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Hochwasser in der Vukaneifel: Lage am Tag nach der Katastrophe

Unwetter : Der Tag nach der Hochwasser-Katastrophe im Vulkaneifelkreis

Tag eins nach der Katastrophe: Von Normalität ist der Kreis Vulkaneifel noch weit entfernt, vor allem entlang der Kyll ist noch viel zu tun. Aber im Gegensatz zu Nachbarkreisen wie Ahrweiler und Euskirchen sind keine Todesopfer zu beklagen. Die Schulen und Kindertagesstätten sind am Freitag wieder geöffnet.

Der große Regen ist vorbei, seine katastrophalen Auswirkungen aber noch lange nicht: Die Situation hatte sich am Mittwoch so zugespitzt, dass der Kreis den Katastrophenfall ausgerufen hat. Dadurch war es möglich, die Bundeswehr zur Unterstützung anzufordern, die mit 70 Mann und Fahrzeugen im Einsatz war. Im Altenheim Hillesheim, wo das Untergeschoss vollgelaufen war, konnte eine zunächst befürchtete Kompletträumung vermieden werden.

Unterstützun durch Einsatzkräfte aus dem Land

Über die ADD hat der Kreis Unterstützung durch den Einsatz ganzer Löschzüge aus dem Rhein-Hunsrück-Kreis und einer Technischen Einsatzleitung aus der Pfalz bekommen. Am Donnerstagvormittag berichtete der Brand- und Katastrophenschutz-Inspekteur des Kreises, Harald Schmitz, von mittlerweile gut 700 Einsätzen. Und ein Ende war zu dem Zeitpunkt nicht absehbar, waren doch mehrere Orte wie beispielsweise Jünkerath von der Außenwelt abgeschnitten. In Mürlenbach und Densborn mussten Menschen aus ihren Häuser geholt werden.

Aber es gibt auch eine gute Nachricht: „Keine Personenschäden“, das melden die Bürgermeister der drei Verbandsgemeinden des Vulkaneifelkreises Kelberg, Daun und Gerolstein. Dabei hat es die VG Gerolstein besonders hart getroffen. Auch am Donnerstagmittag konnte dort nicht mit den Aufräumarbeiten begonnen werden, wie Bürgermeister Hans Peter Böffgen auf Anfrage sagt. In Gerolstein hat die Kyll streckenweise Dimensionen wie die Mosel angenommen, das alte Gelände des Gerolsteiner Brunnens wurde genauso überflutet wie die Parkplätze rechts und links der B 410 sowie der im Umbau befindliche Bahnhof samt der Gleise, der Zugverkehr wurde eingestellt. Baumaterial und sogar große Container wurden mitgerissen, vieles blieb an der Brücke, über die die Bahnhofstraße führt, hängen. Mehrere Kolonnen der Gerolsteiner Stadtarbeiter haben mit schwerem Gerät, LKW samt Greifarm, das hängengebliebene Treibgut rausgebaggert, damit die Wassermassen besser abfließen können. Der vor wenigen Jahren für über eine Million Euro umgebaute Kyll-Park am Rathaus war da aber bereits komplett überflutet. Die Schadenssumme? Noch völlig unkalkulierbar. Auf der Hochbrücke haben sich immer wieder Menschengruppen versammelt, um die Arbeit der Einsatzkräfte und das Hochwasserspektakel zu beobachten und Bilder zu schießen.

Auch die Verwaltung sei betroffen, dort stehe das Wasser im Keller immer noch etwa einen halben Meter hoch, bestätigt Bürgermeister Böffgen. Im Rathaus wurde der Strom abgestellt und auch die EDV läuft nicht. Der Blick aus seinem Fenster mache deutlich, wie schlimm die Lage immer noch sei, sagt der Verwaltungschef. Die Stadthalle Rondell sei ebenfalls betroffen, dort stehe das Wasser im Keller und im Aufzug. Ob die Trinkwasserversorgung in Gefahr ist, konnte Böffgen zunächst noch nicht bestätigen.

