Jenseits von Neuerburg

Der ehemalige Chirurg des Gesundheitszentrums, Ingvo Müller, hat schon mehrfach in einem Missionskrankenhaus in Malawi gearbeitet. Dort behandelte er auch Erkrankungen, die ihm in Deutschland noch nie begegnet waren.

Neuerburg Wir treffen Dr. Ingvo Müller vor seinem alten Arbeitsplatz - dem Gesundheitszentrum in Neuerburg. Noch bis zum 30. Juni hat der Chirurg dort Patienten behandelt. In Neuerburg habe es keine Zukunft mehr für ihn gegeben, sagt er. Ein Chirurg ohne OP-Saal, da braucht man nicht viel zu erklären.
Im April 2008 war Ingvo Müller mit seiner Familie in die Eifel gezogen. In Neuerburg hatte der Hesse eine eigene Praxis und war Belegarzt im St.-Joseph-Krankenhaus. Bei Muxerath, mitten im Grünen, hatte die Familie ein altes Bauernhaus gefunden. "Die reinste Idylle", sagt er. Dort haben sie sich wohlgefühlt, umgeben von Bäumen, Wiesen und den Schafen, die den Rasen kurzhielten.
Der Rest ist bekannt: Das Krankenhaus wurde Ende September 2014 geschlossen, die Perspektiven für Müller immer schlechter. In dieser, wie er sagt, "frustigen Zeit" springt ihm im Ärzteblatt eine Anzeige ins Auge. Die luxemburgische Fondation St. Zithe der Karmeliterschwestern sucht einen erfahrenen Chirurgen für das St. Gabriel's Hospital im afrikanischen Namitete im Zentrum Malawis.
Im Oktober 2015 nimmt Müller unbezahlten Urlaub und reist für sechs Wochen nach Afrika, um dort zu arbeiten. "Malawi zählt zu den zehn ärmsten Ländern der Welt", sagt der 54-Jährige. Seit den 50er Jahren betreibt der Orden dort eine 250-Betten-Klinik.
Die Verletzungen, die Müller dort jeden Tag behandelt, sind vielfältig: Verbrennungen, Brüche, Weich -teili nfekte, aber auch Krokodilbisse, Tumore oder Darmverschlüsse zählen dazu. "Trotz meiner langjährigen Berufserfahrung begegneten mir dort täglich Krankheitsbilder, die ich nie zuvor gesehen habe", sagt er.
Viele seiner Patienten sind noch ganz jung. Sechs bis sieben Kinder pro Familie sind die Regel. Morgens geht es nach der Besprechung mit seinem Team - Müller ist der einzige Chirurg - zuerst ins Kinderhaus. Dort sind bis zu 150 junge Patienten in zwei Sälen untergebracht. In einem gesonderten Zimmer sind die Verbrennungskinder. "Alle Patienten, die ich dort zu sehen bekommen habe, würden bei uns in einem Verbrennungszentrum liegen. Unvorstellbar, dass die meisten erst nach Tagen zur medizinischen Behandlung gebracht werden", sagt er.
In der Frauen- und Männerstation gibt es jeweils einen Raum mit 14 Betten. Falls diese nicht ausreichen, werden Matratzen auf den Boden gelegt. Die Zustände sind nicht gerade hygienisch. Patienten kämen immer im Beisein ihrer Familie, erzählt Müller. Da sie für die Behandlung zahlen müssen, entscheiden sie, ob der Patient operiert wird oder nicht. "Aus unserer Sicht ist es ein lachhafter Betrag, aber wenn man das durchschnittliche Jahreseinkommen berücksichtigt, kann es schnell um einen Wochen- oder Monatslohn gehen."
So kostet eine ambulante ärztliche Behandlung 1000 Kwacha, das entspricht in etwa 1,20 Euro. "Ein Mädchen, das ich letztes Jahr an einem Oberarmbruch operierte, wobei es zu Komplikationen mit einem längeren Krankenhaus-Aufenthalt kam, musste 20 000 Kwacha zahlen, entsprechend 24 Euro. Dies ist für die meisten Menschen dort ein kleines Vermögen."
