Jede Menge Ideen für das Brunnenareal

Jede Menge Ideen für das Brunnenareal

Was soll auf das Betriebsgelände des Gerolsteiner Brunnens an der B 410 am Stadteingang kommen (und was besser nicht), wie kann davon auch die Innenstadt profitieren, was müssen die am Projekt Beteiligten tun? Das sind derzeit die zentralen Fragen in Bezug auf das große Städtebauprojekt. Stefan Kutscheid, Chef des Planungsbüros Faco, hat zwar keine Patentrezepte, aber interessante Ideen.

Gerolstein. Das 36 000 Quadratmeter große und weitgehend stillgelegte innerstädtische Betriebsgelände des Gerolsteiner Brunnens birgt große Chancen für die Brunnenstadt. Darin sind sich die Verantwortlichen der Stadt, die Gerolsteiner Gewerbetreibenden, Touristiker und Bürger einig. Denn das Unternehmen öffnet das Areal und stellt etwa 28 000 Quadratmeter davon für die Ansiedlung von Geschäften, touristischen Angeboten und Wohnungen zur Verfügung.
Lediglich das Gebäude mit der Brunnenstube sowie die Bereiche der Quellen bleiben unangetastet. "Dennoch schlägt mir von so manchem Gerolsteiner Händler die Angst entgegen, dass dort unten etwas entsteht, das eine Gefahr für die Innenstadt bedeutet", sagt Stefan Kutscheid, Chef des beauftragten Planungsbüros Faco aus Bitburg. Diese Angst könne er nur schwer nachvollziehen. "Denn zusätzliche Frequenz bedeutet grundsätzlich erst einmal die Chance, zusätzliche Konsumenten auch in die Stadt zu bekommen", sagt er.
Faco setzt auf Discounter


Dieser Frequenzbringer kann seiner Ansicht nach nur ein Discounter sein. Sein Stichwort: "Einkauf für den täglichen Bedarf." Der Name Kaufland ist in diesem Zusammenhang bereits gefallen, denn diesen Anbieter gibt es bislang weder in Gerolstein noch in den Nachbarstädten Daun, Prüm und Hillesheim. Und es macht aus Sicht des Planers "ja auch keinen Sinn, einen Anbieter aus der Sarresdorfer Straße wie etwa Hit, Edeka oder DM aufs Brunnengelände zu locken, denn das würde die Stadt nicht voranbringen". Konkrete Verhandlungen gäbe es ohnehin noch keine.
So aber bestünde die Chance, auch Kunden aus den Nachbarstädten nach Gerolstein zu locken. "Und in den ersten vier Wochen werden ohnehin viele aus Neugier kommen. Das ist eine Riesenchance. Dann müssen auch die Gerolsteiner Händler präsent sein und auf sich aufmerksam machen", sagt der Planer und Projektentwickler.
Nicht infrage kommt für ihn die Ansiedlung einer in sich autarken Shopping-Mall beziehungsweise von kleinflächigem Einzelhandel, wie in der Innenstadt. Damit liegt er exakt auf der Linie der Händler in der Innenstadt (siehe Zweittext). Für Kutscheid geht es nicht um ein Konkurrenz-, sondern ein Zusatzangebot: "Die Meinung, dass dieses die Innenstadt kannibalisiere, ist komplett falsch. Zusatzangebote verbunden mit einem Einkaufserlebnis sind für Mittelzentren im Wettbewerb mit Großstädten und dem Internet die einzige Chance."
Vorausgesetzt, der Frequenzbringer sei da, stellt sich die nächste Frage: Wie lockt man die Kunden vom Brunnenareal in die Innenstadt? "Man muss die Kunden neugierig machen auf die Innenstadt", sagt der Planer und nennt als ein Stichwort ein "Mulitimedia-Werbedisplay mit den innerstädtischen Angeboten". Das können entweder direkt neben dem Frequenzbringer installiert werden oder Teil eines Gebäudes ("Stichwort Markthalle") auf beiden Seiten der B 410 sein, unter dem die Autofahrer hindurchfahren müssten.
Er spricht zudem von einem "Walk of fame" zwischen Innenstadt und Brunnenareal, auf dem jedes Jahr mit einem Fest eine verdiente Persönlichkeit verewigt würde.
Knackpunkt Topografie


