Kelberg statt Kabul

Arian Anwari flüchtet als kleines Mädchen aus Afghanistan - zeitweise ohne Familie. Sie wächst in Kelberg auf und lernt die Eifeler kennen und schätzen.

So sieht die vierjährige Arian Anwari aus, als sie nach ihrer Flucht in Kelberg landet (links). Heute ist die gebürtige Afghanin 25 Jahre alt (rechts). Fotos (2): Privat. Foto: (e_daun )

Kelberg/Kabul Überall bunte Verpackungen, gefüllt mit Essen - aber was drin steckt und wie es schmeckt? Keine Ahnung. Als die vierjährige Arian Anwari mit ihren Eltern zum ersten Mal in Kelberg einkauft, herrscht große Ratlosigkeit. Ihre Eltern sprechen nur wenige Worte Deutsch, die sie in der Trierer Aufnahmeeinrichtung gelernt haben. "Für uns war alles neu, auch wie ländlich es hier ist", sagt die heute 25-Jährige.
In Afghanistan hatten sie im belebten Kabul gewohnt, während der Flucht kam sie zeitweise bei einem Onkel in Moskau unter, und jetzt: Felder, Wald, Stille. Und die Nachbarn, mit denen sich die Familie bald anfreundet. Wenige Monate nach der Ankunft in Kelberg lädt Arians Mutter die Nachbarn zum Essen ein - mit Händen und Füßen. Die Speisen werden nach afghanischer Manier auf dem Boden eingenommen und kommen wohl gut an - die Gäste kommen wieder. Die Anwaris und ihre Nachbarn feiern bald Weihnachten, Ostern und Silvester zusammen.
Es tut gut, das Gefühl, angekommen und sicher zu sein, nach der gefährlichen Reise aus Afghanistan. Mit ihrer Familie war die damals dreijährige Arian nach Moskau geflohen, wo sie bei einem Onkel unterkam. Das Ziel war aber von Anfang an Deutschland, weil dort Verwandte lebten. Doch für eine gemeinsame Weiterreise nach Deutschland reicht das Geld nicht. Und so reist die kleine Arian ohne Familie, in der Obhut eines Schleusers, nach Deutschland.
"Die Entscheidung ist meinen Eltern nicht leichtgefallen, aber es blieb ihnen keine andere Wahl", sagt sie heute. Als sie in Deutschland ankommt, warten ihre Mutter, ihr Bruder und ihre Schwester bereits auf sie. Der Vater kommt nach.
Dann ist alles überstanden. Fast. Im Kindergarten sticht die dunkelhaarige Arian mit ihrer brauneren Haut heraus. "Wir waren wohl die einzigen Ausländer in Kelberg", sagt sie. Auch wenn manche Kinder sie Neger oder Hexe nennen - heute nimmt sie ihnen das nicht mehr übel. "Als Kinder wussten sie es nicht besser", sagt sie. Eine Nachbarin wird etwas später zu ihrer besten Freundin.
Nach ihrem Abschluss auf der Realschule zieht sie nach Frankfurt, macht ihr Abitur und studiert soziale Arbeit. Als die Debatte über Flüchtlinge in Deutschland im vollen Gange ist, tritt sie in die SPD ein. In die Arbeitsgruppe Migration und Vielfalt entwirft sie etwa Plakate für den aktuellen Wahlkampf.
Und, was ihr besonders wichtig ist: Sie hat ihre Flucht und ihre Jugend als Migrantin in der Eifel mithilfe einer Schriftstellerin aufgeschrieben. Ihr Buch "Attan - Die Drehung des Lebens" gibt es nun als Taschenbuch bei Amazon zu kaufen. Inzwischen ist sie wieder in der Region tätig: In Kaisersesch (Landkreis Cochem-Zell) betreut sie mit ihrem Bruder eine Mannschaft, in der Flüchtlinge Fußball spielen und dabei die deutsche Kultur kennenlernen können.