Hochwasser-Lage in Gerolstein

Der Gerolsteiner Stadtteil Roth ist zum dritten Mal innerhalb von sechs Wochen von Überflutungen betroffen. Wie Ortsvorsteher Gotthard Lenzen sagt, sei es dieses Mal aber am schlimmsten. Die Kühe hätten kniehoch im Wasser gestanden. Eine 93-jährige Bürgerin habe berichtet, dass es das schlimmste Hochwasser sei, das sie erlebt habe.

„Ich hab’s Wasser im Laden stehen“, sagt Harald Schmitz, Ortsbürgermeister von Stadtkyll – und Friseurmeister. Er ist nicht der Einzige im Dorf: In etlichen Straßen – Auelstraße, Kurallee, Kirchweg, Wirft- und Schwammertstraße – ist das Wasser in die Gebäude eingedrungen. Und es steigt weiter.

Schmitz steht mit etlichen Bürgern auf der Kreuzung in der Dorfmitte. Dort spitzt sich gerade die Lage noch einmal zu: Denn die Wirft, der kleine Fluss, der die beiden Stadtkyller Stauseen speist, ist nicht mehr in ihrem Bett zu halten. Am Landal-Ferienpark entleert sich seit ein paar Stunden der Stausee über den Damm hinweg. Auf breiter Front schießt das Wirft-Wasser hinüber und überströmt den Spielplatz und weitere Anlagen. Und es fließt weiter: auf den Ort zu, wo sich ihr Bett immer weiter verengt.

Irgendwann bricht am Ferienpark ein großes Stück des Staudamms heraus, wie es von der Feurwehr bereits befürchtet worden war: Die Wehrleute hatten die Anwohner bereits davor gewarnt, sich in ihren Kellern aufzuhalten, das könne lebensgefährlich werden.

Und der Fluss überspült nach dem Dammbruch die Ortsmitte, während das Dorf auf der anderen Seite von den Fluten der Kyll in die Zange genommen wird. Zwei Flüsse, eine Katastrophe. Und hinzu kommt das Wasser, das von den Hängen herab in den Ort und die Häuser schießt.

Hochwasser-Lage in Jünkerath

Die Lage in Jünkerath? Genauso dramatisch. In der Nacht müssen die Feuerwehrleute zwei Menschen in der Nähe des Bahnhofs retten: Sie sind in ihrem Auto gefangen. Auch am Morgen steht dort noch alles unter Wasser. Die Bahnhofunterführung. Und die Firma Katimex. Eigentümer Christian Stehr schaut sich das Elend von einer kleinen Anhöhe aus an. Im Gebäude, sagt er, seien „brandneue Maschinen für eine halbe Million Euro.“ Überall ist die Kyll zum weit ausgreifenden Strom geworden. Auch im unteren Teil von Gönnersdorf: alles unter Wasser. Und dahinter geht’s nicht weiter.

„Wir arbeiten im Moment mit Hochdruck daran, die Schäden zu beseitigen“, sagt Johannes Saxler, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Kelberg. Was ihm allerdings Sorgen mache, sei die Trinkwasserversorgung. Verschiedene Brunnen und Quellen seien durch Hochwasser geflutet und verschmutzt worden. Außerdem gebe es Beschädigungen an den Leitungssystemen. Nach seiner Einschätzung handelt es nicht um ein Problem, das nur die VG Kelberg betrifft. Er geht davon aus, dass auch andere Gebiete betroffen seien. Er ruft die Bevölkerung auf, sparsam mit Trinkwasser umzugehen. Die Hochwasserlage habe sich jedoch entspannt.

