Jan - ein Junge mit zwei Mamas und zwei Papas

Daun · Das Leben von Pflegeeltern ändert sich mit der Aufnahme eines Kindes von einem Tag auf den anderen. In den Landkreisen Bernkastel-Wittlich, Bitburg-Prüm und Vulkaneifel gibt es insgesamt 336 Pflegekinder. Beispielhaft berichtet eine Familie aus der Vulkaneifel über ihre Erfahrungen.

Daun. Die Geschichte von Jan (Name geändert) und seinen Pflegeeltern beginnt mit einer Ladung Sand. In kurzer Hose und Unterhemd saß er auf dem Spielplatz des Kinderheims, in dem er lebte. Er sieht das Ehepaar, das ihn bei sich aufnehmen will, wirft ihnen eine Ladung Sand über und lacht. "Wir haben uns sofort in ihn verliebt", erinnert sich sein Pflegevater heute, drei Jahre später. Er und seine Frau wollen namentlich nicht in Erscheinung treten.
Jan ist anders als die meisten anderen Kinder. Seine leiblichen Eltern seien nicht in der Lage gewesen, ihn zu versorgen und richtig zu erziehen. Als Kleinkind wird er aus seiner Familie geholt, einige Zeit verbringt er danach in einem Kinderheim. Bis ihn seine Pflegeeltern bei sich aufnehmen. Inzwischen ist er im Grundschulalter. Die Pflegeeltern haben sich bewusst für die Aufnahme entschieden: "Wir wussten, dass gerade Kinder, die schon größer sind, wegen ihrer Vergangenheit nur schwer eine Familie finden", sagen sie. "Mit den Jahren verfestigte sich unsere Überzeugung, so einem Kind ein Zuhause zu geben."
Das Ehepaar wohnt in einem kleinen Dorf in der Vulkaneifel, in einem Haus mit hellen Möbeln und einem großen Garten. Pflegeeltern zu sein, das haben sie inzwischen am eigenen Leib erfahren, ist nicht immer einfach. "Die ersten Jahre waren sehr, sehr schwer", sagt die Frau Anfang 40. Jan widersetzt sich allen Regeln, er wirft Teller gegen die Wand, wenn ihm das Essen nicht passt, einmal ging er sogar mit einer Kuchengabel auf seine Pflegemutter los. Er wollte seine Pflegeeltern damit auf die Probe stellen, sagt der Vater auf Zeit. "Wenn wir diese Tests bestanden hatten, hat er unsere Nähe gesucht."
Wie viele andere Pflegekinder ist Jan traumatisiert. Deshalb ist er auch bei dem Gespräch mit den Pflegeeltern nicht dabei. Immer wieder hat er sogenannte Flashbacks, bei denen er blitzartig Gefühle aus seiner Vergangenheit neu erlebt. Dabei reagiert er auf Schlüsselreize, die ihn an Erfahrungen erinnern, die er in seiner leiblichen Familie gemacht hat. "So ein Schlüsselreiz kann zum Beispiel der Geruch von Alkohol oder auch ein bestimmter Bartschnitt sein", sagt Jochen Uttendörfer, Traumaexperte aus Traben-Trarbach. "Die betroffene Person gerät in einen Alarmzustand, erstarrt körperlich oder reagiert aggressiv." Letzteres trifft auf Jan zu. Manchmal rastet er aus, ohne selbst zu wissen, warum.
Jan ist ein widersprüchliches Kind. Er sucht nach Lob, kann aber nicht damit umgehen. Er braucht Ordnung, kann sie aber selbst nicht halten. Er will Harmonie und Liebe, kann sie aber nicht aushalten. Auch seine Beziehungen sind ein Spannungsfeld, er liebt seine leiblichen Eltern, aber auch seine Pflegeeltern.
"Es ist uns wichtig, dass die leiblichen Eltern nicht abgewertet werden", sagt die Pflegemutter. Ihr Mann ergänzt: "Wir halten es so, dass wir sagen, er hat zwei Mamas und zwei Papas."
Trotzdem lebt Jan in einer ständigen Zerreißprobe. Was ihm Sicherheit gibt, ist Beständigkeit. Deshalb lebt die Familie in Ritualen. Der Tagesablauf ist immer gleich, die eigenen Bedürfnisse des Ehepaars müssen zurückgestellt werden. "Die Energie, die man dabei für das Kind aufbringt, ist in Ordnung", sagt Jans Ziehvater. "Aber die Energie, die für das Umfeld aufgebracht werden muss, ist furchtbar." Das Umfeld, das sind die Leute im Kindergarten, in der Schule oder auch im Supermarkt, die kein Verständnis für Jan und seine Probleme haben. Es ist ein Kampf, den Pflegeeltern Tag für Tag führen. "Aber wir kriegen die Liebe vielfach von ihm zurück. Es war ein unendliches Gefühl der Freude, so einem Kerlchen eine Familie anzubieten."
Manchmal, erzählen die Pflegeeltern, lebt Jan ein bisschen in seiner eigenen Welt. Dann stellt er sich zum Beispiel vor, er sei Jim Knopf - das Waisenkind, das in den Büchern von Michael Ende mit der Post nach Lummerland kommt und dort von einer Ladenbesitzerin großgezogen wird.
Jim Knopf und Jan, sie haben eines gemeinsam: Beide haben ein neues Zuhause gefunden. Infoveranstaltung: Pflegeeltern empfinden häufig sehr zwiespältige Gefühle, wenn sie über den Kontakt des Pflegekinds mit seinen leiblichen Eltern nachdenken. Dieser Thematik wird am Mittwoch, 26. Oktober, um 20 Uhr im Mehrgenerationenhaus, Kurfürstenstraße 10, in Wittlich nachgegangen. Der Abend wird von Diplom-Psychologe und Supervisor Matthias Prinz gestaltet. redEs gibt verschiedene Formen der Pflege, etwa die Kurzzeitpflege, bei der eine klare Perspektive zur Rückführung in die eigene Familie besteht, oder die langjährige Unterbringung des Kindes in einer Pflegefamilie. Dabei ist eine Rückkehr in die eigene Familie in diesen Fällen selten. Dass ein Kind in eine Pflegefamilie kommt, kann verschiedene Gründe haben. Manche Eltern sind aufgrund einer schweren Krankheit oder eines Unfalls nicht in der Lage, sich selbst um ihr Kind zu kümmern, bei anderen führen Suchtprobleme zur Vernachlässigung. Im Landkreis Vulkaneifel leben insgesamt 60 Pflegefamilien mit 91 Pflegekindern, im Eifelkreis Bitburg-Prüm sind es 86 Pflegefamilien mit 140 Pflegekindern und im Kreis Bernkastel-Wittlich 97 Pflegefamilien mit 105 Pflegekindern.Wer ein Pflegekind bei sich aufnehmen möchte, kann sich beim Jugendamt bewerben. gub