1. Region
  2. Vulkaneifel

"In Syrien gibt es keine Zukunft" - Syrer schlägt sich ein halbes Jahr lang nach Europa durch - Neue Heimat in Daun

"In Syrien gibt es keine Zukunft" - Syrer schlägt sich ein halbes Jahr lang nach Europa durch - Neue Heimat in Daun

Ein halbes Jahr schlug sich Sabri Kadib Alban von Syrien nach Europa durch - Hunger, Durst und Angst als ständige Begleiter. Doch für ihn hat sich das Risiko gelohnt. In Daun hat er eine neue Heimat und Freunde gefunden.

Daun. Die Bilder von den griechischen Inseln dürften bei dem Syrer Sabri Kadib Alban viele Erinnerungen wecken. Überfüllte Flüchtlingslager, chaotische Zustände. Auch er hat das auf seiner Flucht erlebt. Aber Sabri hatte Glück. Glück, weil er die Flucht von Syrien nach Deutschland überlebt hat. Glück, weil er in Daun einen guten Freund gefunden hat, der ihm hilft. Glück, weil er nach rund einem Jahr seine Familie, Frau und drei Kinder, wiedersehen kann.
In Syrien wohnte er mit seiner Familie in einer eigenen Wohnung in der Stadt Aleppo im Nordwesten des Landes, nahe der türkischen Grenze. Dort arbeitete der 50-Jährige seit 27 Jahren als Reanimations- und Anästhesieassistent in einem Krankenhaus. Als es zerstört wurde, verliert er den Job. Da habe ihn eine Frau angesprochen, erinnert sich Sabri. Er solle mithelfen, Medikamente zu verteilen. Er wollte nicht. "Wenn ich einer Gruppierung geholfen hätte, wäre eine andere sauer gewesen", erklärt der Kurde. "Ich hatte Angst, dass ich dann getötet werde oder meine Familie bedroht wird."
Zwischen allen Fronten stehend entschließt er sich zur Flucht. Am 1. Juli 2014 macht er sich auf in Richtung türkischer Grenze. Seine Familie lässt er zurück. Sie kommt bei Verwandten unter, als auch die Wohnung zerstört wird. Doch hinter der Grenze fühlt er sich nicht sicher, geht weiter in Richtung Istanbul. Immer zu Fuß - tagelang, wochenlang. Seine Frau hat Familie in der Türkei, die habe ihm geholfen, weiterzukommen, sagt er. Zunächst habe er noch ein paar Mal mit seiner Frau telefonieren können. So wusste die Familie, wo er ist, und dass er noch lebte. Dann ist das Telefon weg. Sabri verstummt bei dem Gedanken an die Familie, die monatelang nichts von ihm hörte.Flucht über Griechenland


Europäischen Boden betritt er erstmals in Griechenland - es ist Anfang September. Über die Details will Sabri nicht sprechen. Er wird still und in seinen Augen sammeln sich Tränen. "Es war schrecklich. Ich will mich nicht erinnern", sagt er in seinem Mischmasch aus gebrochenem Deutsch und Englisch. Er beschränkt sich auf die Städte, durch die ihn seine Flucht führte: Thessaloniki, Athen, Rom - hier kauft ihm der Besitzer eines kurdisch-irakischen Restaurants eine Zugkarte - Mailand, Paris, Köln - das Ende seiner Flucht.
Er kommt in die Auffangstelle nach Trier. "Kein Platz" - das ist seine Erinnerung an Trier. Dann geht es nach Steineberg, die zentrale Aufnahmestelle des Vulkaneifelkreises. Dort gefällt es ihm besser. "Ich konnte schlafen, essen und trinken." Diese Worte sagen mehr über die Monate auf der Flucht, als die aufgelisteten Städte. 18 Kilogramm hat er abgenommen.
Ende Juni durfte er seine Familie nachholen. "Das war mein Weihnachten", sagt der Muslim und lacht. Mittlerweile wohnen sie in einer kleinen Wohnung in Daun. Sabri will in Deutschland bleiben, hat ab September eine größere Wohnung in Aussicht, damit die Familie nicht mehr in zwei Zimmern leben muss. "Für meine Kinder gibt es in Syrien keine Zukunft", erklärt er. Hier können sie alle zur Schule gehen. Er selbst wird nach dem Sprachkurs ein Praktikum beim Roten Kreuz machen und dann als Rettungssanitäter anderen Menschen helfen. Sein syrischer Abschluss wurde anerkannt.
Auch der Dauner Walter Manderscheid hat geholfen, dass Sabris Geschichte ein glückliches Ende nimmt. Im Februar lernten sich beide kennen - Sabri fragte nach dem Weg zum Jobcenter. Seitdem sind die beiden Männer beste Freunde. Die Familien kochen gemeinsam und Manderscheid unterstützt den Syrer bei Behördengängen. Sabri ist dafür dankbar und nennt den Deutschen nur "meinen Bruder".Extra

Knapp vier Millionen Syrer sind wegen des Bürgerkrieges in ihrem Land ins Ausland geflohen. Doppelt so viele sind als sogenannte Binnenvertriebene im eigenen Land auf der Flucht. Ein Großteil der Flüchtlinge lebt in Flüchtlingslagern in Nachbarländern wie der Türkei, dem Libanon oder Jordanien. Deutschland hat seit Beginn des Bürgerkrieges über 100 000 syrische Flüchtlinge aufgenommen, knapp 70 000 haben einen Asylantrag gestellt. Der Rest kam über humanitäre Aufnahmeprogramme nach Deutschland. Sie durchlaufen nicht das Asylverfahren. Ansonsten gilt für syrische Flüchtlinge seit November 2014 ein beschleunigtes Aufnahmeverfahren. Der Asylantrag wird aufgrund der Lage in Syrien fast immer anerkannt. Die Flüchtlinge dürfen zunächst drei Jahre in Deutschland bleiben, hier arbeiten und an Integrationskursen teilnehmen. Quelle: tagesschau.de Im Kreis Vulkaneifel wurden in diesem Jahr bis einschließlich Donnerstag 255 Flüchtlinge aufgenommen, davon 42 aus Syrien, erklärte Pressesprecherin Verena Bernady. cli