Mit Turmwächter Nikolaus durch Kerpen

Mit Turmwächter Nikolaus durch Kerpen

In der Gestalt des Turmwächters Nikolaus begleitet die geprüfte Gästeführerin Birgit Becker in Zukunft einmal im Monat Einheimische und Gäste durch das Burgdorf Kerpen. Dabei berichtet sie aus der Geschichte und erzählt Geschichten. Bei der Premiere war der Trierische Volksfreund mit von der Partie.

Kerpen. "Von janz fröher" sei nun die Rede, sagt Birgit Becker im Kerpener Dialekt zu Beginn des Streifzugs durch das Dorf, das früher Stadt- und Marktrechte hatte und eine Mauer mit sechs Türmen. Bewacht wurden die Türme von Männern wie Nikolaus. Und in dessen Rolle ist Birgit Becker nun geschlüpft, trägt Jacke und Kappe aus dunkelrotem Samt und weiße Strümpfe zur hellbraunen Kniebundhose.

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Nach einem Qualifizierungsseminar an der Volkshochschule Bitburg hatte die 46-jährige Familienfrau im vorigen September die Prüfung zur Gästeführerin abgelegt und die Idee entwickelt, Bürgern und Touristen die Geschichte ihres Dorfs in der Gestalt eines Turmwächters aus dem 17. Jahrhundert zu präsentieren. Den Rahmen der historischen Führung bilden ihre Informationen über das heutige Kerpen (420 Einwohner, acht Betriebe, mehrfache Auszeichnungen für das schöne Ortsbild) und über Fritz von Wille (Eifelmaler, Burgherr, Ehrenbürger).

Erste Station ist die Kreuzung an der Eulersteierstraße. Von dort aus sieht man Burg und Burgkapelle, und nah bei den vorbildlich restaurierten alten Häusern sind die Nachbildung eines Prangers und der wiederbelebte Dorfbrunnen. Dort versetzt Birgit Becker die Teilnehmer ins Mittelalter zurück, als es im Ortskern entlang von engen, schmutzigen Gassen vier- bis sechsstöckige Häuser mit brandgefährdeten Strohdächern gab.

Auf ihren Knopfdruck hin sind vom Band das Stimmengewirr von Händlern und Besuchern und das Schnauben von Pferden zu hören. "Hier betrieb eine Witwe einen kleinen Krämerladen in ihrer Wohnstube", erzählt sie vor einem seit fast 100 Jahren leerstehenden Häuschen in der Straße "Am Hermesturm". Noch heute nennen die Kerpener es das "Spukhaus". Waren doch vor mehreren Ohren- und Augenzeugen trockene Erbsen in dem Haus herumgesprungen und hatte sich der Stubenschrank doch quer über das Bett gelegt. Die Witwe habe eine Verwünschung ausgesprochen, die wohl auf sie selbst zurückgefallen sei, halte sich hartnäckig als Erklärung für die mysteriösen Vorgänge, sagt Birgit Becker.

Zu Orgelmusik führt sie ihre Gruppe in die Burgkapelle, von Trommel- und Fanfarenklängen ist der Gang zur Burg begleitet. Deren Erbauung im 12. Jahrhundert, ihr vorläufiges Ende durch den Franzosensturm, den Wiederaufbau der Ruine nach 200 Jahren, die drei Jahrzehnte nach 1911, in denen Fritz von Wille Burgbesitzer war, nennt sie als die Eckdaten der markanten Anlage.

Am Grabmal von Fritz von Wille verabschiedet sie sich. Gut zwei Stunden hat die Führung gedauert - inklusive der Kostprobe vom Hasenbrot in der Bäckerei von Leo Emondts.

"Ich hoffe, dass noch viele Menschen Birgit Becker in die Geschichte Kerpens folgen", sagt Dieter Kowarzik dem TV. Der 70-jährige Bauingenieur aus Düsseldorf und seine Frau haben seit 2002 einen Zweitwohnsitz in Kerpen. "Wegen der wunderschönen Gegend und der Lebendigkeit des Ortes", erklärt er. Die Führung von Birgit Becker habe ihm sehr gut gefallen. "Ihre Erklärungen sind fundiert und unterhaltsam, die Rolle des Turmwächters steht ihr ausgezeichnet", meint er.

Die Gästeführung ist an jedem ersten Samstag im Monat. Treffpunkt ist um 10.30 Uhr an der Bushaltestelle in der Fritz-von-Wille-Straße. Die Teilnahme kostet fünf Euro für Erwachsene und 2,50 Euro für Kinder, Info und Anmeldung unter Telefon 06593/809200.

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