Junge Landwirte protestieren gegen die Bundespolitik

Kostenpflichtiger Inhalt: Landwirtschaft : Erkennungszeichen für ihren Protest sind die Traktoren - Junge Landwirte protestieren gegen Bundespolitik

Ihre Eltern oder sie selbst sind in der Landwirtschaft tätig: Was junge Leute wie Hannah Wirtz und Christian Schmitz derzeit unter den Nägeln brennt und wie sie auf Missstände aufmerksam machen (wollen).

Ja, sie hätten Frust, Ärger und Wut im Bauch gehabt, als sie sich an dem Oktober-Dienstag mit ihren Traktoren auf den Weg nach Bonn gemacht hatten (siehe Info), räumen die beiden jungen Leute ein. Landwirtschaft sei harte Arbeit, Vorschriften engten immer mehr ein, gleichzeitig nehme der Druck des Weltmarktes zu, wissen sie. Mit ihren bisherigen landwirtschaftlichen Erfahrungen, ihren Eindrücken von der Großdemo in Bonn und ihren Vorstellungen von ihrer Zukunft hatten sich Hannah Wirtz (22) aus Dreis-Brück und Christian Schmitz (27) aus Bongard an den Trierischen Volksfreund gewandt.

Hannah Wirtz ist auf dem von ihren Großeltern gegründeten und von ihren Eltern weitergeführten, stetig modernisierten Wiesenhof (ein Milchviehbetrieb mit Grünland- und Ackerbau) am Ortsrand von Dreis aufgewachsen. Nach der mittleren Reife absolvierte sie zwei Ausbildungen: zur Tiermedizinischen Fachangestellten und zur Heilerziehungspflegerin. In ihrem zweiten Beruf arbeitet sie seit diesem Sommer. Hat aber bereits mit der Weiterbildung zur Reittherapeutin und zur Fachkraft für tiergestützte Intervention begonnen – als zweites Standbein für den Wiesenhof, so ist Hannah Wirtz’ Plan. Ihr Herz schlage für diesen Hof, sagt sie. Und wenn ihr Bruder Johannes (14) ihn einmal übernimmt (so ist auch dessen Plan), möchte sie mit ihm zusammenarbeiten.

Beide Großeltern von Christian Schmitz hatten kleine Landwirtschaften im Nebenerwerb. Sie hätten zu früh aufgegeben, meint der 27-Jährige mit Blick darauf, dass er sich seinen eigenen (Grünland-)Betrieb neu aufbauen musste. Er sei von Kindheit an von der Landwirtschaft begeistert gewesen, erzählt er. Zwei Wochen nach dem Beginn seiner Ausbildung zum Mechaniker für Land- und Baumaschinen wechselte er in seinen eigentlichen Traumberuf Landwirt – als erster Azubi von Thomas Gottlieb in seinem Heimatdorf Bongard. Nach seiner Gesellenprüfung erwarb Christian Schmitz die Qualifikation zum staatlich geprüften Wirtschafter, anschließend den Meistertitel. Heute hat er neben seinem eigenen kleinen Grünlandbetrieb eine Festanstellung auf einem Hof mit Mutterkuhhaltung und Selbstvermarktung. Er vertreibt Mais-Saatgut. Und restauriert und sammelt Oldtimer-Traktoren.

Die für die Bauern-Demo zuständige Bewegung „Land schafft Verbindung“ sporne ihre Tatkraft und ihren Einsatz an, erklären Hannah Wirtz und Christian Schmitz. Wie sich innerhalb kürzester Zeit mehr als 200 Menschen aus der Landwirtschaft in der Vulkaneifel und Umgebung zur Traktorfahrt nach Bonn über WhatsApp verabredet hätten – „es war unglaublich“, erinnert sich Hannah Wirtz. Mit Plakaten und Bannern, auf denen Botschaften standen wie „Lieber Verbraucher, ich bin noch da. Rede bitte mit mir und nicht über mich“ oder „Sorry, ich wäre jetzt lieber zuhause“ und „Leider werden wir sonst nicht gehört“ seien sie in der Morgendämmerung losgefahren, seien unterwegs immer mehr geworden und hätten sich schließlich in der Poppelsdorfer Allee mitten in der Stadt und (aus Platzgründen) am Stadtrand platziert. „Und zwar in einer Ordnung und Disziplin, die mich total beeindruckt hat und mich immer noch fasziniert“, sagt Christian Schmitz. Aber schließlich laute ja ein Motto des Netzwerks: „Friedlich Lösungen finden, die ein Fortbestehen der Landwirtschaft in Deutschland ermöglichen“.

Gefreut haben sich Hannah Wirtz und Christian Schmitz auch über die vielen positiven Reaktionen unterwegs und in Bonn. Mit dem erhobenen Daumen oder Zurufen wie „Weiter so!“ und „Danke für eure harte Arbeit“ hätten Passanten und Beobachter sie ermutigt.

Genau das sei es, was ihr Berufsstand brauche: mehr Wertschätzung, betont Schmitz. Und erklärt: „Wir produzieren mit Leidenschaft hochwertige Lebensmittel und arbeiten Tag für Tag am Erhalt und der Vielfalt einer wunderschönen Kulturlandschaft.“ Dennoch erschwerten ihnen gerade die negativen Nachrichten das Leben, und Landwirte fühlten sich als Tierquäler, Wasserverschmutzer und Klimakiller diskreditiert.

Er habe aber zurzeit den Eindruck, dass gerade die junge Generation in der Landwirtschaft sich über das Jammern hinwegsetze, vielmehr den Verbraucher an die Hand nehme und ihm zeige, wie es wirklich und richtig sei und wie sein Kauf- und Konsumverhalten die Situation verändern könne. „Darauf setzen wir jetzt den Schwerpunkt“, ergänzt Hannah Wirtz. Und prognostiziert: „Wir werden so schnell nicht von der Bildfläche verschwinden.“

„Wir Junglandwirte und Hofnachfolger halten zusammen“:Christian Schmitz und die Geschwister Johannes und Hanna Wirtz (von links). Foto: Brigitte Bettscheider
22.10.2019, Nordrhein-Westfalen, Bonn: Traktoren fahren im Rahmen einer Demonstration gegen Agrarpläne der Bundesregierung durch die Bonner Innenstadt. Im Umfeld der Bauernproteste kam es zu Verkehrsbehinderungen. Foto: Henning Kaiser/dpa +++ dpa-Bildfunk +++. Foto: dpa/Henning Kaiser

Sie wollen in Zukunft ein Mal in der Woche irgendwo präsent sein. Dabei werde ihr Erkennungszeichen nicht zu übersehen sein, sagt sie lachend. Ein Traktor.

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