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Mit Kamera auf der Pirsch

Mit Kamera auf der Pirsch

SCHÜLLER. Einer Frau ist der Kragen geplatzt: Rechtsanwältin Marianne Mastiaux holt zum Schlag gegen Jagdpächter und Jagdaufseher aus. Angebliche Verstöße: unzulässige Fütterung, illegale Geschäfte und Nötigung. Und die Dauner Untere Jagdbehörde wird angezeigt, weil sie dieses angeblich bisher toleriert hat. Die Beschuldigten dementieren.

"Ich binabsolut kein Jägerhasser, aber für das, was hier passiert, habeich kein Verständnis", sagt Marianne Mastiaux. Als Jagdgenossin,Privatperson sowie Natur- und Tierfreundin wolle sie nicht längerzusehen. Seit 2. November 2002 hat sie jede Woche vierFutterstellen und Kirrungen im Schüllerer Revier beobachtet undakribisch alles festgehalten. Am 14. Januar, also einen Tag bevoroffiziell gefüttert werden darf, schrieb sie einen achtseitigenAnzeigenkatalog, dokumentiert mit fast 70 Fotos, an die UntereJagdbehörde. Zeitgleich verschickte sie die gleichen Unterlagenan die Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd (SGD) in Neustadt,die als Obere Jagdbehörde zuständig ist. Im Anschreiben fordertsie "die Einleitung der gebotenen Ermittlungsverfahren gegenüberder Unteren Jagdbehörde". Grund: Die schwer wiegenden Verstöße,die sie bereits vor Jahren anzeigte, sind angeblich nichtgeahndet worden. Die neue Anzeigenliste liest sich wie ein Krimi.Auf dem Wildacker "Im Jäbsches Kammer" habe sie Anfang Novembermehrere Zentner Äpfel sowie etwa 20 Kilogramm Kastanien gefunden.Allwöchentlich außerdem etwa einen Zentner Apfeltreber, verteiltauf mehrere Haufen. An anderer Stelle weggeschüttetes Hexelfuttergemischt mit Trockenfutter. Außerdem seien Zuckerrüben am sogenannten "Dicken Baum" nur leicht mit Tannenzweigen verdeckt"offenkundig zur Fütterung von Reh- und Rotwild" deponiertworden. Rüben fand sie auch auf der Gemarkung "Im Flungert".Hochsitze stünden in Entfernung von zehn bis 70 Metern zu denFutterstellen. Der gesetzlich vorgeschriebene Abstand betrageaber 200 Meter. "Das ist doch absoluter Quatsch", wehrt sich Jagdaufseher Peter Pfeil gegen die Vorwürfe. Im Schüllerer Revier werde außerhalb der erlaubten Zeit (15. Januar bis 30. April) nicht gefüttert. Allerdings räumt er ein: "Meine Enkelin hat mal einen Fünf-Liter-Eimer voll mit Kastanien auf einem Wildacker für die Hasen ausgekippt. Das Wild frisst überhaupt keine Kastanien, und Äpfel oder Apfeltreber verfüttern wir sowieso nicht."

Kein Stück Wild an Futterstelle geschossen

Apropos Äpfel. Walter Esch ist Jagdgenossenschaftsvorsitzender und bekennt: "Ich habe nicht lagerfähiges Fallobst von meinen Apfelbäumen in den Wald gebracht, damit das Wild was davon hat." Als Jäger wisse er, dass es gesetzwidrig sei, aber es sei kein Stück Wild an der Futterstelle geschossen worden.

Der niederländische Pächter Alfons Consten wollte auf TV -Anfrage keine Stellung beziehen. Er warte einfach ab. Constens Familie ist seit mehr als 40 Jahren Pächter des 500 Hektar großen Reviers in Schüller und zahlt dafür einen Pachtzins von etwa 10 000 Euro im Jahr.

Karl-Ludwig Pentzlin, Leiter des zuständigen Forstamtes Schneifel, nimmt seine Förster in Schutz: "Es ist nicht unsere Pflicht, Fütterungen abzulaufen. Wir sind bei Verstößen auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen." Der diensthabende Förster für den Gemeindewald habe nur selten in den genannten Bereichen zu tun und könne Unregelmäßigkeiten deshalb auch nur zufällig entdecken. Unzulässige Fütterungen gelten als Ordnungswidrigkeit und seien maximal mit 5000 Euro Bußgeld je Fütterung und Futterstelle zu ahnden.

Doch damit gibt sich Mastiaux nicht zufrieden. Sie fordert auf Seite sieben des Schriftsatzes: "Aufgrund der beharrlichen Regelverstöße sollte neben der Geldbuße auch das Jagdausübungsverbot ausgesprochen werden." Außerdem soll die amtliche Bestätigung des Jagdaufsehers Pfeil widerrufen werden. Davon lässt sich die Untere Jagdbehörde vorerst nicht beeinflussen. Die SGD Süd hat sie um eine Stellungnahme gebeten. Heinz-Peter Hoffmann, Pressesprecher der Kreisverwaltung in Daun, erklärt: "Das Ermittlungsverfahren ist eingeleitet, und die Anhörung aller Beteiligten läuft." Zu den Vorwürfen, dass die Behörde bisher nicht reagiert haben soll, sagt er: "Seit 2000 sind drei Anzeigen von Frau Mastiaux bei uns eingegangen. Wir sind den Vorwürfen nachgegangen, und die Bußgeldstelle hat die Verfahren eingestellt, weil der Nachweis nicht zweifelsfrei erbracht werden konnte." Mastiaux habe Fotos beigelegt, die älter als ein Jahr gewesen seien. Diese Erfahrung hat die Anwältin jetzt besonders exakt vorgehen lassen, wie sie sagt. Walter Esch, Vorsitzender der Jagdgenossenschaft, versteht den detektivischen Stil nicht. Er meint: "Das ist doch Sache der Behörde. Sie hätte sie schon beim angeblich ersten Verstoß einschalten müssen. Es scheint, als wenn sie krampfhaft etwas sucht, was gegen das Dorf gerichtet ist."

Mastiaux erhebt derweil weitere Vorwürfe: Eine "mit Vorhängeschloss gesicherte Futterhütte mit beidseitigen Futterraufen", der Größe nach baugenehmigungspflichtig, sei ohne Erlaubnis gebaut worden. Außerdem werde der Jeep des Jagdpächters, der in den Niederlanden zugelassen ist, ausschließlich im Schüllerer Forst gefahren. Angeblich ist das nicht erlaubt.

Anwältin: Hier werden Geschäfte gemacht

Nicht im Schriftsatz, aber im Gespräch mit dem Trierischen Volksfreund äußert die Anwältin weitere Vorwürfe: "Hier werden Geschäfte gemacht. Da werden Abschüsse verkauft, und Beteiligungen müssen angezeigt werden." Das sei "völlig aus der Luft gegriffen", antwortet Jagdaufseher Pfeil. Ortsbürgermeister Stefan Bungartz meint: "Das ist pure Spekulation und mir völlig fremd. Es sind keine Beteiligungen angezeigt."

Die aktuellen Abschusszahlen sprechen angeblich auch eine andere Sprache. Nach Pfeils Rechnung wurden bisher lediglich drei Sauen und elf Stück Rehwild geschossen. Damit sei der Abschussplan nicht erfüllt, und seit zwei Jahren sei auch kein Stück Rotwild mehr erlegt worden.