aus ihrem Leben berichten finden die Schülerinnen Daniela Orlemann (13) und Jasmin Fleischer (16) gut. "Ich habe sehr viel durch Radio und Fernsehen mitbekommen, aber es ist wichtig, das von den Betroffenen selbst zu hören", sagt Daniela. "Diese Menschen haben es schwer. Wir sollten nett zu ihnen sein."
Und Jasmin appelliert an ihre Landsleute: "Wenn bei uns Krieg ausbricht, möchten wir auch, dass wir in einem sicheren Land aufgenommen werden."Extra

Die Schule am Pulvermaar in Gillenfeld ist seit diesem Schuljahr bis 2017 Modellschule für Partizipation und Demokratie. Die Schulleitung hat ein Konzept erstellt, um die Schüler intensiv demokratisch zu bilden. Es beinhaltet beispielsweise einen Klassenrat, der Probleme innerhalb einer Klasse regelt, und die Schülervollversammlung. Die Schulen arbeiten in einem Netzwerk zusammen. Die Verantwortlichen treffen sich mehrmals im Jahr, bilden sich weiter und tauschen sich aus. Die Modellschulen sind ein gemeinsames Programm der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Rheinland-Pfalz, der Koordinierungsstelle "Demokratie lernen und leben" im Pädagogischen Landesinstitut und des Bildungsministeriums Rheinland-Pfalz. mehi