"In fünf Jahren ist der Patient kaputt"

"In fünf Jahren ist der Patient kaputt"

MONSCHAU (dpa). Die zahlreichen Buchenhecken in der Gegend um Monschau sind krank. Nun untersuchen Biologen, die "grünen Patienten" im Auftrag des Kreises Aachen.

Erich Hermes ist besorgt. Seine Buchenhecke kränkelt. Es vergeht kein Tag, an dem er nicht nach dem Patienten schaut. Sein Urgroßvater hat sie gepflanzt. Über 100 Jahre ist sie alt, hat Kriege und Stürme überlebt. Stolze sechs Meter ist sie hoch, gehalten von Ästen so dick wie Baumstämme. Sie schien unverwüstlich. "Wenn nichts passiert, dann ist die Hecke in fünf Jahren kaputt", prophezeit Hermes. Diese Sorge treibt auch andere Eifeler in der Gegend um Monschau um. Nun sind die kränkelnden Hecken ein Fall für Biologen, die den Patienten im Auftrag des Kreises Aachen untersuchen. Beim Austrieb vor einem Jahr war Hermes erschrocken: Bis auf einen Meter Höhe blieb seine Hecke braun. "Die jungen Triebe waren abgestorben", erzählt er. Darüber wuchs sie wie eh und je.Zu viel Tausalz für die Pflanzen

Der Mann aus Kalterherberg hatte einen Verdacht: In dem Winter davor war nach seiner Beobachtung viel Salz auf der angrenzenden Straße gestreut worden - für die Pflanzen vielleicht zu viel. Er ging zur Stadtverwaltung, um sich zu beschweren. Und er war nicht der einzige. Die Eifeler haben ein besonderes Verhältnis zu ihren Hecken. Seit Generationen sind die Pflanzen ein wichtiger Wind- und Wetterschutz. Selbst wenn die Wärmedämmung der Häuser heute wesentlich besser ist als früher: Wer in der Monschauer Region neu baut, pflanzt im zweiten Schritt oft die typische Buchenhecke. Die Monschauer Heckenlandschaft, auch mit niedrigeren Hecken auf den Viehweiden, gilt als einmalig in Europa. Biologin Julia Bless vom Aachener Forschungsinstitut Gaiac steht in den Startlöchern, um beim ersten Austrieb neue Proben zu nehmen. Im vergangenen Jahr hatte sie im Auftrag des Kreises Aachen mit der Untersuchung der kränkelnden Patienten begonnen. Bei 20 Hecken erstellte sie eine Rundum-Diagnose: Sie untersuchte große, kleine, geschädigte und gesunde Hecken, an Straßen wachsend und im Grünen. Sie sprach mit den Eigentümern über die "Lebensgeschichte" der Pflanzen, nahm Proben, untersuchte sie im Labor. Ihre erste Erkenntnis: Kränklich waren vor allem Hecken an viel befahrenen Straßen. Das Bild war immer das Gleiche: "Die Pflanzen zeigten Trockenschäden", sagte sie. Als hätte jemand ein Lineal angelegt, war auf einer Linie zwischen ein bis zwei Metern alles braun geworden. Das könnte die Vermutung stützen, dass Streusalz die Ursache ist, denn Salz trocknet Pflanzen aus.Ein Lebewesen, mal schwach und mal vital

Erholen sich die Hecken oder gibt es neue Schäden?", stellt der Leiter der Unteren Landschaftsbehörde beim Kreis Aachen, Richard Bollig, die zentrale Frage. Auch für ihn deute vieles darauf hin, dass die Spritzgischt aus Salz und Wasser den Hecken zu schaffen macht. Rätselhaft bleibt allerdings, warum die Pflanzen ausgerechnet im vergangenen Jahr reagierten und warum nur ein Teil. "Die Hecke ist ein Lebewesen, das unterschiedlich schwach oder vital ist", sucht er selbst eine Antwort für die fehlende Systematik. Das ist für Erich Hermes erst einmal alles Nebensache: "Die ist einfach krank, die Hecke", stellt er mit Blick auf seinen mächtigen Windschutz fest. Die Äste im unteren Bereich sind bemoost. Für ihn ist das kein gutes Zeichen. Im Juni sollen Erich Hermes und die anderen Heckenbesitzer Sicherheit haben: Bis dahin werden sie selbst sehen, ob sich ihre Pflanzen erholt haben. Bis dahin wollen auch die Biologen ihre Ergebnisse auf den Tisch legen.

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