Zudem schlägt er für die andere Straßenseite vor: "Ein attraktives Gebäude mit Glasaufzug, das anstelle des Dreestreppchens in die Innenstadt führt." Dort könnte ein Ärztehaus untergebracht werden. Denn an der Topografie (das Brunnenareal unten, die Innenstadt zwei, drei Stockwerke höher) sei nun einmal nichts zu ändern. Daher ist es nach Ansicht des Planers und Visionärs "eine der wichtigsten Aufgaben, dass das Angebot der Innenstadt auch dort unten präsent ist". Vor allem aber sei es Aufgabe der Gerolsteiner Geschäftsleute, sich einzubringen: "Natürlich brauchen wir die aktiven und konstruktiven Ansätze der Händler."
Er selbst appelliert an die Geschäftsleute, die Werbung zu intensivieren: etwa mit der Videowand, mit Apps, die jeden, sobald er nach Gerolstein kommt, auf die Angebote aufmerksam macht. Und, und, und. Er sagt: "Das Werben um den Kunden ist zehn Mal wichtiger, als eine Treppe zu bauen." Das Einkaufen in Gerolstein müsse "zum Erlebnis werden". Das könne bei einer Halloween-Einkaufsnacht ebenso sein, wie bei einem Jazzabend mit geöffneten Geschäften.
Und ihm fallen spontan noch zwei weitere Ideen ein, die bereits an anderer Stelle gut funktionieren: "Wenn in Bitburg samstags der holländische Blumenverkäufer in der Stadt ist, ist immer was los. Und im Karnevalscenter in Wittlich ist das ganze Jahr über Party. Da kommen die Leute teilweise von weit her", sagt Kutscheid und versucht zugleich, ein oft formuliertes Argument zu entkräften: "Natürlich kann man das Geld nur einmal ausgeben, aber die Frage ist doch, wo die Leute es ausgeben."
Meinung

Ein Glücksfall in vielerlei Hinsicht
Mit seinen Ideen, die aber noch nicht öffentlich besprochen worden sind, setzt Faco-Chef Kutscheid endlich die notwendige und bereits überfällige Diskussion um die künftige Nutzung des Brunnenareals in Gang. Es wird Zeit, dass die Stadt nachzieht und sowohl Bürger als auch Gewerbetreibende einlädt, die Diskussion mit eigenen Vorschlägen zu bereichern. Vier Augen sehen mehr als zwei. Zwar muss sich für die Umsetzung der gewünschten Projekte letztlich ein Investor finden, und der wird nur etwas machen, das sich auch für ihn lohnt. Doch dieses Vorhaben ist geradezu prädestiniert, die Bürger in die Entwicklung ihrer Heimat einzubinden. Somit ist das Projekt Brunnenareal in vielerlei Hinsicht eine Riesenchance für Gerolstein. m.huebner@volksfreund.deExtra

Das sagen Geschäftsleute der Innenstadt: Fadil Qiku, Eisdiele Hauptstraße: "Ich kann mir auf dem Brunnengelände alles vorstellen, nur keinen kleinen Einzelhandel. Denn der wäre der Tod der Innenstadt. Eine Spielhalle wäre gut, damit Familien mit Kindern ein Schlechtwetterangebot hätten." Sabine Kruft, Ernstings Family: "Ich finde die Hotel-Idee nicht schlecht. Auch wären Geschäfte, die es in der Innenstadt nicht gibt - wie etwa ein Spiel- und ein Schreibwarenladen - eine Bereicherung. Wichtig wäre, dass ein attraktiver Übergang zwischen Brunnenareals und Innenstadt geschaffen wird." Janko Drlic, Balkangrill: "Das Brunnenareal ist eine Chance auch für die Innenstadt. Ich finde zusätzliche Geschäfte okay, und habe auch nichts gegen Gastronomie dort unten. Ich sehe keine Konkurrenz. Im Gegenteil: Das belebt das Geschäft im ganzen Stadtteil. Warum nicht ein Factory-Outlet-Center?" Ulrike Wieck, Cafe Hanebrink: Auf keinen Fall darf da unten Einzelhandel angesiedelt werden. Das wäre der Tod der Innenstadt. Auch bin ich gegen weitere Gastronomie, denn die Bestehende hat bereits genug zu kämpfen. Vollkommen in Ordnung fände ich ein Hotel oder Freizeitmöglichkeiten." mh TV-Fotos (4): Klaus KimmlingExtra

Der kaufmännische Geschäftsführer Joachim Schwarz antwortet auf die Frage, warum das Unternehmen das Areal für eine städtebauliche Nutzung öffne: "Wir wollen etwas für die Stadt tun. Es hilft uns indirekt aber auch, wenn die Heimatstadt unserer Mitarbeiter an Attraktivität gewinnt." Es ist für Schwarz zwar denkbar, dass "wir einen Teil der Flächen verkaufen, aber dann nur an Faco, weil wir in den Projektentwickler Vertrauen haben". Es sei aber nie Ziel des Unternehmens gewesen, "damit Geld zu verdienen. Im Gegenteil: Für uns ist das ein Invest in die Region". Denn das Areal für eine anderweitige Nutzung zu öffnen, sei für den Brunnen "der mit Abstand schwierigste Weg", sagt Schwarz. Dies geschehe daher auch nur unter einigen Grundvoraussetzungen. Schwarz zählt auf: Das Areal bleibt Betriebsgelände des Gerolsteiner Brunnens. Der Schutz der Quellen auf dem Gelände hat oberste Priorität, weshalb auch die sogenannte Brunnenstube (der Gebäudekomplex direkt neben dem Landesbetrieb Mobilität) unangetastet bleibt. Der Boden wird nicht angekratzt, sondern es wird nur auf den Fundamenten der bisherigen Hallen neu gebaut werden. Diese würden sorgsam abgetragen. Und wer bezahlt das? In Teilen auch der Gerolsteiner Brunnen, wie Schwarz durchblicken lässt: "Wir müssen sehen, wie wir die finanzielle Aufteilung hinbekommen. Auch hier gilt: Es ist vieles denkbar, aber nicht alles machbar." mh

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