In der Verbandsgemeinde Daun sei die Lage am Vormittag weitestgehend im Griff, sagt Bürgermeister Thomas Scheppe auf TV-Nachfrage. Es sei bereits intensiv mit den Aufräumarbeiten begonnen worden. Der Höchststand des Pegels sei etwa um Mitternacht erreicht worden, nun gehe das Wasser wieder zurück. Scheppe: „Die VG hat es schlimm getroffen, aber nicht so gravierend wie andere. Wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen.“

Beim Dauner Sprudel ist die Lieser einmal komplett durch die Lager- und Produktionshalle durchgerauscht – nach Auskunft von Mitarbeitern etwa 25 Zentimeter hoch. Nach erster Einschätzung sind die Maschinen aber nicht beschädigt worden. Gestern früh, als das Wasser abgeflossen war, war alles voller Schlamm. Der Schutzzaun, der nach dem Hochwasser 2018 entlang der Lieser errichtet worden war, hatte noch Schlimmeres verhindert. An einigen Stellen drückten die Wassermassen ihn aber leicht um. Später kam das Wasser dann auch über die Wiese.

Hunderte Meter entfernt, über den gesamten Kurpark verteilt, finden sich noch Unmengen von Schraubverschlüssen der Sprudelflaschen. Im Kurpark hat das Hochwasser große Schäden angerichtet: Die Wege wurden in etlichen Bereichen einfach weggespült, das Hochwasser hinterließ dort Kraterlandschaften. Auf der anderen Seite des Lisertals wurde das gesamte Sportareal des TuS Daun mit Tennisplätzen, Boule- und Beachball-Anlage komplett zerstört. Die Schadensumme dürfte hier wie da in die Hunderttausende gehen.

Am Donnerstag waren sie wegen der dramatischen Hochwasserlage noch geschlossen, aber am Freitag sind Schulen und Kindertagesstätten wieder geöffnet. Das haben  Kreis und Verbandsgemeinden entschieden. Es liegt aber im Ermessen der Eltern, ob die Kinder die Kita besuchen oder aber am Unterricht teilnehmen. Denn es sei unsicher, dass die Beförderung überall sichergestellt werden könne. So ist der Bahnverkehr komplett eingestellt worden. Was die Stromversorgung angeht: Einige Orte in der VG Gerolstein sind noch ohne, „aber der Versorger ist dran“, sagt BKI Schmitz. Schwierig sei die Kommunikation gewesen: „Da der Digitalfunk komplett ausgefallen war, mussten wir auf analog umstellen. Was gut funktioniert hat.“

 Auch am Bahnhof in Gerolstein steht das Wasser.
Auch am Bahnhof in Gerolstein steht das Wasser. Foto: TV/Hans Peter Böffgen
 Im Gerolsteiner Stadtteil Roth sind die Bürger zum dritten mal in sechs Wochem vom Hochwasser betroffen. Dieses Mal soll es aber besonders schlimm sein.
Im Gerolsteiner Stadtteil Roth sind die Bürger zum dritten mal in sechs Wochem vom Hochwasser betroffen. Dieses Mal soll es aber besonders schlimm sein. Foto: TV/Gotthard Lenzen
 Das Hochwasser an Kyll und Lieser hat zu enormen Schäden in zahlreichen Orten des Kreises geführt.
Das Hochwasser an Kyll und Lieser hat zu enormen Schäden in zahlreichen Orten des Kreises geführt. Foto: TV/Mario Hübner
 Das Hochwasser an Kyll und Lieser hat zu enormen Schäden in zahlreichen Orten des Kreises geführt.
Das Hochwasser an Kyll und Lieser hat zu enormen Schäden in zahlreichen Orten des Kreises geführt. Foto: TV/Mario Hübner
 Das Hochwasser an Kyll und Lieser hat zu enormen Schäden in zahlreichen Orten des Kreises geführt.
Das Hochwasser an Kyll und Lieser hat zu enormen Schäden in zahlreichen Orten des Kreises geführt. Foto: TV/Mario Hübner

Bisheriges Fazit von Landrätin Julia Gieseking: „Ich habe große Solidarität in einer sehr komplizierten Situation festgestellt. Was beweist: Die Vulkaneifel hält zusammen, wenn es schwierig wird.“