In Malawi liegt das durchschnittliche Jahreseinkommen bei umgerechnet 230 Euro. Der Träger habe aber die Devise ausgegeben, dass Notfälle nicht abgewiesen würden, egal ob sie zahlen könnten oder nicht, sagt Müller. Auch wenn das St. Gabriel's Hospital für dortige Verhältnisse recht gut ausgestattet ist - es gibt dort die einzige digitale Röntgenanlage in ganz Malawi - stößt man sehr schnell an die Grenzen der Ressourcen, stellt der deutsche Arzt fest. "Ich habe dort mit Geräten gearbeitet, die ich vorher noch nie gesehen habe", sagt Müller. So braucht er für die Versorgung eines Knochenbruchs mit Kirschnerdraht normalerweise eine Bohrmaschine. In Malawi bekam er stattdessen einen manuellen Bohrer in die Hand gedrückt. "Da muss man sehen, wie man das hinbekommt."
Gips, Wunddrainagen oder Nahtmaterial sind öfter mal Mangelware. Dementsprechend sparsam darf es nur verwendet werden. Für Müller eine Umstellung, da man in Deutschland aus dem Vollen schöpfen kann.
Die Amts- und Dienstsprache ist Englisch, das aber nur etwa ein Zehntel der Einwohner beherrscht. Deswegen übersetzt das Personal im Krankenhaus. Im St. Gabriel's Hospital arbeiten nur fünf Ärzte, davon zwei Einheimische und drei Europäer. Den Großteil der Leistungen, darunter auch viele Operationen wie zum Beispiel Kaiserschnitte, übernehmen "Medical Assistants" oder "Clinical Officers". Auch diese anzuleiten, ist eine Aufgabe der europäischen Ärzte.
Müller behandelt auch Krankheitsbilder, die er nur aus Lehrbüchern kennt. Zum Beispiel ein verdrehter Darm. "So was ist mir zu Hause nie begegnet." Improvisation ist jeden Tag gefragt. Die Arbeit ist oft belastend. Müller ist der einzige Chirurg am Krankenhaus und muss mit allen Situationen zurechtkommen. Dennoch fährt er auch in den darauffolgenden Jahren wieder nach Malawi, zuletzt im März 2017. "Die Tage im St. Gabriel's Hospital sind spannend, interessant, lehrreich und sehr kurzweilig", lautet sein Fazit. "Ich war oft mittags schon fix und fertig. Aber ich habe mich gut dabei gefühlt und mir gedacht, jetzt habe ich was Sinnvolles gemacht." Die Arbeit dort habe ihn bereichert und befriedigt. Auch die Probleme daheim wurden gefühlt kleiner.
"Man gewinnt Abstand", sagt er. "Der Kopf wird gelüftet", sagt seine Frau, Martina Müller. Außerdem fühlen beide eine Verantwortung auch für diesen Teil der Welt. "Wir haben das Glück, dass wir in Deutschland geboren sind", sagt Müller. Auch in Zukunft möchte Ingvo Müller regelmäßig in Malawi aushelfen. Das muss er nur noch mit seinem neuen Arbeitgeber, dem Klinikum Nordfriesland in Niebüll, klären. Der Eifel wird er bald ganz den Rücken kehren. Sein Haus in Muxerath steht zum Verkauf.Extra: ZUR PERSON


Dr. Ingvo Müller, 54 Jahre alt, stammt aus Hessen. An der Justus-Liebig-Universität in Gießen hat er Medizin studiert. 17 Jahre lang hat er im Saarland gearbeitet, bevor es ihn 2008 in die Eifel verschlug. Anfang Juli hat er als Oberarzt in der chirurgischen Abteilung seinen Dienst in der Klinik Niebüll (Kreis Nordfriesland in Schleswig-Holstein) angetreten. Außerdem hat er einen vertragsärztlichen Sitz im medizinischen Versorgungszentrum in Niebüll.

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